Wissenschaft als Feindbild? Warum rechte Ideologien Fakten fürchten

Ich habe in einem Online-Kommentar kürzlich geschrieben: „Die Wissenschaft bemüht sich um Fakten. Fakten stören die Rechten in der Regel ein wenig bei der Verbreitung von Hass, Hetze und Falschinformationen.“ Daraufhin wurde mir unterstellt, ich würde „die Wissenschaft“ als Linker missbrauchen, um ideologische Ziele zu verfolgen. Diese Reaktion hat mich nicht überrascht – aber sie hat mich einmal mehr daran erinnert, wie tief die Ablehnung gegenüber faktenbasierter Erkenntnis in bestimmten politischen Lagern verankert ist. Und wie gefährlich es ist, wenn Wissenschaft pauschal als ideologisch diffamiert wird.

In diesem Artikel möchte ich mit Dir gemeinsam einen Blick darauf werfen, warum diese Haltung nicht nur falsch, sondern auch historisch hochproblematisch ist. Ich zeige Dir, wie rechte Bewegungen die Wissenschaft systematisch missbraucht haben – und warum es heute mehr denn je wichtig ist, sich für eine faktenbasierte, ethisch reflektierte Wissenschaft einzusetzen.



Wissenschaft ist kein Meinungskampf

Wissenschaft ist kein Meinungskampf. Sie ist ein methodischer Weg, um die Welt zu verstehen. Sie basiert auf überprüfbaren Daten, transparenten Methoden und der Bereitschaft, sich selbst zu korrigieren. Natürlich ist Wissenschaft nie vollkommen neutral – sie wird von Menschen betrieben, die in gesellschaftlichen Kontexten leben. Aber das Ziel bleibt: Erkenntnisgewinn durch nachvollziehbare, überprüfbare Fakten.

Wenn Du also hörst, dass „97 % der anerkannten Wissenschaftler:innen“ sich in einem bestimmten Punkt einig sind – etwa beim menschengemachten Klimawandel – dann ist das kein ideologisches Statement, sondern ein Hinweis auf den aktuellen Stand der Forschung. Wer das als „linke Propaganda“ abtut, zeigt vor allem eines: ein tiefes Misstrauen gegenüber der Realität, wenn sie nicht ins eigene Weltbild passt.



Die perfide Täter-Opfer-Umkehr

Was mich besonders empört, ist die Umkehrung der historischen Verantwortung. Es waren nicht progressive Bewegungen, die Wissenschaft missbraucht haben, um Menschen zu unterdrücken. Es waren Kolonialherren, Faschist:innen, Rassist:innen – also genau jene Kräfte, die heute oft versuchen, sich als Opfer einer angeblich „linken Wissenschaftsdiktatur“ darzustellen.

Diese Täter-Opfer-Umkehr ist nicht nur intellektuell unehrlich, sie ist auch gefährlich. Sie verschleiert die Tatsache, dass Wissenschaft in der Vergangenheit gezielt instrumentalisiert wurde, um Gewalt, Ausbeutung und Unterdrückung zu legitimieren. Und sie verhindert, dass wir aus dieser Geschichte lernen.



Der Missbrauch der Wissenschaft durch rechte Ideologien

Lass uns konkret werden. Die Geschichte ist voll von Beispielen, wie rechte Ideologien Wissenschaft missbraucht haben:

Rassenlehre und Eugenik: Im 19. und 20. Jahrhundert wurden pseudowissenschaftliche Theorien entwickelt, um Menschen in „höherwertige“ und „minderwertige“ Gruppen einzuteilen. Diese Konzepte dienten als Grundlage für Kolonialismus, Apartheid und den Holocaust. Die angeblich „objektiven“ Kriterien – Schädelmessungen, Blutlinien, genetische Reinheit – waren nichts anderes als rassistische Konstrukte, die mit dem Mantel der Wissenschaft verbrämt wurden.

Biologischer Determinismus: Die Vorstellung, dass soziale Unterschiede – etwa zwischen Männern und Frauen oder zwischen verschiedenen „Rassen“ – biologisch festgelegt seien, wurde genutzt, um Ungleichheit zu rechtfertigen. Auch hier wurde Wissenschaft zur Legitimation von Herrschaft eingesetzt, nicht zur Aufklärung.

Klimawandelleugnung: In jüngerer Zeit sehen wir, wie rechte Thinktanks gezielt Zweifel an wissenschaftlichen Erkenntnissen säen – etwa zur Erderwärmung oder zur Wirksamkeit von Impfungen. Dabei werden einzelne Studien aus dem Kontext gerissen, falsche Expert:innen zitiert oder schlicht gelogen. Ziel ist nicht Erkenntnis, sondern Verwirrung und politische Manipulation.



Wissenschaft als Bedrohung für autoritäre Weltbilder

Warum ist Wissenschaft für autoritäre und rechte Bewegungen so bedrohlich? Weil sie Komplexität sichtbar macht. Weil sie einfache Antworten infrage stellt. Und weil sie Machtverhältnisse analysiert, statt sie einfach hinzunehmen.

Wenn Du zum Beispiel die Ursachen von Armut untersuchst, kommst Du schnell zu strukturellen Fragen: Wer profitiert? Wer wird ausgeschlossen? Wer trägt Verantwortung? Das ist unbequem für jene, die bestehende Ungleichheiten verteidigen wollen.

Oder nimm die Genderforschung: Sie zeigt, dass Geschlechterrollen nicht naturgegeben sind, sondern gesellschaftlich konstruiert. Das ist ein Affront für alle, die sich auf „natürliche Ordnung“ berufen, um patriarchale Strukturen zu erhalten.

Kurz gesagt: Wissenschaft stellt Fragen, wo rechte Ideologien lieber Antworten hätten. Und sie sucht nach Wahrheit, wo andere lieber Mythen verbreiten.



Die Verantwortung der Wissenschaft

Natürlich muss auch die Wissenschaft selbstkritisch sein. Es gab und gibt Fälle, in denen Forschung ethische Grenzen überschritten hat – etwa in der Medizin, der Psychologie oder der Genetik. Aber der Unterschied liegt im Umgang damit: Eine verantwortungsvolle Wissenschaft reflektiert ihre Geschichte, zieht Konsequenzen und entwickelt ethische Standards.

Ich sehe es als meine Verantwortung, mich für eine Wissenschaft einzusetzen, die nicht nur faktenbasiert, sondern auch menschenwürdig ist. Die nicht zur Legitimation von Herrschaft dient, sondern zur Befreiung von Denkverboten. Die nicht ausgrenzt, sondern aufklärt.



Was Du tun kannst

Vielleicht fragst Du Dich jetzt: Was kann ich tun, um Wissenschaft zu stärken und gegen ihren Missbrauch zu wirken? Hier ein paar Impulse:

Informiere Dich aus seriösen Quellen. Vermeide Plattformen, die gezielt Desinformation verbreiten. Nutze öffentlich zugängliche Studien, Fachzeitschriften und wissenschaftliche Podcasts.

Hinterfrage vermeintliche „Expertenmeinungen“. Nur weil jemand einen Titel trägt, heißt das nicht, dass er oder sie wissenschaftlich arbeitet. Achte auf Methodik, Quellen und Peer-Review.

Sprich über Wissenschaft. Teile Erkenntnisse, diskutiere offen, aber klar. Lass Dich nicht einschüchtern von jenen, die mit Polemik statt mit Argumenten arbeiten.

Setze Dich für Wissenschaftsfreiheit ein. Unterstütze Institutionen, die unabhängig forschen. Und wehre Dich gegen politische Einflussnahme auf Forschung – egal von welcher Seite.



Fazit: Wissenschaft braucht Haltung

Wissenschaft ist kein neutraler Raum. Sie ist eingebettet in gesellschaftliche Prozesse, sie wird beeinflusst von politischen Rahmenbedingungen, und sie hat Auswirkungen auf unser Zusammenleben. Aber gerade deshalb braucht sie Haltung – eine Haltung, die sich an Wahrheit, Verantwortung und Menschenwürde orientiert.

Wenn rechte Bewegungen Wissenschaft pauschal als „ideologisch“ diffamieren, dann geht es nicht um Kritik, sondern um Kontrolle. Es geht darum, unbequeme Fakten zu verdrängen, alternative Realitäten zu schaffen und Macht zu sichern.

Ich verurteile diese Haltung entschieden. Sie ist nicht nur falsch, sie ist gefährlich. Denn sie öffnet Tür und Tor für die Wiederholung jener historischen Verbrechen, die einst unter dem Deckmantel der Wissenschaft begangen wurden.

Wissenschaft ist kein Feind. Sie ist ein Werkzeug – und wie jedes Werkzeug kommt es darauf an, wie wir es nutzen. Ich entscheide mich für Aufklärung, für Verantwortung und für die Wahrheit. Und ich hoffe, Du tust das auch.

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