Linksfaschismus: Warum mir dieser Begriff mehr über mein Gegenüber verrät als über mich

Es gibt Momente in digitalen Debatten, in denen ich kurz innehalte, tief durchatme und mich frage, ob wir eigentlich noch über Inhalte sprechen oder längst in einer sprachlichen Nebelmaschine stehen. Einer dieser Momente war neulich, als mir jemand in einer Kommentarspalte „Linksfaschismus“ vorwarf. Nicht als Analyse, nicht als Kritik, sondern als Keule. Zack, drauf. Diskussion beendet.


Ich habe mich danach hingesetzt und versucht zu verstehen, was da eigentlich passiert. Nicht, weil mich der Vorwurf getroffen hätte – dafür ist er zu absurd –, sondern weil er ein Symptom ist. Ein Symptom dafür, wie Begriffe entkernt, verdreht und missbraucht werden, um Debatten zu verkürzen und Verantwortung zu verschieben. Und weil ich glaube, dass wir das auseinandernehmen müssen, wenn wir überhaupt noch miteinander reden wollen.

Faschismus ist kein Lego-Set

Ich fange mal bei der Grundlage an: Faschismus ist kein Baukasten, aus dem man sich einzelne Elemente herauspicken kann, um sie dann nach Belieben neu zusammenzustecken. Faschismus ist historisch, ideologisch und strukturell klar verortet. Er ist:

– ultranationalistisch 
– völkisch 
– hierarchisch 
– antipluralistisch 
– antisozialistisch 
– antidemokratisch 
– gewaltverherrlichend 
– kollektivistisch im Sinne eines homogenen „Volkskörpers“ 

Das ist kein loses Bündel an Eigenschaften, sondern ein politisches Projekt. Ein Projekt, das sich explizit gegen linke Ideen richtet. Faschismus ist rechtsradikal, und zwar nicht zufällig, sondern definitorisch.

Wenn mir also jemand „Linksfaschismus“ vorwirft, dann ist das, als würde er mir „vegetarischen Fleischkonsum“ unterstellen. Ein Oxymoron. Ein Widerspruch in sich. Ein sprachlicher Kurzschluss.

Warum der Begriff trotzdem so gern benutzt wird

Und trotzdem taucht er immer wieder auf. Nicht, weil er analytisch sinnvoll wäre, sondern weil er rhetorisch funktioniert. „Linksfaschismus“ ist ein Kampfbegriff. Er erfüllt mehrere Zwecke gleichzeitig:

– Er delegitimiert Kritik. 
– Er stellt eine moralische Gleichsetzung her („ihr seid genauso schlimm wie die Rechten“). 
– Er entlastet das Gegenüber von der Notwendigkeit, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen. 
– Er emotionalisiert die Debatte. 
– Er verschiebt die Verantwortung. 

Kurz: Er ist ein rhetorischer Fluchtweg. Ein Notausgang für Menschen, die merken, dass ihre Argumente dünn werden.

Was Menschen eigentlich meinen, wenn sie „Linksfaschismus“ sagen

Ich habe mir angewöhnt, solche Vorwürfe zu übersetzen. Nicht, um sie zu entschuldigen, sondern um zu verstehen, was dahintersteckt. Denn meistens meinen Menschen nicht Faschismus, wenn sie „Linksfaschismus“ sagen. Sie meinen:

– moralischen Druck 
– radikale linke Protestformen 
– das Gefühl, kritisiert zu werden 
– Unbehagen gegenüber gesellschaftlichem Wandel 
– autoritäre Tendenzen in linken Gruppen 
– Aktivismus, der ihnen zu laut, zu unbequem oder zu direkt ist 

Das alles kann man kritisieren. Und ich bin der Letzte, der behaupten würde, dass linke Bewegungen frei von Problemen wären. Es gibt autoritäre Linke. Es gibt linke Gruppen, die dogmatisch auftreten. Es gibt linke Räume, in denen Menschen sich moralisch überlegen fühlen und andere belehren.

Aber das ist nicht Faschismus. 
Das ist autoritär. 
Oder übergriffig. 
Oder nervig. 
Oder politisch ungeschickt. 

Aber es ist nicht das rechtsradikale, völkische, nationalistische Projekt, das wir historisch als Faschismus kennen.

Warum die Gleichsetzung gefährlich ist

Die Gleichsetzung von linken autoritären Tendenzen mit Faschismus ist nicht nur falsch, sie ist gefährlich. Sie verwischt die Linien. Sie relativiert den tatsächlichen Faschismus. Sie macht aus einem präzisen Begriff eine Gummiwort, das man auf alles kleben kann, was einem nicht passt.

Und genau das ist der Punkt: 
Wer „Linksfaschismus“ sagt, will nicht differenzieren. 
Er will diskreditieren.

Es ist ein Versuch, die politische Schwerkraft zu ignorieren. Ein Versuch, rechte Ideologien zu verharmlosen, indem man linke Kritik auf dieselbe Stufe stellt. Ein Versuch, Verantwortung zu relativieren.

Die Machtverschiebung im Diskurs

Was mich an diesem Begriff besonders stört, ist die subtile Machtverschiebung, die er erzeugt. Plötzlich geht es nicht mehr um rechte Gewalt, rechte Netzwerke, rechte Ideologien. Plötzlich geht es um „die Linken“, die angeblich genauso schlimm seien.

Das ist ein Ablenkungsmanöver. 
Ein rhetorischer Taschenspielertrick. 
Ein Versuch, die Debatte umzudrehen.

Ich kenne dieses Muster aus vielen Kontexten: Wenn Menschen sich ertappt fühlen, wenn sie merken, dass ihre Position bröckelt, greifen sie zu Übertreibungen. Sie werfen mit großen Worten um sich, um die eigene Unsicherheit zu kaschieren.

Was der Vorwurf über mich sagt – und was über mein Gegenüber

Über mich sagt der Vorwurf „Linksfaschismus“ ehrlich gesagt wenig. Ich weiß, wer ich bin. Ich weiß, wofür ich stehe. Ich weiß, dass meine politische Haltung auf Solidarität, Gleichberechtigung, Menschenwürde und demokratischen Prinzipien basiert. Ich weiß, dass ich mich für marginalisierte Gruppen einsetze, für faire Arbeitsbedingungen, für soziale Gerechtigkeit.

Wenn jemand das als „faschistisch“ bezeichnet, dann sagt das mehr über seine Wahrnehmung aus als über meine Haltung.

Über mein Gegenüber sagt der Vorwurf dagegen einiges:

– dass er Kritik nicht aushält 
– dass er Begriffe nicht sauber verwendet 
– dass er lieber diffamiert als diskutiert 
– dass er Angst vor Veränderung hat 
– dass er sich in seiner Position bedroht fühlt 

Und vielleicht auch, dass er spürt, wie seine eigenen Gewissheiten bröckeln.

Ein Plädoyer für sprachliche Präzision

Ich bin ein großer Freund davon, Dinge beim Namen zu nennen. Wenn linke Gruppen autoritär auftreten, dann sollten wir das so benennen. Wenn Aktivist:innen übergriffig handeln, dann sollten wir das kritisieren. Wenn linke Räume Ausschlüsse reproduzieren, dann müssen wir darüber sprechen.

Aber wir sollten es mit Begriffen tun, die etwas erklären – nicht mit solchen, die alles verwischen.

„Linksfaschismus“ erklärt nichts. 
Er ist ein Nebelwort. 
Ein Kampfbegriff. 
Ein rhetorischer Kurzschluss.

Und wer ihn benutzt, hat sich bereits aus der ernsthaften Debatte verabschiedet.

Was ich mir wünsche

Ich wünsche mir, dass wir wieder lernen, präzise zu sprechen. Dass wir Kritik zulassen, ohne sofort in Abwehrreflexe zu verfallen. Dass wir Begriffe nicht missbrauchen, um uns vor unbequemen Wahrheiten zu drücken. Und dass wir uns trauen, die Dinge differenziert zu betrachten – auch dann, wenn es anstrengend ist.

Denn politische Debatten brauchen Klarheit. 
Sie brauchen Mut. 
Sie brauchen Ehrlichkeit. 

Und sie brauchen Menschen, die bereit sind, sich mit Argumenten auseinanderzusetzen, statt mit Schlagworten um sich zu werfen.

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