Sind Veganer:innen bessere Menschen? Ein ehrlicher Blick auf eine gefährliche Frage

Es gibt Fragen, die klingen harmlos, tragen aber eine ganze Welt an Missverständnissen, Projektionen und Abwehrreflexen in sich. Die Frage „Sind Veganer:innen bessere Menschen?“ gehört definitiv dazu. Ich habe sie schon oft gehört – manchmal neugierig, manchmal provozierend, manchmal als Vorwurf, manchmal als Verteidigung. Und jedes Mal merke ich: Die Frage selbst führt uns in die falsche Richtung.

Ich möchte Dir erklären, warum. Und warum es trotzdem wichtig ist, über Verhalten zu sprechen, über Verantwortung, über die Folgen unseres Handelns – ohne Menschen in Kategorien wie „gut“ oder „schlecht“ einzuteilen. Genau diese Unterscheidung ist entscheidend, wenn wir über Ethik, Konsum und die Zukunft unseres Planeten reden wollen.


Menschenwürde ist unteilbar – und nicht verhandelbar

Ich fange mit dem Wichtigsten an: 
Es gibt keine besseren oder schlechteren Menschen. Punkt.

Das ist für mich keine Floskel, sondern ein Grundsatz. Menschenwürde ist unteilbar. Sie hängt nicht davon ab, was jemand isst, wie jemand lebt, welche Fehler jemand macht oder welche Überzeugungen jemand hat. Wenn wir anfangen, Menschen nach moralischen Kategorien zu sortieren, öffnen wir Türen, die wir als Gesellschaft niemals öffnen sollten.

Ich bin vegan. Aber ich bin kein „besserer Mensch“. Ich bin ein Mensch, der bestimmte Entscheidungen trifft – aus bestimmten Gründen. Mehr nicht.

Und Du bist ein Mensch, der Entscheidungen trifft – aus Deinen Gründen. Auch das ist wertvoll.


Aber: Verhalten ist nicht neutral

Jetzt kommt die zweite Ebene. Und die wird oft mit der ersten verwechselt.

Auch wenn Menschen nicht besser oder schlechter sind, gilt trotzdem:

Es gibt besseres und schlechteres Verhalten.

Das ist keine moralische Abwertung, sondern eine nüchterne Feststellung. Verhalten hat Folgen. Verhalten kann Leid verursachen oder Leid verringern. Verhalten kann Ressourcen verschwenden oder Ressourcen schonen. Verhalten kann die Welt zerstören oder sie schützen.

Wenn ich sage, dass veganes Verhalten weniger Schaden anrichtet als nicht-veganes Verhalten, dann sage ich nicht, dass vegane Menschen „besser“ sind. Ich sage nur, dass die Handlung weniger negative Folgen hat.

Das ist ein Unterschied, der in Debatten oft verloren geht – manchmal absichtlich, manchmal aus Unsicherheit, manchmal aus Gewohnheit.


Warum diese Unterscheidung so wichtig ist

Wenn ich sage: 
Veganismus ist ethisch sinnvoller als Tierprodukte zu konsumieren“, 
dann hören manche Menschen: 
Du bist ein schlechter Mensch.

Das ist nicht das, was ich sage. Aber es ist das, was viele fühlen.

Warum?

Weil Kritik am Verhalten oft als Angriff auf die Person verstanden wird. Und weil wir in einer Kultur leben, in der Essen Identität ist, Tradition, Familie, Zugehörigkeit. Wenn ich sage, dass ein Verhalten problematisch ist, fühlt sich das für manche an wie ein Angriff auf ihre Geschichte, ihre Eltern, ihre Kindheit, ihre Kultur.

Deshalb ist es so wichtig, die Ebenen sauber zu trennen:

– Menschen sind gleich wertvoll. 
– Handlungen sind nicht gleich wertvoll.

Wenn wir das nicht auseinanderhalten, können wir nicht konstruktiv über Verantwortung sprechen.


Warum ich vegan lebe – und warum das nichts mit „besser sein“ zu tun hat

Ich lebe vegan, weil ich irgendwann verstanden habe, dass mein Verhalten Konsequenzen hat, die ich nicht mehr ignorieren konnte. Ich habe mich gefragt:

– Warum sollte ich Tiere töten lassen, wenn ich es nicht muss? 
– Warum sollte ich Ressourcen verschwenden, wenn es Alternativen gibt? 
– Warum sollte ich Teil eines Systems sein, das Leid produziert, wenn ich mich anders entscheiden kann?

Das waren meine Fragen. Meine Antworten haben mich zum Veganismus geführt.

Aber das macht mich nicht zu einem besseren Menschen. Es macht mich zu einem Menschen, der versucht, seine Werte mit seinem Verhalten in Einklang zu bringen. Das ist alles.

Und das kannst Du auch – egal in welchem Bereich.

Außer…


Die unbequeme Wahrheit: Manche Haltungen sind tatsächlich problematisch

Jetzt kommt ein Punkt, den viele vermeiden, weil er unangenehm ist.

Es gibt einen Unterschied zwischen:

– „Ich esse Fleisch, obwohl ich weiß, dass es schlecht für Tiere und Umwelt ist.“ 
und 
– „Ich finde es gut / Mir ist es egal, dass Tiere leiden / die Welt brennt / Menschen hungern.

Das erste ist menschlich. Das zweite ist ein ethisches Problem.

Ich habe Verständnis für Menschen, die in Widersprüchen leben. Ich lebe selbst in Widersprüchen. Jeder Mensch tut das. Niemand ist perfekt. Niemand ist frei von Dissonanzen.

Aber wenn es jemandem egal ist, oder sogar aktiv gut findet, dass andere Lebewesen leiden oder dass die Welt zerstört wird, dann ist das keine „andere Meinung“. Dann ist das eine Haltung, die tatsächlich etwas über die Empathiefähigkeit und die moralische Orientierung dieser Person aussagt.

Das heißt nicht, dass die Person weniger wert ist. Aber es heißt, dass die Haltung gefährlich ist.


Warum viele Menschen so heftig reagieren, wenn es um Veganismus geht

Ich habe in den letzten Jahren viele Gespräche geführt – online, offline, in Diskussionen, in Kommentaren, in Workshops. Und ich habe gemerkt: Veganismus triggert Menschen. Und zwar heftig.

Warum?

a) Es geht um Gewohnheiten
Gewohnheiten sind mächtig. Sie geben Sicherheit. Sie strukturieren den Alltag. Wenn jemand diese Gewohnheiten infrage stellt, fühlt sich das bedrohlich an.

b) Es geht um Identität
Essen ist Kultur. Essen ist Familie. Essen ist Heimat. Kritik am Essen wird oft als Kritik an der eigenen Herkunft verstanden.

c) Es geht um Schuldgefühle
Viele Menschen wissen, dass Tierhaltung grausam ist. Sie wissen, dass die Umwelt leidet. Sie wissen, dass es Alternativen gibt. Aber sie wollen nicht darüber nachdenken. Wenn jemand vegan lebt, erinnert das sie an etwas, das sie lieber verdrängen würden.

d) Es geht um Macht
Veganismus stellt ein System infrage, das auf Ausbeutung basiert – von Tieren, von Arbeiter:innen, von Ressourcen. Wer dieses System verteidigt, verteidigt oft auch seine eigene Position darin.


Warum ich trotzdem klar bleibe

Ich habe keine Lust auf moralische Überheblichkeit. Aber ich habe auch keine Lust auf falsche Rücksichtnahme.

Ich sage klar:

– Veganismus ist ethisch sinnvoller. 
– Tierprodukte verursachen Leid und zerstören die Umwelt. 
– Wir brauchen gesellschaftliche Veränderungen.

Das ist keine Abwertung von Menschen. Das ist eine Bewertung von Verhalten.

Und ich finde, wir sollten als Gesellschaft lernen, diese beiden Dinge auseinanderzuhalten.


Verantwortung ist kein Wettbewerb

Viele Menschen reagieren auf Veganismus mit einer Art moralischem Wettbewerb:

– „Aber Du fliegst doch auch mal.“ 
– „Aber Dein Handy ist auch nicht fair produziert.“ 
– „Aber Du hast bestimmt auch schon mal Müll falsch getrennt.“

Ja. Natürlich. Ich bin nicht perfekt. Niemand ist perfekt. Perfektion ist nicht das Ziel.

Das Ziel ist, Schaden zu reduzieren, wo es möglich ist.

Wenn ich vegan lebe, heißt das nicht, dass ich in allen anderen Bereichen automatisch alles richtig mache. Es heißt nur, dass ich in diesem Bereich eine Entscheidung getroffen habe, die Leid reduziert.

Und das ist gut. Nicht perfekt. Gut.


Warum es nicht darum geht, Menschen zu verurteilen – sondern Systeme zu verändern

Ich glaube nicht an individuelle Perfektion. Ich glaube an kollektive Veränderung.

Veganismus ist kein Lifestyle, kein Trend, kein moralisches Abzeichen. Es ist eine politische Handlung. Eine Entscheidung, die zeigt:

– Ich will nicht Teil eines Systems sein, das Lebewesen ausbeutet. 
– Ich will nicht Teil eines Systems sein, das die Umwelt zerstört. 
– Ich will nicht Teil eines Systems sein, das Hunger verschärft.

Aber ich weiß auch: Nicht jede:r kann sofort alles ändern. Nicht jede:r hat dieselben Ressourcen, dieselben Möglichkeiten, dieselben Lebensumstände, das selbe Wissen.

Deshalb geht es nicht darum, Menschen zu verurteilen. Es geht darum, Strukturen zu verändern, damit nachhaltiges Verhalten einfacher wird – und destruktives Verhalten schwieriger.


Mein Fazit: Menschen sind nicht besser – aber Verhalten kann besser sein

Wenn Du mich fragst, ob Veganer:innen bessere Menschen sind, sage ich:

Nein. Menschen sind nicht besser oder schlechter.

Wenn Du mich fragst, ob veganes Verhalten besser ist, sage ich:

Ja. Es verursacht weniger Leid, verbraucht weniger Ressourcen und schützt die Umwelt.

Diese beiden Aussagen widersprechen sich nicht. Sie ergänzen sich.

Und genau diese Differenzierung brauchen wir, wenn wir über Ethik, Verantwortung und Zukunft sprechen wollen.


Und jetzt?

Ich will Dir nichts aufzwingen. Ich will Dich nicht bekehren. Ich will Dich nicht bewerten.

Ich will Dich nur einladen, eine Frage zu stellen, die ehrlicher ist als die ursprüngliche:

Welche Art von Verhalten möchte ich unterstützen – und warum?

Das ist keine Frage über Identität. 
Keine Frage über Moral. 
Keine Frage über „bessere Menschen“.

Es ist eine Frage über Verantwortung. 
Über Konsequenzen. 
Über die Welt, in der wir leben wollen.

Und ja: Jede:r kann diese Frage auf seine Weise beantworten. 
Aber das bedeutet nicht, dass jede Antwort gleich gut ist. 
Entscheidungen können besser oder schlechter sein – je nachdem, welche Folgen sie haben.

Niemand hat einen Freifahrtschein, sich vor dieser Realität zu drücken. 
Und Kritik gehört nun einmal dazu, wenn Verhalten Auswirkungen auf andere Lebewesen, auf die Umwelt oder auf zukünftige Generationen hat.

Du musst nicht perfekt sein. 
Aber Du musst ehrlich sein.

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