Es gibt Begriffe, die tauchen in politischen Diskussionen immer wieder auf, aber fast ausschließlich aus einer bestimmten Ecke. „Linksgrün versifft“, „Linksfaschismus“, „Geschichten aus dem Paulanergarten“ – all das habe ich mir schon vorgenommen. Heute geht es um einen weiteren dieser Kampfbegriffe: Altparteien.
Ein Wort, das so tut, als wäre es eine neutrale Beschreibung, dabei aber ein ganzes Weltbild transportiert. Ein Wort, das nicht erklären will, sondern abwerten. Ein Wort, das nicht analysiert, sondern Schuld verteilt. Und zwar immer in dieselbe Richtung.
Und genau da wird es spannend: Denn dieser Begriff ist nicht einfach so vom Himmel gefallen. Er steht in einer längeren Tradition politischer Sprache – und diese Tradition ist alles andere als harmlos.
Bevor ich aber auf die Wortgeschichte eingehe, müssen wir über etwas anderes reden: Was ist eigentlich „die Lage“, von der da immer die Rede ist?
Denn wenn jemand behauptet, „die Altparteien“ hätten „uns in diese Lage gebracht“, dann lohnt es sich, einmal genau hinzuschauen, was damit gemeint ist – und was nicht.
Was ist denn nun „die Lage“?
Ich mache es kurz:
Deutschland ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt.
Nicht das drittgrößte Land.
Nicht das drittbevölkerungsreichste Land.
Nicht das drittrohstoffreichste Land.
Sondern: die drittgrößte Volkswirtschaft.
Das ist die Lage.
Wir sind ein Land, das trotz seiner Größe, trotz seiner Geschichte, trotz seiner geografischen Lage und trotz seiner begrenzten natürlichen Ressourcen zu den reichsten, stabilsten und innovativsten Ländern der Erde gehört. Und ja: Das ist nicht vom Himmel gefallen. Das ist das Ergebnis politischer Entscheidungen – über Jahrzehnte hinweg.
Entscheidungen, die von genau den Parteien getroffen wurden, die heute als „Altparteien“ beschimpft werden.
„Aber alles ist schlecht!“ – Wirklich?
Natürlich läuft nicht alles perfekt. Natürlich gibt es Probleme, Herausforderungen, Fehlentscheidungen, politische Sackgassen, Reformstau, Bürokratie, Streit, Kompromisse, die weh tun. Ich bin mit vielen Entscheidungen der SPD, CDU/CSU, Grünen und FDP nicht einverstanden. Ich hab sogar Kritik an Die Linke. Und das ist völlig normal. Demokratie ist kein Wunschkonzert, sondern ein Aushandlungsprozess.
Aber aus Kritik wird erst dann Propaganda, wenn man die Realität verzerrt, bis sie ins eigene Weltbild passt.
Und genau das passiert, wenn man so tut, als sei Deutschland ein gescheitertes Land, ein Trümmerhaufen, ein Ort des Niedergangs. Das ist nicht Analyse, das ist Stimmungsmache.
Woher kommt der Begriff „Altparteien“ eigentlich?
Spannend wird es, wenn man sich anschaut, wie der Begriff gebaut ist und wo er sich einreiht.
„Altparteien“ klingt auf den ersten Blick harmlos:
Da sind eben Parteien, die es schon länger gibt. So weit, so unspektakulär.
Aber Sprache ist nie nur Beschreibung, sie ist immer auch Bewertung.
„Alt“ ist hier nicht neutral, sondern abwertend gemeint:
alt = verbraucht, korrupt, verkrustet, ideenlos, Teil eines „Systems“.
Und genau dieses Muster kennen wir aus der Geschichte.
Parallelen zur Sprache der NSDAP
In der Weimarer Republik hat die NSDAP selten einfach von „anderen Parteien“ gesprochen. Sie hat Begriffe benutzt wie:
– „Systemparteien“ – um alle demokratischen Parteien als Teil eines angeblich verrotteten Systems zu markieren.
– „Novemberparteien“ – in Anspielung auf die Novemberrevolution 1918 und die „Novemberverbrecher“-Propaganda, um die demokratischen Kräfte zu delegitimieren.
– „Marionettenparteien“ oder „Erfüllungsgehilfen“ – um zu suggerieren, diese Parteien handelten nicht im Interesse „des Volkes“, sondern im Auftrag fremder Mächte.
Das Muster ist immer dasselbe:
– Man benennt die anderen nicht neutral, sondern etikettiert sie.
– Man macht aus politischen Gegner:innen ein „System“.
– Man stellt sich selbst als einzige echte Alternative dar.
Der Begriff „Altparteien“ funktioniert nach genau diesem Prinzip:
Er ist kein analytischer Begriff, sondern ein Kampfbegriff, der die demokratische Konkurrenz abwerten soll.
Populistische Tradition: „Wir gegen die da oben“
Auch international gibt es ähnliche Begriffe:
– „Establishment parties“
– „old parties“
– „the old elites“
Rechtspopulistische und rechtsextreme Bewegungen nutzen solche Wörter, um ein klares Bild zu zeichnen:
– Wir = neu, frisch, unverbraucht, ehrlich, „volksnah“
– Die = alt, korrupt, abgehoben, Teil eines „Systems“
Der Begriff „Altparteien“ ist also kein Zufall, sondern Teil einer bewussten sprachlichen Strategie:
Er soll nicht erklären, wie Politik funktioniert, sondern markieren, wer angeblich „gegen das Volk“ arbeitet.
Warum der Begriff „Altparteien“ so beliebt ist
Der Begriff ist ein Werkzeug. Ein rhetorischer Hebel. Ein Framing. Und er erfüllt mehrere Funktionen gleichzeitig:
1. Delegitimierung
„Alt“ klingt nach:
– verbraucht
– korrupt
– ideenlos
– verkrustet
– Teil eines Systems, das angeblich „gegen das Volk“ arbeitet
Es ist ein Etikett, das nicht beschreibt, sondern abwertet.
So wie „Systemparteien“ damals nicht beschreiben sollte, dass Parteien in einem System existieren (was trivial ist), sondern, dass dieses System angeblich illegitim sei.
2. Selbstinszenierung
Wenn alle anderen „alt“ sind, ist man selbst automatisch:
– neu
– frisch
– unverbraucht
– revolutionär
Das ist politisches Marketing, kein politisches Programm.
Die AfD muss gar nicht im Detail erklären, was sie besser machen würde – es reicht, wenn sie sich als „nicht alt“ inszeniert.
3. Vereinfachung
Komplexe politische Landschaft?
Verschiedene Parteien mit unterschiedlichen Positionen?
Historische Entwicklungen?
Ökonomische Zusammenhänge?
Alles egal.
Es gibt nur noch zwei Kategorien:
Wir und die Altparteien.
Das ist das klassische populistische „Wir gegen die da oben“-Narrativ.
Es macht die Welt einfacher – aber eben auch falsch.
4. Emotionalisierung
Der Begriff soll nicht informieren, sondern Gefühle triggern:
– Frust
– Wut
– Enttäuschung
– Misstrauen
Je diffuser das Gefühl, desto besser funktioniert der Begriff.
Wer „Altparteien“ sagt, muss nicht erklären, was genau falsch lief – es reicht, ein allgemeines „Die da oben haben alles versaut“-Gefühl anzusprechen.
Die AfD hat zu diesem Wohlstand nichts beigetragen
Und jetzt kommt der Punkt, an dem das Ganze richtig absurd wird.
Die wirtschaftliche Stärke Deutschlands entstand:
– lange vor der AfD
– durch Regierungen verschiedenster Zusammensetzungen
– durch demokratische Institutionen
– durch soziale Marktwirtschaft
– durch Gewerkschaften, Unternehmen, Arbeitnehmer:innen
– durch internationale Kooperation
– durch politische Stabilität
Die AfD existiert erst seit 2013.
Sie hat nie regiert.
Sie hat nie Verantwortung getragen.
Sie hat nie Entscheidungen getroffen, die dieses Land aufgebaut hätten.
Und trotzdem behauptet sie, alle anderen hätten versagt – und nur sie wüssten, wie es geht.
Das ist ungefähr so, als würde jemand in ein voll gedecktes Restaurant kommen, sich an einen Tisch setzen, den Teller leer essen und dann behaupten, die Köch:innen hätten keine Ahnung, wie man kocht.
Und was ist mit legitimer Kritik?
Die gibt es. Die braucht es. Die ist wichtig.
Ich selbst habe genug Kritik an allen Parteien, die dieses Land regieren oder regiert haben. Ich bin nicht mit allem einverstanden, was SPD, CDU/CSU, Grüne, FDP oder auch Die Linke tun oder getan haben.
Aber Kritik ist etwas anderes als Verachtung.
Kritik ist etwas anderes als Delegitimierung.
Kritik ist etwas anderes als Demokratieverachtung.
Und Kritik ist vor allem etwas anderes als der Versuch, die Komplexität eines Landes auf ein einziges Feindbild zu reduzieren.
Wenn ich sage:
„Diese Entscheidung war falsch“,
dann ist das Kritik.
Wenn ich sage:
„Die Altparteien haben alles zerstört“,
dann ist das kein Argument mehr, sondern ein Schlagwort.
„Nichts ist ein Grund, Nazis zu wählen“
Ich sage das bewusst klar und ohne Relativierung:
Nichts ist ein Grund, Nazis zu wählen.
Nicht Frust.
Nicht Wut.
Nicht Enttäuschung.
Nicht das Gefühl, nicht gehört zu werden.
Nicht der Wunsch nach Veränderung.
Es gibt viele Wege, politisch unzufrieden zu sein.
Es gibt viele Wege, politisch aktiv zu werden.
Es gibt viele Wege, politische Alternativen zu suchen.
Aber es gibt keinen legitimen Weg, eine Partei zu unterstützen, die demokratische Institutionen verachtet, Minderheiten angreift, Menschen gegeneinander aufhetzt und mit Begriffen arbeitet, die aus dem Werkzeugkasten autoritärer Ideologien stammen.
Und ja: Wenn jemand Nazis wählt, dann ist der wahrscheinlichste Grund, dass er selbst entsprechende Überzeugungen teilt. Das muss man nicht schönreden.
Warum ich darüber schreibe
Ich schreibe diesen Artikel nicht, weil ich irgendeine Partei verteidigen will. Ich schreibe ihn, weil ich es absurd finde, wie leichtfertig manche Menschen Begriffe übernehmen, die nicht beschreiben, sondern manipulieren sollen.
Ich schreibe ihn, weil ich es wichtig finde, die Dinge beim Namen zu nennen.
Ich schreibe ihn, weil ich es gefährlich finde, wenn politische Kommunikation nur noch aus Schlagworten besteht, die mehr Nebel erzeugen als Klarheit.
Und ich schreibe ihn, weil ich überzeugt bin, dass Demokratie nicht daran scheitert, dass Menschen Fehler machen – sondern daran, dass Menschen aufhören, zwischen Fehlern und Feindbildern zu unterscheiden.
Fazit: Wenn wir über „die Lage“ reden, dann bitte ehrlich
Die Lage ist nicht perfekt.
Die Lage ist nicht einfach.
Die Lage ist nicht frei von Problemen.
Aber die Lage ist auch nicht der Untergang des Abendlandes.
Die Lage ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt.
Die Lage ist ein stabiles demokratisches System.
Die Lage ist ein Land, das trotz aller Herausforderungen funktioniert.
Die Lage ist ein Wohlstand, der über Jahrzehnte aufgebaut wurde.
Und ja:
Die Lage ist das Ergebnis der sogenannten Altparteien.
Wenn man das kritisieren will – bitte.
Wenn man das verbessern will – sehr gern.
Wenn man darüber diskutieren will – unbedingt.
Aber wer so tut, als sei dieses Land ein Trümmerfeld, nur um politische Stimmung zu machen, der hat kein Interesse an Lösungen.
Der hat nur Interesse an Macht.
Und dafür lasse ich mich nicht instrumentalisieren.