Es gibt Momente, in denen ich vor einer politischen Entscheidung sitze und denke: Das kann doch nicht euer Ernst sein. Genau so ging es mir, als die Koalition das Heizungsgesetz erneut aufgeweicht hat. Fossile Heizungen bleiben erlaubt, gleichzeitig steigen die Preise für Öl, Gas und andere fossile Energieträger weiter. Offiziell heißt es: „Technologieoffenheit“, „Planungssicherheit“, „Bürger:innen entlasten“. In der Realität bedeutet es etwas ganz anderes: Wer genug Geld hat, kann sich Umweltverschmutzung einfach leisten. Wer wenig hat, schaut in die Röhre.
Und je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Das ist kein Unfall. Das ist ein strukturelles Problem, das sich durch unsere gesamte Klimapolitik zieht.
Die soziale Schieflage ist eingebaut – nicht zufällig
Wenn fossile Heizungen teurer werden, aber weiterhin erlaubt sind, entsteht ein Mechanismus, der auf dem Papier „marktwirtschaftlich“ klingt, in der Praxis aber zutiefst ungerecht ist. Denn CO₂‑Preise treffen alle gleich – aber nicht alle gleich hart.
– Menschen mit wenig Einkommen geben einen viel größeren Anteil ihres Budgets für Energie aus.
– Menschen mit viel Einkommen spüren steigende Preise kaum.
– Und Menschen mit sehr viel Einkommen merken sie gar nicht.
Das Ergebnis: Diejenigen, die am wenigsten Spielraum haben, müssen ihr Verhalten ändern. Diejenigen, die am meisten emittieren, können einfach weitermachen.
Ich finde das absurd. Und ehrlich gesagt auch politisch gefährlich.
Die Reichen verursachen mehr Emissionen – und zwar deutlich
Wenn man sich anschaut, wer eigentlich wie viel CO₂ verursacht, wird die Ungerechtigkeit noch deutlicher. Studien zeigen seit Jahren:
– Die reichsten 10 % der Weltbevölkerung verursachen rund die Hälfte aller Emissionen.
– Die ärmsten 50 % verursachen zusammen nur etwa 10 %.
– In Deutschland liegen die Emissionen von Menschen mit hohem Einkommen bei etwa dem Zwei‑ bis Dreifachen der Emissionen von Menschen mit niedrigem Einkommen – und das ist konservativ geschätzt.
Das bedeutet: Diejenigen, die am meisten zur Klimakrise beitragen, haben gleichzeitig die größte finanzielle Resilienz, um sich vor ihren Folgen zu schützen.
Sie können steigende Energiepreise zahlen.
Sie können sich Wärmepumpen, Dämmung, Solaranlagen leisten.
Sie können sich notfalls sogar freikaufen.
Und genau das passiert gerade.
Klimaschutz wird zum Luxusgut
Wenn Klimapolitik vor allem über Preise gesteuert wird, dann wird Klimaschutz zu einer Art Luxusgut. Nicht im moralischen Sinne, sondern im ganz praktischen:
– Wer Geld hat, kann sich Verschmutzung leisten.
– Wer wenig hat, wird bestraft, obwohl er am wenigsten zum Problem beiträgt.
– Und wer gar nichts hat, wird zum Spielball politischer Entscheidungen, die angeblich „sozial ausgewogen“ sind, aber in Wahrheit nur die Illusion von Gerechtigkeit erzeugen.
Ich sehe das in meinem Umfeld ständig. Menschen, die in schlecht gedämmten Mietwohnungen leben, können nicht einfach auf eine Wärmepumpe umsteigen. Sie können nicht mal eben 20.000 Euro investieren. Sie können nicht entscheiden, welche Heizung im Keller steht. Aber sie zahlen die steigenden Betriebskosten.
Währenddessen gibt es Menschen, die sich problemlos eine neue Gasheizung einbauen lassen, weil sie wissen: „Die paar hundert Euro mehr im Jahr? Juckt mich nicht.“
Das ist keine ökologische Steuerung. Das ist eine soziale Sortierung.
Warum das politisch so brisant ist
Ich glaube, viele unterschätzen, wie explosiv diese Ungerechtigkeit ist. Wenn Klimapolitik so gestaltet wird, dass sie vor allem Menschen mit wenig Geld belastet, dann entsteht ein Gefühl von Ohnmacht. Und Ohnmacht ist der perfekte Nährboden für Wut – und für politische Kräfte, die diese Wut instrumentalisieren.
Es ist kein Zufall, dass Klimapolitik in vielen Ländern zu einem Kulturkampf geworden ist. Nicht, weil Menschen grundsätzlich gegen Klimaschutz wären. Sondern weil sie das Gefühl haben, dass sie die Last tragen sollen, während andere sich freikaufen.
Wenn Klimaschutz als Strafe erlebt wird, statt als Schutz, dann verlieren wir die gesellschaftliche Unterstützung, die wir dringend brauchen.
Es ginge auch anders – viel gerechter sogar
Das Frustrierende ist: Diese Ungerechtigkeit ist nicht naturgegeben. Sie ist das Ergebnis politischer Entscheidungen. Und man könnte sie korrigieren.
1. Eine echte Klimaprämie
Eine Pro‑Kopf‑Rückzahlung der CO₂‑Einnahmen würde die soziale Schieflage massiv reduzieren. Menschen mit wenig Einkommen würden unterm Strich sogar profitieren, weil sie weniger emittieren.
2. Progressive CO₂‑Bepreisung
Warum zahlen alle denselben Preis pro Tonne CO₂, obwohl die Emissionen so ungleich verteilt sind? Man könnte Vielverbraucher:innen stärker belasten – und zwar nicht symbolisch, sondern spürbar.
3. Investitionen statt Strafen
Statt Menschen über Preise zu „erziehen“, könnte man massiv in Infrastruktur investieren: Wärmenetze, Gebäudesanierung, öffentliche Mobilität. Das würde echte Alternativen schaffen.
4. Vermieter:innen stärker in die Pflicht nehmen
Mieter:innen zahlen die Betriebskosten, Vermieter:innen entscheiden über die Heizung. Diese Schieflage ist absurd und gehört dringend korrigiert.
5. Reiche stärker an der Transformation beteiligen
Es wäre nur logisch, dass diejenigen, die am meisten emittieren, auch am meisten beitragen. Nicht als moralische Strafe, sondern als sachliche Konsequenz.
Warum ich darüber schreibe
Ich schreibe diesen Artikel nicht, weil ich Klimaschutz ablehne. Im Gegenteil: Ich halte ihn für absolut notwendig. Aber ich weigere mich, eine Politik zu akzeptieren, die ökologische Ziele auf dem Rücken derjenigen austrägt, die am wenigsten zum Problem beitragen.
Ich will eine Klimapolitik, die schützt – nicht bestraft.
Die verbindet – nicht spaltet.
Die gerecht ist – nicht bequem für diejenigen, die ohnehin schon privilegiert sind.
Und ich glaube fest daran, dass wir das schaffen können. Aber dafür müssen wir ehrlich über die Ungleichheit sprechen, die in vielen Maßnahmen steckt. Und wir müssen aufhören, so zu tun, als wäre es „technologieoffen“, wenn man Reichen erlaubt, weiter zu verschmutzen, während Arme die Kosten tragen.
Am Ende geht es um eine einfache Frage
Wollen wir eine Gesellschaft, in der Klimaschutz ein Privileg ist?
Oder eine, in der Klimaschutz ein gemeinsames Projekt ist, das niemanden zurücklässt?
Ich weiß, wofür ich mich entscheide.
Und ich hoffe, Du auch.