18 Jahre vegan – wie alles begann, warum es zählt und weshalb Ehrlichkeit manchmal wichtiger ist als Nettigkeit

Es gibt Daten im Leben, die passieren einfach: Geburtstage, Feiertage, Jahrestage. 

Und dann gibt es Daten, die man sich erarbeitet. Die man sich verdient. Die man bewusst setzt, weil sie für etwas stehen, das größer ist als ein einzelner Moment.

Für mich ist der 14.05.2008 so ein Datum. 
Und heute, am 14.05.2026, stelle ich fest:

Ich bin seit 18 Jahren vegan. Volljährig. 
Und irgendwie fühlt sich das genauso an.


Wie alles begann – und warum der 14.05.2008 zählt

Ich habe die Entscheidung, vegan zu leben, natürlich früher getroffen. Aber ich habe mir damals kein Datum notiert. Ich wollte kein Jubiläum. Ich wollte Konsequenz. Ich wollte, dass mein Alltag zu meinen Werten passt. Schritt für Schritt entfernte ich tierische Produkte aus meinem Leben und ersetzte sie durch Alternativen.

Der 14.05.2008 war der Tag, an dem ich den letzten Punkt auf meiner Liste gestrichen habe. 
Der Tag, an dem ich sagen konnte:

„Ab heute ist mein Alltag tierleidfrei organisiert.“

Nicht perfekt. Nicht weltrettend. Aber integer. 
Und das war mir wichtig.


Die Vorgeschichte: Von vegetarisch zu vegan – und der Moment, der alles veränderte

Ich war Teenager, als ich dachte: „Ich will nicht, dass für mich jemand stirbt.“ 
Eine romantisch‑kindliche Idee, aber ehrlich. Dazu kam, dass Menschen in meinem Umfeld Vegetarier:innen waren. Also wurde ich es auch.

Über die alternativ‑punkige Szene kam ich mit vielen Vegetarier:innen und Veganer:innen in Kontakt. Es war ein respektvoller Umgang, der mich bestärkte. 
Bis zu einer Silvesterparty 2007/2008.

Dort diskutierte ich mit einem Allesesser. Nicht feindselig, aber scharf. Ich gab ihm meine Argumente, er gab mir in Teilen recht – änderte aber nichts.

Am nächsten Tag telefonierte ich mit meiner besten Freundin Nina.

Nina ist… direkt. Brutal ehrlich. Ohne Filter. 
Ich erzählte ihr von der Diskussion – und sie nannte mich ein selbstgerechtes, ignorantes Arschloch. 
Und dann legte sie los:

– „Für Fleisch töten sie schnell. Für Milch und Eier versklaven sie Tiere ihr ganzes Leben.“ 
– „Lab in Käse ist Kälbermagen – also Kindesmord.“ 
– „Vegetarisch ist moralisch inkonsequent.“

Ich war sprachlos. 
Und sie merkte es sofort. 
Wir hatten diese fast telepathische Art miteinander.

Dann wurde sie ruhig. 
Und zeigte mir die Alternative:

Veganismus.

Nicht als Vorwurf. 
Sondern als logische Konsequenz.

Und ich wusste, dass sie recht hatte.


Die Realität 2008: Veganwerden war Arbeit

Es gab nur ein Problem: 
Vegan zu leben war damals… kompliziert.

Rügenwalder war noch Jahre davon entfernt, Ersatzprodukte zu machen. 
Vegane Onlineshops? Zukunftsmusik. 
Der „vegane Boom“? Nicht mal am Horizont.

In meiner Umgebung gab es genau zwei Orte, an denen man Naturtofu bekam:

– Bioladen 
– Asia-Markt 

Und das war’s.

Kein Vegan‑Logo. 
Keine klaren Kennzeichnungen. 
Keine Apps. 
Keine Blogs. 
Keine YouTube‑Kanäle.

Ich musste jede einzelne Zutatenliste lesen. 
Und ab Punkt vier stand da meist etwas wie:

– E471 
– E120 
– E3569844 
– oder Wörter, die klangen wie Zutaten aus einem Zaubertrank

Ich war weder R2D2 noch sprach ich klingonisch.


Die ersten Smartphones – und mein persönliches Vegan‑Lexikon

Es war die Zeit der ersten Smartphones. 
Nicht besonders smart, aber sie hatten ein Notizbuch.

Ich suchte jede E‑Nummer raus, tippte sie ins Telefon, ging wieder einkaufen. 
Wenn ich etwas nicht kannte, schrieb ich es auf und recherchierte zuhause.

Ein 30‑Minuten‑Einkauf wurde zu einer Tagesaufgabe. 
Und selbst dann hatte ich nur die Hälfte im Korb.

Aber ich blieb dran. 
Weil ich wusste, dass es richtig war.


Und dann kam der Vegan‑Boom

Als ich endlich meine Standardprodukte kannte, passierte es:

Der Vegan‑Boom begann.

Plötzlich gab es:

– Apps mit E‑Nummern‑Listen 
– Barcode‑Scanner‑Apps 
– eigene vegane Kühlregale 
– Rezeptbücher 
– Webseiten 
– Blogs 
– YouTube‑Kanäle 

Von „Ich bin allein“ zu „Wir sind viele“.

Ich stand da mit meinem alten Smartphone voller selbstgeschriebener Listen und dachte:

„Super. Jetzt, wo ich alles gelernt habe, macht ihr’s einfach.“

Aber ich war stolz. 
Weil ich nicht wegen eines Trends vegan wurde. 
Sondern trotz der Umstände.


18 Jahre Veränderung – in mir und um mich herum

Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich nicht nur meine eigene Entwicklung. 
Ich sehe auch, wie sich die Welt verändert hat.

Damals gab es:

– einen Bioladen 
– einen Asia‑Markt mit Naturtofu 
– und sonst: nichts

Heute findest Du vegane Produkte überall. 
Alternativen, die besser schmecken als das Original. 
Restaurants, die vegan nicht als Ausnahme, sondern als Standard mitdenken.

Ich habe das alles miterlebt. 
Nicht als Lifestyle. 
Sondern als Alltag.


Die Gespräche, die man führt – und die, die man irgendwann nicht mehr führt

Wenn Du 18 Jahre vegan bist, sammelst Du Gespräche wie andere Leute Briefmarken.

Ich habe hunderte Diskussionen geführt:

– mit Menschen, die sich Sorgen um meine Proteinaufnahme machten 
– mit Leuten, die glaubten, Kühe müssten gemolken werden 
– mit Menschen, die dachten, vegan bedeute Gras und Steine essen 
– mit Leuten, die Löwen als moralische Vorbilder heranzogen 

Und irgendwann merkte ich:

Es geht selten um Fakten. 
Es geht um Gewohnheiten. 
Um Identität. 
Um Bequemlichkeit.

Ich habe aufgehört, jede Diskussion führen zu wollen. 
Nicht aus Resignation. 
Sondern aus Selbstschutz. 
Und weil mein Leben selbst Argument genug ist.


18 Jahre Alltag – und was das wirklich bedeutet

Vegan zu leben ist für mich längst kein täglicher Kampf. 
Es ist mein Normalzustand.

Aber das heißt nicht, dass es immer einfach war.

Ich habe 18 Jahre lang:

– Essensbestellungen erlebt, bei denen ich vergessen wurde 
– Abteilungsfeiern ausgelassen, weil niemand an mich dachte 
– improvisiert, wenn es keine Optionen gab 
– gelernt, immer einen Notfall‑Räuchertofu im Kühlschrank zu haben 
– Menüs gesehen, die „vegan“ mit „Beilagensalat ohne Dressing“ verwechselten 

Und trotzdem:

Ich habe nie bereut, diesen Weg zu gehen. 
Nicht einen Tag.


Heute ist es so leicht wie nie – und trotzdem…

Heute gibt es:

– kostenlose Info‑Apps 
– Kochbücher 
– Rezeptseiten 
– vegane Ernährungsberatung 
– den Ausbildungsberuf vegan‑vegetarische:r Koch/Köchin 
– eigene Regale im Supermarkt 
– Läden, die ausschließlich vegan sind 
– vegane Reiseführer 
– vegane Dating‑Apps 

Du bekommst quasi alles in den Arsch geschoben. 
Easy¹⁰.

Und trotzdem sagen Leute:

„Du isst meinem Essen das Essen weg.“

Und da denke ich an Nina. 
Daran, wie sie mir die Wahrheit ins Gesicht geschrien hat. 
Nicht, um mich zu verletzen – sondern um mich wachzurütteln.

Vielleicht brauchen wir genau das wieder:

Ehrlichkeit statt Nettigkeit. 
Nicht beleidigend. 
Nicht herablassend. 
Aber klar.

Mir hat es geholfen. 
Vielleicht hilft es anderen auch.


Warum dieses Jubiläum wichtig ist

Ich feiere heute nicht nur ein Datum. 
Ich feiere:

– Konsequenz 
– Entwicklung 
– Geduld 
– Humor 
– Durchhaltevermögen 
– und die Fähigkeit, sich selbst treu zu bleiben 

Ich feiere, dass ich vor 18 Jahren eine Entscheidung umgesetzt habe, die mich bis heute prägt. 
Ich feiere, dass ich sagen kann:

„Ich bin seit 18 Jahren vegan – und ich würde es jederzeit wieder tun.“


Und wie geht es weiter?

Ganz einfach: 
Es geht weiter wie bisher.

Ich werde weiter vegan leben. 
Weiter lernen. 
Weiter geduldig sein. 
Weiter diskutieren – wenn es sinnvoll ist. 
Weiter meinen Notfall‑Räuchertofu im Kühlschrank haben. 
Weiter beobachten, wie sich die Welt verändert. 
Langsam. 
Und manchmal schnell.

Vielleicht feiere ich in zwei Jahren mein 20‑jähriges Jubiläum. 
Nicht, weil ich muss. 
Sondern weil es ein Teil von mir ist.


Schlussgedanke

18 Jahre vegan. 
Das ist nicht nur ein Jubiläum. 
Das ist ein Stück Lebensgeschichte. 
Ein Stück Identität. 
Ein Stück Zukunft.

Und ich freue mich darauf, diesen Weg weiterzugehen – Schritt für Schritt, Tag für Tag, Jahr für Jahr.

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