6 Milliarden Euro „gefunden“ – und was das über Verantwortung, Respekt und schlechte Entscheidungen verrät

Es gibt Momente, in denen ein völlig alltäglicher Zufall plötzlich ein Schlaglicht auf etwas viel Größeres wirft. Bei mir war es ein 20‑Euro‑Schein in der Übergangsjacke. Ein kleiner Fund, ein kurzer Moment der Freude, ein bisschen Schusseligkeit – und dann war er wieder weg, dieser Gedanke.

Bis ich am selben Tag las, dass Volkswagen 6 Milliarden Euro gefunden hat.

Sechs. Milliarden. Euro.

Und plötzlich war mein kleiner Jackentaschen‑Fund nicht mehr nur ein netter Zufall, sondern ein Vergleichsmaßstab für etwas, das mich seitdem nicht mehr loslässt: die Frage, wie ein Weltkonzern Milliarden „finden“ kann – und was das über die Qualität von Entscheidungen, Verantwortung und Respekt gegenüber den Kolleg:innen aussagt, die dort jeden Tag die eigentliche Arbeit machen.


Mein 20‑Euro‑Fund – und die absurde Dimension von 6 Milliarden

Ich fange mal bei mir an. Ich hole meine Übergangsjacke aus dem Schrank, greife in die linke Tasche – und da ist er: ein Zwanziger. Ich freue mich kurz, denke mir „Ach stimmt, der war da ja noch“, und gut ist.

Das ist menschlich. 
Das ist Alltag. 
Das ist Schusseligkeit.

Aber 6 Milliarden Euro? 
Das ist keine Schusseligkeit. 
Das ist kein Alltag. 
Das ist keine Kleinigkeit.

Und weil mein Kopf manchmal seltsame Wege geht, habe ich angefangen zu rechnen. Wenn ich für meinen 20‑Euro‑Fund ungefähr 10 Sekunden gebraucht habe – wie lange müsste ich arbeiten, um 6 Milliarden Euro zu „finden“?

Die Antwort ist so absurd, dass sie schon wieder komisch ist:

– 10 Sekunden pro Fund 
– 360 Funde pro Stunde 
– 7200 Euro pro Stunde 
– 57.600 Euro pro Tag 
– 14,9 Millionen Euro pro Jahr 
– über 1000 Jahre, ohne auch nur einen einzigen Cent davon auszugeben

Ich müsste also ein Jahrtausend lang im Vollzeit‑Jackentaschen‑Suchberuf arbeiten, um das zu finden, was VW in einem einzigen Bilanzschritt „gefunden“ hat.

Und genau da beginnt die eigentliche Frage: 
Wie kann ein Unternehmen 6 Milliarden Euro „finden“ – und gleichzeitig behaupten, es sei eine Krise, in der Boni gestrichen und Stellen abgebaut werden müssen?


Wer 6 Milliarden findet, hat vorher keinen guten Job gemacht

Ich sage es so klar, wie ich es empfinde:

Wer 6 Milliarden Euro findet, hat vorher einen beschissenen Job gemacht.

Das ist kein „Sondereffekt“. 
Das ist kein „Glücksfall“. 
Das ist kein „unerwarteter Bilanzvorteil“.

Das ist ein Zeichen dafür, dass irgendjemand seinen oder ihren Job nicht im Griff hat.

Denn 6 Milliarden verschwinden nicht einfach. 
Sie liegen nicht zufällig in einer Schublade. 
Sie tauchen nicht plötzlich auf wie mein Zwanziger in der Übergangsjacke.

Wenn ein Weltkonzern Milliarden „findet“, dann bedeutet das:

– Rückstellungen wurden falsch kalkuliert. 
– Risiken wurden falsch bewertet. 
– Entscheidungen wurden falsch getroffen. 
– Verantwortlichkeiten wurden falsch wahrgenommen. 
– Und niemand hat rechtzeitig hingeschaut.

Das ist kein Zufall. 
Das ist kein Pech. 
Das ist schlechte Arbeit.

Und schlechte Arbeit in Führungspositionen ist nicht einfach nur ärgerlich – sie ist teuer. 
Teurer als jeder Fehler, den ein:e Kolleg:in am Band, im Lager, in der Logistik oder in der Entwicklung machen könnte.


Die Kolleg:innen bei Volkswagen haben verzichtet – und zwar aus Verantwortung

Was mich an der ganzen Sache wirklich wütend macht, ist nicht die Summe selbst. 
Es ist die Gleichzeitigkeit.

Während irgendwo 6 Milliarden Euro herumlagen, von denen niemand etwas wusste, mussten die Kolleg:innen bei Volkswagen:

– auf Boni verzichten, 
– Leiharbeiter:innen verabschieden, 
– Befristete ziehen lassen, 
– und sich anhören, dass „schwierige Zeiten“ seien.

Es wurde von ihnen Solidarität verlangt. 
Es wurde von ihnen Verantwortung verlangt. 
Es wurde von ihnen Verzicht verlangt.

Und sie haben geliefert. 
Sie haben verzichtet. 
Sie haben Verantwortung übernommen. 
Sie haben den Laden am Laufen gehalten.

Währenddessen wurde oben – in den Etagen, in denen Entscheidungen getroffen werden – offenbar nicht einmal bemerkt, dass Milliarden falsch verbucht, falsch bewertet oder falsch eingeschätzt wurden.

Das ist nicht nur ein Missverhältnis. 
Das ist eine Respektlosigkeit.


Die Logik der Macht: Solidarität nach unten, Boni nach oben

Es gibt eine bittere Wahrheit, die sich durch viele große Unternehmen zieht: 
Solidarität wird immer nach unten eingefordert.

Die Kolleg:innen sollen verzichten. 
Die Kolleg:innen sollen flexibel sein. 
Die Kolleg:innen sollen Verständnis haben. 
Die Kolleg:innen sollen „mitziehen“.

Aber oben?

Oben heißt es:

– „Das Management muss marktgerecht bezahlt werden.“ 
– „Wir brauchen internationale Wettbewerbsfähigkeit.“ 
– „Boni sind wichtig für die Motivation.“ 
– „Aktionär:innen dürfen nicht verunsichert werden.“

Es ist eine Einbahnstraße. 
Eine, die immer nach unten führt.

Und wenn dann plötzlich 6 Milliarden auftauchen, wird nicht etwa gefragt:

– Wer hat das verbockt? 
– Wer trägt die Verantwortung? 
– Wer hat hier nicht sauber gearbeitet?

Sondern es wird darüber spekuliert, ob das Management nicht vielleicht doch höhere Boni verdient hätte.

Das ist grotesk. 
Das ist absurd. 
Das ist entlarvend.


Schlechte Entscheidungen sind kein Naturgesetz – sie sind ein Führungsproblem

Ich habe in den letzten Jahren viel darüber nachgedacht, wie Entscheidungen in großen Unternehmen getroffen werden. Und ich bin zu einer einfachen Erkenntnis gekommen:

Wenn wir Entscheidungen würfeln würden, hätten wir statistisch gesehen 50 Prozent gute und 50 Prozent schlechte Entscheidungen.

Das wäre eine bessere Bilanz als das, was wir gerade sehen.

Und ein Würfel kostet weniger als das aktuelle Management.

Das klingt hart. 
Aber es ist die logische Konsequenz aus dem, was passiert ist.

Denn wenn ein Unternehmen Milliarden „findet“, dann ist das kein Zeichen für Erfolg – sondern ein Zeichen für Kontrollverlust.

Es ist ein Zeichen dafür, dass die Mechanismen, die eigentlich Sicherheit schaffen sollen, nicht funktionieren. 
Es ist ein Zeichen dafür, dass Verantwortung nicht wahrgenommen wird. 
Es ist ein Zeichen dafür, dass Entscheidungen nicht sauber getroffen werden.

Und es ist ein Zeichen dafür, dass diejenigen, die am meisten verdienen, nicht unbedingt diejenigen sind, die am besten arbeiten.


Die Kolleg:innen verdienen Respekt – nicht Ausreden

Was mich an der ganzen Sache am meisten beschäftigt, ist die Frage nach Respekt.

Die Kolleg:innen bei Volkswagen haben in den letzten Jahren viel getragen:

– Unsicherheit 
– Schichtbelastung 
– Produktionsdruck 
– Personalabbau 
– Bonusverzicht 
– und die ständige Erzählung von „schwierigen Zeiten“

Sie haben geliefert. 
Sie haben Verantwortung übernommen. 
Sie haben den Laden am Laufen gehalten.

Und im Gegenzug?

Im Gegenzug bekommen sie Erklärungen, Ausreden und PR‑Sätze. 
Im Gegenzug bekommen sie die Botschaft: „Ihr müsst verzichten.“ 
Im Gegenzug bekommen sie die Realität, dass oben niemand Konsequenzen trägt.

Das ist nicht fair. 
Das ist nicht respektvoll. 
Das ist nicht verantwortungsvoll.


Was 6 Milliarden wirklich bedeuten

6 Milliarden Euro sind nicht nur eine Zahl. 
Sie sind ein Symbol.

Ein Symbol für:

– schlechte Entscheidungen, 
– fehlende Kontrolle, 
– mangelnde Verantwortung, 
– und ein System, das Ungleichheit nicht nur hinnimmt, sondern aktiv produziert.

Und sie sind ein Spiegel. 
Ein Spiegel, der zeigt, wie unterschiedlich Wertschätzung verteilt wird.

Denn während oben Milliarden „gefunden“ werden, müssen unten Menschen gehen. 
Während oben Boni diskutiert werden, müssen unten Boni gestrichen werden. 
Während oben Fehler umetikettiert werden, müssen unten Fehler vermieden werden.

Das ist die Realität. 
Und sie ist nicht alternativlos.


Was ich mir wünsche

Ich wünsche mir ein Unternehmen – egal welches – in dem:

– Verantwortung nicht nur nach unten durchgereicht wird, 
– Solidarität keine Einbahnstraße ist, 
– Entscheidungen transparent getroffen werden, 
– Fehler benannt werden dürfen, 
– und Respekt nicht an der Tür zum Vorstandsetage endet.

Ich wünsche mir eine Kultur, in der man nicht 6 Milliarden „finden“ kann, ohne dass vorher jemand merkt, dass sie fehlen.

Und ich wünsche mir, dass die Kolleg:innen, die jeden Tag die eigentliche Arbeit machen, endlich die Wertschätzung bekommen, die sie verdienen.


Schlussgedanke

Ich habe 20 Euro gefunden. 
VW hat 6 Milliarden gefunden.

Der Unterschied ist nicht die Summe. 
Der Unterschied ist die Haltung.

Ich freue mich über meinen Zwanziger. 
VW feiert seine Milliarden.

Ich habe niemandem geschadet. 
VW hat Kolleg:innen verloren, Boni gestrichen und Entscheidungen getroffen, die Menschen getroffen haben.

Ich habe meine Jacke wieder aufgehängt. 
VW hat ein strukturelles Problem offengelegt.

Und genau deshalb schreibe ich diesen Text: 
Weil es nicht um Geld geht. 
Es geht um Verantwortung. 
Es geht um Respekt. 
Es geht um Ehrlichkeit. 
Und es geht darum, dass schlechte Entscheidungen nicht einfach „Sondereffekte“ sind – sondern Konsequenzen haben müssen.

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