Es gibt Themen, bei denen ich lange versucht habe, neutral zu bleiben. Themen, bei denen ich dachte: „Okay, vielleicht verstehe ich einfach etwas nicht. Vielleicht gibt es gute Gründe, die ich übersehe.“
Die Jagd gehört definitiv dazu. Jahrelang habe ich mir anhören lassen, dass Jäger:innen angeblich „unverzichtbar“ seien, dass sie „die Natur schützen“, „Bestände regulieren“ und „Verantwortung übernehmen“. Und jedes Mal, wenn ich nachhakte, bekam ich dieselben Phrasen serviert – wie auswendig gelernt, wie ein PR‑Konzept, das man nicht hinterfragen darf.
Irgendwann habe ich gemerkt: Doch, ich darf. Und ich muss sogar.
Denn je tiefer ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto klarer wurde mir, wie absurd viele dieser Argumente sind. Und wie sehr die Jagd in ihrer heutigen Form ein System ist, das Probleme erzeugt, um sich selbst als Lösung darzustellen.
In diesem Artikel erzähle ich Dir, warum ich Jagd nicht als Naturschutz akzeptieren kann, warum viele gängige Rechtfertigungen schlicht nicht standhalten – und warum es Zeit ist, dieses System kritisch zu hinterfragen.
Das Märchen von der „Bestandskontrolle“
Wenn ich mit Jäger:innen diskutiere, kommt ein Argument immer zuerst:
„Wir müssen jagen, sonst explodieren die Bestände.“
Klingt logisch. Klingt verantwortungsvoll. Klingt nach Naturverständnis.
Ist aber in vielen Fällen schlicht falsch.
Denn was oft verschwiegen wird:
Viele Wildbestände sind überhaupt erst deshalb so hoch, weil Jäger:innen sie künstlich hochhalten.
Wie das funktioniert? Ganz einfach:
– Sie stellen Futterkrippen auf.
– Sie befüllen diese regelmäßig.
– Dadurch überleben mehr Tiere den Winter.
– Dadurch steigt die Population.
– Dadurch gibt es „zu viele Tiere“.
– Dadurch braucht es – Überraschung – mehr Jagd.
Das ist, als würde ich jeden Tag Müll in Deinen Garten kippen und Dir dann erklären, dass ich unbedingt bleiben muss, um Deinen Garten sauber zu halten.
Natürlich gibt es Regionen, in denen Wildtiere tatsächlich Schäden anrichten können. Aber die Frage ist:
Wer hat die Bedingungen geschaffen, unter denen diese Schäden überhaupt entstehen?
Wenn man ein System erst destabilisiert, um sich dann als Stabilitätsfaktor zu inszenieren, ist das kein Naturschutz. Das ist Selbstlegitimation.
Die Rolle der Jagd bei der Ausrottung natürlicher Feinde
Ein weiterer Punkt, der mich wütend macht:
Jäger:innen argumentieren gerne, dass sie „einspringen“, weil natürliche Prädatoren fehlen.
Aber warum fehlen sie?
Weil sie über Jahrzehnte systematisch ausgerottet wurden – oft durch genau jene Gruppen, die heute behaupten, sie würden nur „die Lücke füllen“.
Wölfe, Luchse, Bären – Tiere, die in einem funktionierenden Ökosystem eine zentrale Rolle spielen – wurden verfolgt, vergiftet, abgeschossen, vertrieben. Und auch heute noch wird jeder Wolf, der sich irgendwo blicken lässt, sofort zur „Gefahr“ erklärt.
Das Ergebnis:
Ein Ökosystem, das ohne seine natürlichen Regulatoren auskommen muss.
Ein Ökosystem, das dadurch aus dem Gleichgewicht gerät.
Ein Ökosystem, das dann – wie praktisch – „jagdlich betreut“ werden muss.
Ich finde es bemerkenswert, wie oft Jäger:innen sich als Problemlöser:innen darstellen, obwohl sie historisch und strukturell maßgeblich an der Entstehung dieser Probleme beteiligt waren.
Die moralische Dimension: Töten als Hobby
Ich sage es offen:
Ich halte es für moralisch fragwürdig, Tiere aus Spaß, Tradition oder Freizeitbeschäftigung zu töten.
Und ja, viele Jäger:innen betonen, dass sie „aus Verantwortung“ handeln.
Aber wenn ich mir anschaue, wie Jagd in der Praxis aussieht, dann sehe ich:
– Tarnkleidung
– Hochsitze
– Nachtsichtgeräte
– Wärmebildkameras
– Präzisionswaffen
– Lockmittel
– Futterstellen
– Fallen
Und auf der anderen Seite:
Ein Tier, das nichts davon weiß.
Ein Tier, das keine Chance hat.
Ein Tier, das einfach nur lebt.
Das ist keine „faire Auseinandersetzung“.
Das ist keine „natürliche Interaktion“.
Das ist ein technologisch überlegener Mensch, der aus sicherer Entfernung ein Lebewesen tötet, das sich nicht wehren kann.
Ich finde es legitim, das kritisch zu sehen.
Ich finde es legitim, das moralisch abzulehnen.
Und ich finde es legitim, das klar zu benennen.
Jagd als Tradition – aber nicht als Naturgesetz
Oft wird mir gesagt:
„Die Jagd gibt es seit Jahrhunderten, das gehört dazu.“
Ja, stimmt.
Es gibt auch seit Jahrhunderten patriarchale Strukturen, religiöse Dogmen, Tierquälerei, Ausbeutung und andere Dinge, die wir heute zu Recht hinterfragen.
Tradition ist kein Argument.
Tradition ist ein Zustand, kein Wert.
Wenn eine Praxis ethisch fragwürdig ist, ökologisch zweifelhaft und gesellschaftlich überholt, dann ist es egal, wie alt sie ist.
Was mich persönlich am meisten stört
Es ist nicht nur das Töten selbst.
Es ist die Selbstinszenierung.
Dieses ständige „Wir sind die Hüter:innen des Waldes“.
Dieses „Ohne uns würde alles zusammenbrechen“.
Dieses „Wir machen das nur für die Natur“.
Ich habe selten eine Gruppe erlebt, die so sehr darauf besteht, moralisch überlegen zu sein, während sie gleichzeitig etwas tut, das moralisch hochproblematisch ist.
Und ja, ich weiß: Es gibt Jäger:innen, die reflektiert sind.
Es gibt Jäger:innen, die kritisch mit ihrer eigenen Rolle umgehen.
Es gibt Jäger:innen, die wirklich Verantwortung übernehmen wollen.
Aber das ändert nichts am System.
Und das System ist das Problem.
Was ich mir wünsche
Ich wünsche mir, dass wir endlich ehrlich über Jagd sprechen.
Nicht romantisiert.
Nicht verklärt.
Nicht als Naturreligion.
Sondern als das, was sie ist:
Ein menschlicher Eingriff in ein Ökosystem, das wir selbst aus dem Gleichgewicht gebracht haben.
Ich wünsche mir, dass wir natürliche Prädatoren wieder ernst nehmen.
Dass wir Ökosysteme als Ganzes betrachten.
Dass wir aufhören, Tiere zu füttern, um sie später „regulieren“ zu können.
Dass wir Jagd nicht länger als unantastbare Tradition behandeln.
Und ich wünsche mir, dass Du – ja, Du – Dich traust, diese Fragen zu stellen:
– Wem nützt die Jagd wirklich?
– Welche Probleme löst sie – und welche erzeugt sie?
– Welche Alternativen gibt es?
– Und warum wird so vehement verhindert, dass wir darüber reden?
Fazit: Jagd ist kein Naturgesetz – sie ist eine Entscheidung
Und Entscheidungen kann man hinterfragen.
Entscheidungen kann man ändern.
Entscheidungen kann man neu bewerten.
Ich habe für mich entschieden, dass ich Jagd nicht als Naturschutz akzeptiere.
Nicht als moralische Praxis.
Nicht als ökologische Notwendigkeit.
Nicht als Tradition, die man einfach so hinnimmt.
Und vielleicht geht es Dir ähnlich.
Vielleicht hast Du ähnliche Gedanken.
Vielleicht hast Du Fragen, Zweifel, Wut oder einfach nur das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt.
Dann lass uns darüber reden.
Denn Veränderung beginnt immer damit, dass jemand sagt:
„Moment mal – das kann doch so nicht stimmen.“