Die Wurst lügt – und ich bin nicht verwirrt

Ich bin nicht verwirrt. Und Du vermutlich auch nicht. Wenn Du im Supermarkt vor dem Regal stehst und eine „Veggie-Wurst“ in der Hand hältst, weißt Du ziemlich genau, was Du da gerade betrachtest: ein pflanzliches Produkt, das aussieht wie eine Wurst, schmeckt wie eine Wurst, sich anfühlt wie eine Wurst – aber keine ist. Und das ist okay. Denn Sprache ist nicht nur Beschreibung, sie ist auch Einladung, Erinnerung, Gewohnheit. Und manchmal: Marketing.

Was mich verwirrt, ist nicht die „Veggie-Wurst“. Was mich verwirrt, ist die politische Debatte darum. Die Entscheidung des EU-Parlaments, dass vegane und vegetarische Ersatzprodukte künftig nicht mehr nach ihren tierischen Vorbildern benannt werden dürfen, ist ein sprachpolitischer Schildbürgerstreich. Und ich sage das als jemand, der grundsätzlich für sprachliche Präzision ist. Aber bitte: konsequent.

🧠 Wer ist hier eigentlich verwirrt?

Die Argumentation der konservativen Fraktion im EU-Parlament – insbesondere der EVP – lautet sinngemäß: Verbraucher:innen könnten durch Begriffe wie „Soja-Schnitzel“ oder „Veggie-Wurst“ in die Irre geführt werden. Sie könnten glauben, es handle sich um Fleisch. Oder zumindest um etwas, das so nahrhaft, so männlich, so traditionell ist wie Fleisch.

Ich frage mich: Wer genau ist da verwirrt? Ich bin es nicht. Du wahrscheinlich auch nicht. Veganer:innen und Vegetarier:innen sind es ganz sicher nicht – sie lesen die Zutatenliste, achten auf Logos, suchen gezielt nach pflanzlichen Alternativen. Wenn überhaupt, dann sind es die Fleischesser:innen, die aus Gewohnheit zugreifen und sich dann wundern, dass ihr „Burger“ nach Erbse schmeckt.

Aber ist das wirklich Verwirrung? Oder ist es schlicht kognitive Trägheit? Ein Reflex, der sagt: „Ich will das, was ich kenne – und wehe, es ist anders.“

💰 Lobbyismus mit Wurstscheiben

Die Wahrheit ist: Hinter dieser Entscheidung steckt kein Schutzbedürfnis für Verbraucher:innen. Dahinter steckt Lobbyismus. Die konservative Fraktion steht traditionell nah an der Agrarindustrie, an den Fleischverbänden, an den Tierschänder:innen – und ja, ich sage das bewusst so drastisch. Denn wer Massentierhaltung verteidigt, wer Tierleid als wirtschaftliche Notwendigkeit verklärt, der ist Teil eines Systems, das Tiere systematisch quält.

Die Fleischwirtschaft hat Angst. Nicht vor Verwirrung, sondern vor Veränderung. Vor einem Markt, der sich wandelt. Vor Menschen, die anfangen, Fragen zu stellen: Woher kommt mein Essen? Was bedeutet Tierwohl? Muss ich wirklich Fleisch essen, um satt zu werden?

Die Antwort der Lobby: Kontrolle über die Sprache. Wenn wir den Begriff „Wurst“ schützen, schützen wir das System dahinter. Wenn wir „Schnitzel“ nur noch für Fleisch erlauben, dann bleibt die pflanzliche Alternative sprachlich draußen – fremd, anders, irritierend.

🗣️ Sprachkritik mit Mettigel

Ich habe mit der Entscheidung kein Problem – wenn sie konsequent wäre. Aber sie ist es nicht. Denn unsere Sprache ist voller Begriffe, die nicht das sind, was sie behaupten zu sein.

– „Freitag“ ist nicht frei.
– Im „Mettigel“ ist kein Igel.
– Die erste Wurst, die dem Menschen begegnete, fiel ihm vermutlich aus dem Hintern.
– Ein „Steakhouse“ besteht nicht aus Steaks.
– Im „Kindermenü“ sind keine Kinder drin.
– „Leberkäse“ enthält oft keine Leber.
– „Fleischsalat“ ist ein Mayonnaise-Massaker mit Fleischspuren.

Wenn wir also anfangen, Begriffe zu verbieten, weil sie nicht exakt beschreiben, was drin ist – dann bitte überall. Dann nennen wir „Schinken“ künftig „totes Schwein“. Dann wird aus dem „Schnitzel“ ein „flachgeklopftes Muskelgewebe mit Panade“. Dann heißt der „Burger“ „geformte Tiermasse zwischen zwei Brötchenhälften“.

Und die „Veggie-Wurst“? Die darf dann heißen: „pflanzlich geformte Proteinrolle mit nostalgischem Biss“.

📜 Vorschlag für ein neues Sprachgesetz

Ich bin dafür, dass wir ein neues Gesetz einführen – ein Gesetz zur sprachlichen Wahrhaftigkeit im Lebensmittelbereich. Hier mein Entwurf:

§1: Produkte dürfen nur benannt werden nach dem, was sie sind. 
§2: Euphemismen sind zu vermeiden. 
§3: Die Bezeichnung „Wurst“ ist nur zulässig, wenn sie aus dem Darm eines Tieres stammt oder diesem entfallen ist. 
§4: „Steakhouse“ wird umbenannt in „Ort der thermischen Tierverwertung“. 
§5: „Kindermenü“ wird ersetzt durch „kleinportioniertes Angebot für Menschen unter 12 Jahren“. 
§6: „Leberkäse“ wird künftig als „fleischähnlicher Block mit unklarer Herkunft“ bezeichnet. 
§7: Alle Produkte müssen mit einem Bild des Tieres versehen sein, das dafür gestorben ist – oder mit einem Bild der Pflanze, die dafür geerntet wurde.

🧃 Die Macht der Metapher

Sprache ist nicht nur Beschreibung. Sie ist auch Metapher, Erinnerung, Gewohnheit, Identität. Wenn ich „Schnitzel“ höre, denke ich an Kindheit, an Sonntage, an den Geruch von Fett in der Küche. Wenn ich „Burger“ höre, denke ich an Jugend, an Fast Food, an das Gefühl von Rebellion gegen das Abendbrot.

Pflanzliche Produkte greifen diese Erinnerungen auf – nicht um zu täuschen, sondern um anzuknüpfen. Sie sagen: „Du musst nicht auf alles verzichten. Du kannst anders essen – und trotzdem vertraut.“

Das ist keine Täuschung. Das ist Transformation.

🧑‍🍳 Ein bisschen Satire zum Schluss

Ich stelle mir vor, wie ein konservativer EU-Abgeordneter im Supermarkt steht, eine „Veggie-Wurst“ in der Hand, und plötzlich existentialistische Fragen stellt:

„Wenn das keine Wurst ist – bin ich dann noch ein Mann?“ 
„Wenn das Schnitzel aus Soja ist – ist mein Sonntag noch heilig?“ 
„Wenn das Steak nicht blutet – ist mein Grill noch ein Altar?“

Und ich stelle mir vor, wie der Tofu antwortet:

„Ich bin nicht hier, um Dich zu verwirren. Ich bin hier, um Dich zu erinnern: Essen ist Entscheidung. Sprache ist Macht. Und Du bist frei.“

🧭 Fazit: Die Wurst ist nicht das Problem

Die Debatte um die Benennung pflanzlicher Produkte ist ein Nebenschauplatz. Ein Ablenkungsmanöver. Ein sprachpolitischer Popanz, der davon ablenken soll, dass sich unsere Esskultur verändert – und mit ihr unsere Werte.

Ich bin nicht verwirrt. Du bist nicht verwirrt. Die, die verwirrt tun, sind oft die, die etwas zu verlieren haben: Macht, Marktanteile, Deutungshoheit.

Wenn wir ehrlich sein wollen, dann reden wir nicht über „Veggie-Wurst“. Dann reden wir über Tierwohl, über Klimakrise, über Ernährungsgerechtigkeit. Und über Sprache – als Werkzeug der Veränderung.

Ich esse pflanzlich. Und wenn ich eine „Veggie-Wurst“ kaufe, dann weiß ich, was ich tue. Ich brauche keine sprachliche Bevormundung. Ich brauche keine konservative Sprachpolizei. Ich brauche Klarheit – aber bitte mit Konsequenz.

Und Du? Du darfst verwirrt sein. Aber bitte nicht von der Wurst.

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