Es gibt Sätze, die höre ich so oft, dass ich sie mittlerweile schon innerlich mitspreche, bevor sie ausgesprochen werden. Einer davon lautet: „Soja zerstört den Regenwald.“
Und jedes Mal merke ich, wie in mir zwei Dinge gleichzeitig passieren: Erstens ein Nicken, weil der Satz in seiner Grundform stimmt. Zweitens ein tiefes Ausatmen, weil er in der Diskussion fast immer in die völlig falsche Richtung führt.
Ich möchte Dich in diesem Artikel mitnehmen – nicht nur in die Faktenlage, sondern auch in meine persönliche Erfahrung damit, wie solche Halbwahrheiten genutzt werden, um Verantwortung zu verschieben. Und warum es wichtig ist, genauer hinzuschauen, wenn wir über Ernährung, Umwelt und Konsum sprechen.
Wie ich zum ersten Mal über Soja und Regenwald diskutiert habe
Ich erinnere mich noch gut an eine Situation vor ein paar Jahren. Ich stand mit Kolleg:innen in der Pause zusammen, und jemand meinte halb im Spaß, halb im Vorwurf:
„Du mit deinem Tofu, deswegen brennt der Regenwald.“
Ich war damals schon vegan, aber noch nicht so geübt darin, ruhig und sachlich zu bleiben, wenn mir jemand so einen Spruch drückt. Ich fühlte mich angegriffen – nicht nur persönlich, sondern auch in meiner Entscheidung, bewusst zu konsumieren. Und gleichzeitig wusste ich: Der Satz ist nicht bösartig gemeint. Er ist einfach falsch informiert.
Damals konnte ich noch nicht so gut erklären, was ich heute sehr klar sagen kann:
Das Soja, das den Regenwald zerstört, landet nicht auf meinem Teller – sondern im Trog.
Die große Soja-Lüge: Warum der Zusammenhang falsch verstanden wird
Wenn Menschen „Soja“ hören, denken viele sofort an Tofu, Tempeh oder Sojamilch. Das ist verständlich, weil diese Produkte sichtbar sind. Sie liegen im Supermarktregal, sie stehen auf dem Tisch, sie sind greifbar.
Was aber unsichtbar bleibt:
Der gigantische Anteil an Soja, der in der Tierindustrie verschwindet.
Hier ein paar grundlegende Fakten, die ich im Laufe der Zeit immer wieder recherchiert, überprüft und in Diskussionen verwendet habe:
1. Rund 75–80 % des weltweit angebauten Sojas wird zu Tierfutter verarbeitet.
Das ist die große, unbequeme Wahrheit.
Nicht Veganer:innen essen das Soja – sondern Tiere, die später zu Fleisch, Milch oder Eiern verarbeitet werden.
2. Nur etwa 2–7 % des globalen Sojas wird direkt als Lebensmittel für Menschen genutzt.
Das ist ein winziger Bruchteil.
Und dieser Bruchteil stammt überwiegend aus Regionen, die keine Regenwälder roden müssen.
3. Das Soja für Tofu, Tempeh und Co. in Europa kommt fast ausschließlich aus Europa.
Österreich, Frankreich, Deutschland, Italien – das sind die Hauptanbaugebiete.
Gentechnikfrei, oft bio, und ohne Regenwaldzerstörung.
4. Die Regenwaldrodungen in Brasilien, Argentinien und Paraguay dienen vor allem der Futtermittelproduktion.
Und diese Futtermittel landen in der europäischen Tierhaltung – nicht in veganen Produkten.
Wenn ich das erkläre, sehe ich oft Überraschung in den Gesichtern. Manche reagieren mit einem „Ach echt?“, andere mit einem „Das wusste ich nicht.“ Und wieder andere mit einem „Ja, aber…“ – denn sobald es um Fleischkonsum geht, wird es emotional.
Warum dieses Missverständnis so hartnäckig bleibt
Ich habe lange darüber nachgedacht, warum sich der Mythos vom „bösen Tofu“ so hartnäckig hält. Mittlerweile glaube ich, dass es mehrere Gründe gibt:
1. Es ist einfacher, mit dem Finger auf andere zu zeigen.
Wenn ich sage: „Tofu zerstört den Regenwald“, dann muss ich mich selbst nicht hinterfragen.
Ich kann weiter essen wie immer und gleichzeitig moralisch überlegen wirken.
2. Die Tierindustrie hat kein Interesse daran, dass wir über Futtermittel reden.
Es ist kein Zufall, dass Werbung für Fleisch, Milch und Eier nie zeigt, wie viel Soja Tiere fressen müssen, um ein bisschen Fleisch zu produzieren.
3. Viele Menschen wissen nicht, wie ineffizient Tierhaltung ist.
Um 1 kg Fleisch zu erzeugen, braucht es mehrere Kilogramm Soja oder anderes Futter.
Das ist reine Physik: Tiere sind keine effizienten Proteinmaschinen.
4. „Soja = Regenwald“ ist ein einfaches Narrativ.
Es passt in einen Satz, es klingt logisch, und es lässt sich gut wiederholen.
Die Realität ist komplexer – und Komplexität verkauft sich schlecht.
Was mich an der Debatte am meisten stört
Ich bin ein Mensch, der versucht, Verantwortung zu übernehmen. Nicht perfekt, nicht immer konsequent, aber bewusst. Wenn ich mich für eine vegane Ernährung entscheide, dann nicht, weil ich moralisch besser sein will, sondern weil ich die Zusammenhänge sehe.
Und genau deshalb trifft mich dieses Soja-Argument oft persönlich.
Nicht, weil ich mich angegriffen fühle – sondern weil es zeigt, wie wenig wir bereit sind, uns mit den tatsächlichen Ursachen auseinanderzusetzen.
Es ist, als würde jemand sagen:
„Autos sind nicht das Problem, sondern Fahrräder – die brauchen schließlich auch Metall.“
Natürlich brauchen sie das. Aber sie verursachen nicht die Schäden, die Autos verursachen.
Genauso ist es mit Soja.
Wie ich heute auf das Argument reagiere
Mittlerweile bleibe ich ruhig. Ich habe gelernt, dass es nichts bringt, jemanden zu überfahren oder mit Zahlen zu erschlagen. Stattdessen erkläre ich die Zusammenhänge so, dass sie greifbar werden.
Ich sage zum Beispiel:
– „Wenn Du Fleisch isst, konsumierst Du indirekt viel mehr Soja als ich.“
– „Das Soja für Tofu kommt aus Europa, nicht aus dem Regenwald.“
– „Wenn wir weniger Fleisch essen würden, bräuchten wir weniger Soja – und weniger Regenwald würde brennen.“
Und oft passiert dann etwas Interessantes:
Die Person fängt an nachzudenken.
Nicht immer. Aber immer öfter.
Warum es wichtig ist, diese Diskussion zu führen
Ich glaube, wir stehen an einem Punkt, an dem wir uns nicht mehr leisten können, falsche Schuldzuweisungen zu akzeptieren. Die Klimakrise ist real. Die Zerstörung des Regenwaldes ist real. Der Verlust von Artenvielfalt ist real.
Und wir alle tragen Verantwortung – nicht als Einzelkämpfer:innen, sondern als Gesellschaft.
Wenn wir über Ernährung sprechen, dann geht es nicht darum, jemanden zu verurteilen.
Es geht darum, Zusammenhänge zu verstehen.
Denn die Wahrheit ist:
– Weniger Fleischkonsum bedeutet weniger Soja-Anbau.
– Weniger Soja-Anbau bedeutet weniger Regenwaldrodung.
– Weniger Regenwaldrodung bedeutet mehr Klimaschutz.
Das ist keine Ideologie.
Das ist einfache Logik.
Was ich mir für die Zukunft wünsche
Ich wünsche mir, dass wir aufhören, uns gegenseitig mit Halbwahrheiten zu bewerfen.
Ich wünsche mir, dass wir bereit sind, zuzuhören – auch wenn es unbequem ist.
Und ich wünsche mir, dass wir anfangen, Verantwortung dort zu suchen, wo sie wirklich liegt.
Nicht bei Tofu.
Nicht bei Menschen, die versuchen, nachhaltiger zu leben.
Sondern bei einem System, das seit Jahrzehnten auf Masse statt Klasse setzt.
Ein persönliches Fazit
Ich bin ein Mann, der sich bewusst ernährt, weil ich weiß, dass meine Entscheidungen Auswirkungen haben. Ich esse Tofu, weil er mir schmeckt, weil er gesund ist und weil er keine Regenwälder zerstört.
Und ich schreibe diesen Artikel, weil ich möchte, dass Du – ja, genau Du – die Chance bekommst, die Dinge klarer zu sehen. Nicht, um Dich zu bekehren. Nicht, um Dich zu belehren. Sondern um Dir die Möglichkeit zu geben, informierte Entscheidungen zu treffen.
Denn am Ende geht es nicht um Soja.
Es geht um Ehrlichkeit.
Es geht um Verantwortung.
Und es geht darum, dass wir als Gesellschaft lernen, die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Wenn Du das nächste Mal jemanden sagen hörst: „Soja zerstört den Regenwald“, dann weißt Du jetzt, was wirklich dahintersteckt. Und vielleicht hast Du Lust, die Diskussion ein kleines Stückchen weiterzubringen.
Ich jedenfalls werde es weiterhin tun.