Die Wirtschaft braucht uns – nicht umgekehrt
Warum wir endlich wieder über Lebensgrundlagen statt über Wachstumszahlen reden müssen

Es gibt Gedanken, die mich seit Monaten begleiten. Gedanken, die sich immer wieder in meinen Kopf schleichen, egal ob ich gerade arbeite, koche, im Bus sitze oder nachts wach liege. Gedanken darüber, was eigentlich die wirklich großen Themen unserer Zeit sind. Die Themen, die über unsere Zukunft entscheiden. Die Themen, die wir nicht länger ignorieren können, ohne dafür einen Preis zu zahlen, der höher ist als alles, was wir uns heute vorstellen können.


Und jedes Mal, wenn ich versuche, diese Themen zu sortieren, merke ich zwei Dinge:

1. Meine persönliche Meinung ist nicht automatisch die Meinung aller. 
2. Alles hängt miteinander zusammen, so eng, dass es fast unmöglich ist, eine klare Prioritätenliste zu erstellen.

Aber irgendwann ist mir etwas aufgefallen, das mir geholfen hat, diese Knoten im Kopf zu lösen: 
Ich muss meine Meinung gar nicht ausblenden. Denn sie basiert ohnehin auf Fakten. Und die Fakten sind eindeutig – auch wenn manche Menschen sie leugnen.

Und genau da beginnt das Problem.


Wenn Fakten zur Meinungssache werden

Wir leben in einer Zeit, in der wissenschaftliche Erkenntnisse nicht mehr selbstverständlich akzeptiert werden. In der Menschen lieber YouTube‑Videos glauben als jahrzehntelanger Forschung. In der es einfacher ist, eine Verschwörung zu erfinden, als eine unbequeme Wahrheit anzuerkennen.

Das macht alles schwieriger. 
Denn während wir uns eigentlich mit der Klimakrise beschäftigen müssten, hängen wir fest in endlosen Diskussionen darüber, ob sie überhaupt existiert. Während wir dringend handeln müssten, müssen wir erst einmal Desinformation bekämpfen. Während wir Lösungen brauchen, müssen wir erst einmal Realitäten klären.

Und das kostet Zeit. Zeit, die wir nicht haben.


Die Wirtschaft – ein Götze aus Zahlen

In all diesen Debatten taucht ein Begriff immer wieder auf wie ein Mantra: 
„die Wirtschaft“.

– „Die Wirtschaft darf nicht geschädigt werden.“ 
– „Die Wirtschaft braucht Wachstum.“ 
– „Die Wirtschaft muss stabil bleiben.“ 
– „Die Wirtschaft ist das Rückgrat unseres Landes.“

Und jedes Mal frage ich mich: 
Welche Wirtschaft meinen wir eigentlich? Und für wen ist sie da?

Denn wenn ich ehrlich bin, dann bringt mir eine „starke Wirtschaft“ überhaupt nichts, wenn ich keine Luft mehr bekomme. Weder im übertragenen noch im wortwörtlichen Sinne.

Was nützt mir ein steigendes Bruttoinlandsprodukt, wenn gleichzeitig die Böden austrocknen? 
Was nützen mir Exportrekorde, wenn die Sommer so heiß werden, dass Menschen sterben? 
Was nützen mir Unternehmensgewinne, wenn das Trinkwasser knapp wird? 
Was nützt mir ein Aktienindex, wenn die Ernte ausfällt?

Die Wirtschaft ist ein Werkzeug. Kein Selbstzweck. Kein Naturgesetz. Kein Gott.

Und trotzdem behandeln wir sie oft so, als wäre sie wichtiger als das Leben selbst.


Ich brauche die Wirtschaft nicht, um zu überleben

Übertrieben vereinfacht – aber trotzdem wahr – kann ich zur Not selbst:

– Äpfel pflücken 
– Kartoffeln anbauen 
– Karotten ziehen 
– Regenwasser sammeln 

Ich kann mich ernähren, wenn es sein muss. Nicht luxuriös, nicht bequem, aber überlebensfähig.

Aber das funktioniert nur unter einer Bedingung: 
Die Natur muss noch funktionieren.

Ich brauche:

– fruchtbaren Boden 
– sauberes Wasser 
– ein stabiles Klima 
– funktionierende Ökosysteme 

Wenn diese Grundlagen wegfallen, dann hilft mir keine Wirtschaft der Welt. 
Dann hilft mir kein Geld, kein Markt, kein Wachstum.

Ohne Natur kein Leben. Ohne Leben keine Gesellschaft. Ohne Gesellschaft keine Wirtschaft.

So simpel. 
So logisch. 
So oft ignoriert.


Die Wirtschaft braucht uns – und zwar doppelt

Es ist eigentlich absurd, dass wir das überhaupt aussprechen müssen, aber:

Die Wirtschaft existiert nur, weil es Menschen gibt.

Sie braucht uns in zwei Rollen:

1. Als Arbeitskräfte – ohne uns keine Produktion, keine Dienstleistungen, keine Innovation. 
2. Als Konsument:innen – ohne uns keine Nachfrage, keine Märkte, keine Gewinne.

Wenn wir nicht arbeiten, bricht sie zusammen. 
Wenn wir nicht kaufen, bricht sie zusammen. 
Wenn wir nicht existieren, bricht sie zusammen.

Und trotzdem wird oft so getan, als müssten wir uns der Wirtschaft anpassen – nicht umgekehrt.


Die Natur verhandelt nicht

Das ist der Punkt, den viele Entscheidungsträger:innen nicht wahrhaben wollen:

– Die Wirtschaft kann man retten. 
– Unternehmen kann man retten. 
– Banken kann man retten. 
– Märkte kann man retten. 

Aber die Natur? 
Die verhandelt nicht. 
Die wartet nicht. 
Die vergibt keine Zahlungsaufschübe. 
Die kennt keine Lobby. 
Die kennt keine Kompromisse.

Wenn ein Ökosystem kippt, kippt es. 
Wenn ein Gletscher schmilzt, schmilzt er. 
Wenn ein Wald brennt, brennt er. 
Wenn ein Boden erodiert, ist er weg.

Und wenn wir das Klima destabilisieren, dann destabilisieren wir alles, was darauf aufbaut.


Die falsche Reihenfolge

Wir haben uns angewöhnt, die Welt in einer Reihenfolge zu betrachten, die komplett auf dem Kopf steht:

1. Wirtschaft 
2. Gesellschaft 
3. Natur

Aber die richtige Reihenfolge ist:

1. Natur – weil sie die Grundlage allen Lebens ist. 
2. Gesellschaft – weil wir ohne stabile Lebensbedingungen keine Gemeinschaft aufbauen können. 
3. Wirtschaft – weil sie ein Werkzeug ist, das uns dienen soll.

Wenn wir diese Reihenfolge ignorieren, passiert genau das, was wir heute erleben:

– Klimakrise 
– Artensterben 
– Wasserknappheit 
– soziale Spaltung 
– politische Instabilität 
– Desinformation 
– Angst 
– Wut 
– Orientierungslosigkeit 

Wir versuchen, ein Haus zu renovieren, während das Fundament bröckelt.


Warum diese Erkenntnis so unbequem ist

Weil sie bedeutet, dass wir vieles ändern müssen:

– wie wir produzieren 
– wie wir konsumieren 
– wie wir arbeiten 
– wie wir leben 
– wie wir Wohlstand definieren 
– wie wir Politik gestalten 

Und Veränderung macht Angst. 
Angst macht Menschen anfällig für einfache Antworten. 
Einfache Antworten machen sie anfällig für Lügen. 
Lügen machen sie anfällig für diejenigen, die aus Chaos Profit schlagen.

Und so drehen wir uns im Kreis.


Aber es gibt einen Ausweg – und er beginnt mit einem Perspektivwechsel

Wir müssen uns wieder daran erinnern, was wirklich zählt:

– saubere Luft 
– sauberes Wasser 
– fruchtbare Böden 
– stabile Ökosysteme 
– soziale Sicherheit 
– demokratische Teilhabe 
– ein Leben, das lebenswert ist 

Nicht:

– Wachstumszahlen 
– Börsenkurse 
– Exportüberschüsse 
– Unternehmensgewinne 

Diese Dinge können hilfreich sein, aber sie sind nicht das Ziel. 
Sie sind Mittel zum Zweck. 
Und der Zweck ist ein gutes Leben für alle.


Die Wirtschaft sollte sich daran erinnern – und zwar schnell

Denn wenn sie es nicht tut, dann wird sie sich selbst abschaffen.

Eine Wirtschaft, die ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstört, ist wie ein Unternehmen, das seine Maschinen kaputtschlägt und sich dann wundert, warum die Produktion einbricht.

Eine Wirtschaft, die Menschen ausbeutet, ist wie ein Bauer, der seine Felder überdüngt, bis nichts mehr wächst.

Eine Wirtschaft, die Natur als „Ressource“ betrachtet, ist wie jemand, der sein Haus verheizt, um es warm zu haben.

Kurzfristig funktioniert das. 
Langfristig zerstört es alles.


Ich schreibe das nicht, weil ich pessimistisch bin – sondern weil ich realistisch bin

Ich glaube nicht, dass alles verloren ist. 
Ich glaube nicht, dass wir machtlos sind. 
Ich glaube nicht, dass wir uns mit dem Status quo abfinden müssen.

Ich glaube, dass wir die Fähigkeit haben, Dinge zu verändern. 
Ich glaube, dass wir die Verantwortung haben, es zu tun. 
Und ich glaube, dass wir die Pflicht haben, uns nicht länger von einem abstrakten Konstrukt namens „Wirtschaft“ diktieren zu lassen, was möglich ist und was nicht.

Denn am Ende ist es ganz einfach:

Wir brauchen die Wirtschaft nicht zum Überleben. 
Aber die Wirtschaft braucht uns – und sie braucht eine Erde, auf der wir leben können.

Wenn wir das wieder verstehen, dann können wir anfangen, die wirklich wichtigen Fragen zu stellen. 
Und dann können wir endlich anfangen, die wirklich wichtigen Antworten zu finden.

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