Warum manche Menschen bei veganen Schnitzeln ausflippen

Ich gebe es zu: Ich habe mich früher oft gefragt, warum ausgerechnet vegane Schnitzel und vegane Wurst so viel Drama auslösen. Warum Menschen, die sonst jeden Tag völlig ungerührt an meterlangen Fleischtheken vorbeilaufen, plötzlich in eine Art kulturellen Verteidigungsmodus schalten, sobald irgendwo „vegan“ auf einer Verpackung steht. Und warum ausgerechnet Wörter wie Schnitzel oder Wurst – die sprachhistorisch absolut nichts mit Tierprodukten zu tun haben – zu Schlachtfeldern werden.

Je länger ich mich damit beschäftige, desto klarer wird mir: Es geht nicht ums Essen. Es geht nicht um Sprache. Es geht nicht um Tradition. Es geht um Identität, Macht, Gewohnheit – und um die Angst, sich selbst im Spiegel zu sehen.

Und, das kommt noch dazu: Es geht auch um fehlendes Wissen, fehlende Bereitschaft zur Recherche und gezielte Desinformation durch Akteur:innen, die ein finanzielles Interesse daran haben, dass Tierprodukte weiterhin dominieren.

In diesem Artikel erzähle ich Dir, warum das so ist, wie diese Mechanismen funktionieren und warum vegane Produkte für manche Menschen eine Art Trigger sind, der viel tiefer sitzt als jede kulinarische Vorliebe.


Sprache als Territorium: Wenn Wörter plötzlich Besitz werden

Fangen wir mit der sprachlichen Ebene an, weil sie oft als erstes vorgeschoben wird. Ich höre immer wieder Sätze wie:

– „Das darf nicht Schnitzel heißen.“
– „Wurst ist aus Fleisch, Punkt.“
– „Sollen sie sich eigene Wörter ausdenken.“

Das klingt nach Sprachpflege, ist aber in Wahrheit ein Machtanspruch. Denn historisch bedeutet Schnitzel schlicht „kleines abgeschnittenes Stück“. Und Wurst bedeutet „etwas Gedrehtes/Gefülltes“. Beides beschreibt Form, nicht Inhalt.

Viele Menschen wissen das schlicht nicht. Und das wäre nicht schlimm – niemand kann alles wissen. Aber was mich irritiert, ist die Kombination aus Unwissen und Überzeugung, also dieses selbstbewusste Behaupten von Dingen, die man in zwei Minuten hätte nachschlagen können.

Es ist nicht das Nichtwissen, das problematisch ist. 
Es ist die Weigerung, Wissen überhaupt zu suchen.

Und genau da wird Sprache zum Territorium. Wer über Wörter streitet, streitet selten über Wörter. Er verteidigt sein Selbstbild.


Kognitive Dissonanz: Wenn vegane Produkte zum Spiegel werden

Viele Menschen wissen, dass Massentierhaltung ethisch, ökologisch und sozial problematisch ist. Sie wissen, dass Tiere leiden. Sie wissen, dass die Klimabilanz katastrophal ist. Sie wissen, dass es Alternativen gibt.

Aber sie wollen ihr Verhalten nicht ändern.

Das erzeugt eine Spannung zwischen Selbstbild und Realität. Psycholog:innen nennen das kognitive Dissonanz. Und die einfachste Art, diese Spannung zu reduzieren, ist nicht Veränderung, sondern Abwehr.

Vegane Produkte erinnern daran, dass es auch anders geht. Sie sind ein stiller Hinweis darauf, dass man eine Wahl hat. Und genau deshalb werden sie für manche Menschen zum Trigger.


Fleisch als Identitätsmarker: Männlichkeit, Normalität und Macht

Ich bin männlich, und ich habe früh gemerkt, wie stark Fleischessen mit Männlichkeit verknüpft wird. Nicht nur in der Werbung, sondern im Alltag. Grillen, Steak, „echtes Essen“ – das sind kulturelle Codes. Und vegane Alternativen wirken für manche wie ein Angriff auf diese Codes.

Wenn jemand sagt: „Ein echtes Schnitzel ist aus Fleisch“, dann meint er oft: 
„Ein echter Mann isst Fleisch.“

Vegane Produkte verwischen diese Grenze. Und das macht vielen Angst.


Verlustangst: Wenn gesellschaftlicher Wandel Angst macht

Vegane Produkte stehen nicht nur für eine andere Ernährung. Sie stehen für:

– Klimawandel 
– Tierethik 
– Nachhaltigkeit 
– politische Verantwortung 
– Veränderung von Normen 

Für manche Menschen ist das eine Bedrohung. Nicht, weil sie etwas verlieren würden, sondern weil sie spüren, dass sich die Welt verändert – und sie sich vielleicht mitverändern müssten.


Moralische Abwehr: Wenn vegane Produkte als Vorwurf gelesen werden

Das Spannende ist: Veganer:innen müssen gar nichts sagen. Allein die Existenz veganer Alternativen wird von manchen als moralischer Angriff empfunden.

Ich esse mein veganes Schnitzel, niemand sagt etwas – und trotzdem kommt ein Kommentar wie:

– „Musst Du uns jetzt ein schlechtes Gewissen machen?“ 
– „Ach, Du bist also besser als wir?“ 
– „Ich esse, was ich will!“ 

Die Kritik entsteht im Kopf derjenigen, die sich angegriffen fühlen – nicht bei denen, die vegan essen.


Fehlende Bildung und gezielte Desinformation

Ich bin fest davon überzeugt, dass ein großer Teil der Aufregung schlicht aus Unwissen entsteht. Viele Menschen kennen die Wortherkunft nicht. Sie wissen nicht, dass „Schnitzel“ und „Wurst“ Formbegriffe sind. Sie wissen nicht, dass Sprache sich ständig verändert. Sie wissen nicht, dass Begriffe nie exklusiv waren.

Und das wäre alles halb so wild, wenn nicht noch etwas dazukäme:

Faulheit, Dinge zu überprüfen
Wir leben in einer Zeit, in der jede:r ein Smartphone in der Tasche hat, aber viele Menschen trotzdem lieber Behauptungen wiederholen, statt sie zu prüfen. 
Es ist einfacher, sich aufzuregen, als zwei Minuten zu recherchieren.

Nachplappern von Lobby-Narrativen
Und dann gibt es da noch die Akteur:innen, die ein finanzielles Interesse daran haben, dass Tierprodukte weiterhin dominieren. 
Die Fleischindustrie, große Agrarkonzerne, bestimmte Verbände – sie alle profitieren davon, wenn vegane Alternativen klein gehalten werden.

Diese Gruppen verbreiten Narrative wie:

– „Vegane Produkte sind unnatürlich.“ 
– „Das ist alles Chemie.“ 
– „Die wollen uns unser Essen wegnehmen.“ 
– „Das darf nicht Wurst heißen.“ 

Nicht, weil es stimmt, sondern weil es ihre Gewinne schützt.

Viele Menschen übernehmen diese Narrative ungeprüft. Nicht aus Bosheit, sondern aus Gewohnheit. Aus Bequemlichkeit. Aus mangelnder Medienkompetenz.


Was ich daraus gelernt habe

Ich habe irgendwann aufgehört, mich über die Reaktionen zu wundern. Stattdessen beobachte ich sie. Und ich sehe Muster:

– Menschen verteidigen nicht das Schnitzel, sondern ihr Selbstbild. 
– Menschen streiten nicht über Wurst, sondern über Macht. 
– Menschen lachen nicht über vegane Produkte, sondern über ihre eigene Unsicherheit. 
– Menschen kämpfen nicht gegen Soja, sondern gegen Veränderung. 
– Und viele wissen schlicht nicht, wovon sie reden – und wollen es auch gar nicht wissen. 


Warum ich trotzdem bei den Begriffen bleibe

Ich benutze weiterhin Wörter wie Schnitzel und Wurst. Nicht aus Trotz, sondern aus sprachlicher Klarheit. Ein Schnitzel ist eine Form. Eine Wurst ist eine Form. Sprache gehört niemandem.

Und ich lasse mir nicht vorschreiben, wie ich Dinge nennen darf, nur weil jemand Angst vor Veränderung hat – oder weil eine Industrie ihre Marktanteile schützen will.


Was Du aus all dem mitnehmen kannst

Wenn Du vegan lebst oder vegane Produkte nutzt, wirst Du diese Reaktionen kennen. Vielleicht nerven sie Dich. Vielleicht verletzen sie Dich. Vielleicht langweilen sie Dich.

Aber vielleicht hilft Dir dieser Gedanke:

– Die Reaktion hat nichts mit Dir zu tun. 
– Sie hat alles mit der Person zu tun, die reagiert.

Du bist nicht der Angriff. 
Du bist der Spiegel. 
Und manche Menschen brauchen Zeit, um hineinzuschauen.


Und während wir warten, passiert das Entscheidende: Die Realität läuft weiter

Es wäre ja schön, wenn „Zeit“ ein neutraler Faktor wäre. Wenn wir sagen könnten: „Die Leute brauchen halt ein bisschen, um sich an Neues zu gewöhnen.“ 
Aber so funktioniert die Welt nicht.

Zeit hat Konsequenzen.

Jede Woche, in der Menschen lieber über Wörter streiten, statt sich mit Fakten zu beschäftigen, bedeutet:

– weiter verschwendete Ressourcen 
– weiter zerstörte Umwelt 
– weiter steigende Gesundheitsrisiken 
– und vor allem: weiter getötetes, unschuldiges Leben 

Das ist der Teil, den viele nicht sehen wollen. Oder nicht sehen können. Oder nicht sehen dürfen, weil ihnen jemand eingeredet hat, dass es „schon nicht so schlimm“ sei.

Aber es ist schlimm.

Und genau deshalb ist es so frustrierend, wenn Menschen lieber über die Bezeichnung „vegane Wurst“ diskutieren, statt über die Realität dahinter. 
Denn während sie sich an Worten festklammern, läuft das System weiter – effizient, brutal, profitabel.

Der Streit um Begriffe ist ein Ablenkungsmanöver. 
Ein Nebelvorhang. 
Ein bequemer Ort, an dem man sich empören kann, ohne etwas ändern zu müssen.

Doch die Welt verändert sich nicht durch Empörung. 
Sie verändert sich durch Entscheidungen.

Und jede Entscheidung, die nicht getroffen wird, ist trotzdem eine Entscheidung – nur eben für den Status quo.

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