Ich bin deutsch. Und ich bin es nicht. Ich bin Teil dieses Landes, seiner Sprache, seiner Geschichte – und zugleich ein kritischer Beobachter, ein Suchender, quasi ein Mensch mit pluraler Identität. Wenn ich sage „Ich bin deutsch“, dann meine ich nicht Blut, Herkunft oder Pass. Ich meine: Ich lebe hier, ich spreche die Sprache, ich trage Verantwortung. Und ich meine: Ich bin nicht allein.
Aber immer wieder höre ich diesen Satz: „Deutschland den Deutschen.“ Manchmal auf Demos, manchmal in Kommentarspalten, manchmal als (ironische) Provokation. Und jedes Mal zieht sich etwas in mir zusammen. Nicht nur, weil die Parole historisch belastet ist – sondern weil sie auf einer Vorstellung von „Volk“ beruht, die ich für falsch halte. Für gefährlich. Für zutiefst unlogisch.
In diesem Text will ich mit Dir gemeinsam nachdenken: Woher kommt das Wort „deutsch“ eigentlich? Was bedeutet „Volk“ in einer Demokratie? Und warum ist die Parole „Deutschland den Deutschen“ nicht nur menschenfeindlich, sondern auch sprachlich absurd?
—
Was heißt „deutsch“?
Das Wort „deutsch“ stammt aus dem Althochdeutschen „diutisc“ und bedeutete ursprünglich: „volkssprachlich“. Es ging nicht um Abstammung oder Nation, sondern um Sprache. „Diutisc“ war das, was die Leute sprachen – im Gegensatz zum Latein der Kirche und der Gelehrten. Es war ein sprachlicher Begriff, kein ethnischer.
Die Wurzel liegt im germanischen þeuđō, was „Volk“ bedeutete. Aber auch hier: „Volk“ im Sinne von „die Leute“, nicht „die Blutlinie“. Das englische „Dutch“, das italienische „tedesco“ – sie alle gehen auf diese Wurzel zurück. Und sie zeigen: „Deutsch“ war einmal ein offener Begriff. Ein Begriff für Verständlichkeit, für Zugehörigkeit durch Sprache.
Heute ist „deutsch“ ein Staatsangehörigkeitsbegriff. Ein kultureller Marker. Ein Identitätslabel. Aber was bedeutet das eigentlich? Wer ist „deutsch“ – und wer nicht?
—
Wer gehört zum Volk?
Wenn ich sage: „Alle, die hier sind, gehören zum Volk“, dann meine ich das ernst. Ich meine: Wer hier lebt, liebt, arbeitet, träumt, streitet, wählt – gehört dazu. Nicht als Gast, nicht als Ausnahme, sondern als Teil des Ganzen.
Das Grundgesetz sagt: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ Es sagt nicht: „Vom deutschen Blut.“ Es sagt nicht: „Von denen mit deutschem Stammbaum.“ Es sagt: „Volk“ – und das ist ein politischer Begriff. Ein Begriff der Teilhabe.
Aber genau hier beginnt die ideologische Vernebelung. Rechte Bewegungen versuchen, „Volk“ wieder ethnisch zu definieren. Sie sprechen von „Bio-Deutschen“, von „deutscher Leitkultur“, von „Überfremdung“. Sie tun so, als sei „Volk“ eine exklusive Gruppe – und als müsse man sich das „Deutschsein“ verdienen oder beweisen.
Ich sage: Das ist falsch. Und ich sage: Das ist gefährlich.
—
Die Parole „Deutschland den Deutschen“
„Deutschland den Deutschen“ ist eine Parole aus dem völkisch-nationalistischen Denken. Sie wurde von den Nationalsozialisten benutzt, um Ausgrenzung zu legitimieren. Sie wurde von rechten Parteien übernommen, um Angst zu schüren. Und sie wird heute noch verwendet, um Menschen zu sagen: „Du gehörst nicht dazu.“
Aber was heißt das eigentlich? Wer sind „die Deutschen“? Die mit deutschem Pass? Die mit deutschen Eltern? Die, die „sich benehmen“? Die, die „unsere Werte teilen“?
Die Parole tut so, als gäbe es eine klare Grenze. Eine Linie zwischen „uns“ und „den anderen“. Aber diese Linie ist willkürlich. Sie ist konstruiert. Und sie widerspricht allem, was ich über Demokratie, Gesellschaft und Sprache gelernt habe.
Denn wenn „deutsch“ ursprünglich „volkssprachlich“ bedeutete – dann ist jeder Mensch, der hier lebt und spricht, Teil des Volkes. Dann ist „Volk“ nicht exklusiv, sondern inklusiv. Dann ist „Deutschland den Deutschen“ eine sprachliche Selbstverleugnung.
—
Sprache als Schlüssel zur Zugehörigkeit
Ich arbeite viel mit Sprache. In Workshops, in Texten, in Gesprächen. Und ich merke: Sprache ist nicht nur Ausdruck, sondern auch Zugang. Wer die Sprache spricht, gehört dazu. Wer gehört wird, ist Teil des Raums.
Aber Sprache kann auch ausschließen. Wenn wir sagen „Ausländer“, „Migrationshintergrund“, „nicht integrationsfähig“, dann schaffen wir Grenzen. Dann machen wir aus Menschen Kategorien. Dann entziehen wir ihnen das Recht, einfach da zu sein.
Ich plädiere für eine andere Sprache. Eine Sprache der Zugehörigkeit. Eine Sprache, die sagt: „Du bist hier. Du sprichst. Du lebst. Du gehörst dazu.“
—
Was wäre eine bessere Parole?
Wenn „Deutschland den Deutschen“ falsch ist – was wäre dann richtig?
Vielleicht:
„Deutschland für alle, die hier leben.“
Oder:
„Deutschland ist, was wir gemeinsam daraus machen.“
Oder einfach:
„Willkommen.“
Ich weiß, das klingt naiv. Aber ich glaube, dass Sprache Realität schafft. Wenn wir andere Worte wählen, schaffen wir andere Räume. Wenn wir Zugehörigkeit aussprechen, wird sie möglich.
—
Mein persönlicher Blick
Ich bin männlich, ich bin weiß, ich bin deutschsprachig. Ich habe Privilegien. Aber ich habe auch Erfahrungen mit Ausgrenzung, mit Anderssein, mit dem Gefühl, nicht ganz dazuzugehören. Ich weiß, wie es ist, wenn Sprache nicht passt. Wenn Identität nicht in die Schubladen passt.
Deshalb schreibe ich diesen Text. Nicht als moralische Belehrung, sondern als Einladung. Als Versuch, gemeinsam zu denken. Als Angebot, die Sprache zu öffnen.
—
Was Du tun kannst
Wenn Du diesen Text liest, bist Du Teil des Gesprächs. Du kannst:
– Die Parole „Deutschland den Deutschen“ hinterfragen, wenn Du sie hörst.
– In Deinem Umfeld für eine inklusive Sprache eintreten.
– Menschen zuhören, die andere Erfahrungen gemacht haben.
– Deine eigene Zugehörigkeit reflektieren – und die der anderen anerkennen.
Du musst nicht alles wissen. Du musst nicht perfekt sein. Aber Du kannst anfangen. Du kannst Teil eines anderen „Deutschseins“ sein – eines, das offen, plural und menschlich ist.
—
Schlussgedanke
„Deutsch“ war einmal ein Wort für Verständlichkeit. Für die Sprache des Volkes. Für das, was Menschen miteinander verbindet.
Heute kann es wieder so sein. Wenn wir es wollen. Wenn wir es sagen. Wenn wir es leben.
Ich bin deutsch. Und ich bin es nicht. Ich bin hier. Ich spreche. Ich lebe. Ich gehöre dazu.
Und Du auch.