Brief an mein 100‑jähriges Ich

Moin!

Wenn du diese Zeilen liest, dann hast du ein Jahrhundert Menschheitsgeschichte erlebt — und ich hoffe, dass es eine Geschichte ist, die nicht in den Abgrund gekippt ist. Ich schreibe dir aus einer Zeit, in der vieles brennt: Demokratien wanken, Menschen fliehen vor Kriegen, rechte Bewegungen gewinnen an Einfluss, und Empathie scheint manchmal wie eine Ressource, die zur Neige geht. Ich schreibe dir aus einer Zeit, in der Angst ein ständiger Begleiter ist — nicht lähmend, aber wachsam.

Ich frage mich, ob ihr es geschafft habt, die Kurve zu kriegen. Ob die Gesellschaft gelernt hat, dass Hass keine Stabilität bringt, dass Abschottung keine Sicherheit schafft, dass Menschenrechte nicht verhandelbar sind. Ich hoffe, dass ihr Wege gefunden habt, Konflikte zu lösen, bevor sie zu Kriegen wurden. Dass ihr verstanden habt, dass globale Probleme globale Antworten brauchen — und dass diese Antworten nicht aus Ausgrenzung, sondern aus Zusammenarbeit bestehen.

Ich wünsche mir, dass du in deiner Welt auf mehr Mitgefühl triffst als ich in meiner. Dass Menschen wieder gelernt haben, einander zuzuhören, statt sich gegenseitig anzuschreien. Dass Vielfalt nicht als Bedrohung gesehen wird, sondern als Stärke. Und dass die Menschheit begriffen hat, dass sie nur gemeinsam überleben kann — ökologisch, politisch, sozial.

Vielleicht lächelst du über meine Sorgen. Vielleicht weißt du, dass vieles, was mir heute Angst macht, sich zum Guten gewendet hat. Vielleicht weißt du aber auch, dass manches schlimmer wurde, bevor es besser werden konnte. In beiden Fällen hoffe ich, dass du sagen kannst: Wir haben nicht aufgegeben. Wir haben uns nicht an Hass gewöhnt. Wir haben uns nicht einreden lassen, dass Gleichgültigkeit eine Option ist.

Ich wünsche dir, dass du in deinem hohen Alter auf eine Welt blickst, die gerechter ist als die, in der ich gerade lebe. Und dass du stolz darauf bist, dass wir — trotz Angst, trotz Müdigkeit, trotz Rückschläge — immer wieder versucht haben, Menschlichkeit zu verteidigen.

Falls du dich erinnerst: Ich habe damals gehofft, dass die Menschheit sich fängt. Ich hoffe, du kannst mir sagen, dass sie es getan hat.

In Sorge, aber auch in Hoffnung, 
dein jüngeres Ich.

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