Warum der Mythos „Mindestlohn macht alles teurer“ so hartnäckig ist – und was er über uns verrät

Es gibt Themen, die tauchen in Kommentarspalten auf wie Schimmel in schlecht gelüfteten Badezimmern: zuverlässig, penetrant und erstaunlich resistent gegen Fakten. 
Eines davon ist die Behauptung, dass ein steigender Mindestlohn automatisch alles teurer macht. Seit klar ist, dass der Mindestlohn 2026 wieder steigt, lese ich täglich dieselben reflexhaften Kommentare: „Dann wird ja wieder alles teurer!“, „Der kleine Mann zahlt die Zeche!“, „Der Staat zerstört die Wirtschaft!“.

Und jedes Mal frage ich mich: 
Warum glauben das so viele Menschen – gerade diejenigen, die selbst angestellt sind und vom Mindestlohn profitieren würden?

In diesem Artikel erzähle ich Dir, wie ich das erlebe, was hinter diesen Behauptungen steckt und warum es sich lohnt, genauer hinzuschauen. Nicht nur ökonomisch, sondern auch psychologisch und gesellschaftlich.



1. Der Mindestlohn als Projektionsfläche für diffuse Ängste

Wenn ich mir die Diskussionen anschaue, fällt mir zuerst auf, wie wenig es dabei um reale Zahlen geht. Es geht um Gefühle. 
Der Mindestlohn ist für viele Menschen ein Symbol – und Symbole sind mächtig.

Ein steigender Mindestlohn bedeutet Veränderung. Und Veränderung bedeutet Unsicherheit. 
Unsicherheit wiederum erzeugt Angst. 
Und Angst sucht sich einfache Erklärungen.

„Alles wird teurer“ ist so eine Erklärung. 
Sie ist simpel, intuitiv und klingt nach einer Art Naturgesetz. 
Sie erspart uns die Mühe, komplexe Zusammenhänge zu verstehen.

Aber sie ist falsch.



2. Warum Menschen Narrative übernehmen, die ihnen schaden

Was mich am meisten irritiert: 
Viele der lautesten Stimmen gegen den Mindestlohn kommen von Menschen, die selbst angestellt sind. Menschen, die jeden Monat kämpfen, um über die Runden zu kommen. Menschen, die eigentlich davon profitieren würden, wenn die Löhne steigen.

Warum also verteidigen sie ein System, das sie klein hält?

Ich glaube, es gibt dafür mehrere Gründe.

2.1. Wiederholung erzeugt Wahrheit

Wenn Du jeden Tag liest, dass der Mindestlohn Preise explodieren lässt, dann wirkt das irgendwann plausibel. 
Nicht, weil es stimmt, sondern weil unser Gehirn Wiederholung mit Wahrheit verwechselt.

Das ist ein uralter Mechanismus. 
Propaganda funktioniert so. 
Werbung funktioniert so. 
Kommentarspalten funktionieren so.

2.2. Die Identifikation mit den „da oben“

Viele Menschen identifizieren sich eher mit Arbeitgeber:innen als mit sich selbst. 
Das klingt absurd, aber es ist ein bekanntes psychologisches Phänomen.

Man möchte „vernünftig“ wirken. 
Man möchte nicht zu denen gehören, die „fordern“. 
Man möchte nicht als jemand gelten, der „mehr will“.

Also übernimmt man die Perspektive derjenigen, die über einem stehen – in der Hoffnung, irgendwann selbst dazuzugehören.

Das ist eine Art mentaler Klassensprung, der in der Realität nie stattfindet.

2.3. Das Selbstbild als „hart arbeitender, bescheidener Mensch“

Viele Menschen definieren ihren Wert über ihre Härte und ihre Bescheidenheit. 
Sie sind stolz darauf, wenig zu kosten. 
Sie sind stolz darauf, nicht zu jammern. 
Sie sind stolz darauf, „realistisch“ zu sein.

Wenn der Mindestlohn steigt, passiert etwas Unangenehmes: 
Andere bekommen plötzlich mehr – ohne „mehr geleistet“ zu haben.

Das kratzt am Selbstwert. 
Und statt dieses Gefühl zu reflektieren, wird es nach außen projiziert:

„Das kann ja nicht gut sein.“



3. Ökonomisch betrachtet: Warum der Mindestlohn nicht der Preistreiber ist

Ich bin jemand, der gerne sauber argumentiert. 
Also lass uns kurz die Fakten anschauen – ohne Ökonomiestudium, ohne Fachjargon.

3.1. Löhne sind nur ein Teil der Kosten

Selbst in Branchen, die stark vom Mindestlohn betroffen sind, machen Löhne nur einen Teil der Gesamtkosten aus. 
Miete, Energie, Material, Transport – all das ist in den letzten Jahren viel stärker gestiegen als der Mindestlohn.

Wenn der Mindestlohn um 1 € steigt, bedeutet das nicht, dass ein Produkt plötzlich 1 € teurer wird. 
Es bedeutet vielleicht ein paar Cent. 
Wenn überhaupt.

3.2. Die großen Preistreiber der letzten Jahre waren andere

Energiekrise. 
Lieferkettenprobleme. 
Rohstoffpreise. 
Kriege. 
Spekulation. 
Unternehmensgewinne.

Das sind die echten Preistreiber. 
Nicht der Mindestlohn.

3.3. Empirie schlägt Bauchgefühl

Alle Länder, die den Mindestlohn erhöht haben, zeigen dasselbe Muster:

– Kaum Einfluss auf die Gesamtinflation 
– Leichte Preisanpassungen in einzelnen Branchen 
– Steigende Kaufkraft für Millionen Menschen

Das ist kein linkes Wunschdenken. 
Das ist empirisch.



4. Warum der Mythos trotzdem weiterlebt

Ökonomisch ist die Sache klar. 
Psychologisch ist sie kompliziert.

4.1. Der Mindestlohn wird als Bedrohung erlebt

Nicht für den Geldbeutel – sondern für das Weltbild.

Wenn jemand sein Leben lang gehört hat, dass „der Markt alles regelt“, dann ist ein staatlicher Eingriff eine Kränkung. 
Wenn jemand gelernt hat, dass „man nichts geschenkt bekommt“, dann wirkt eine Lohnerhöhung wie ein Angriff auf die eigene Moral.

4.2. Der Mythos stabilisiert soziale Hierarchien

Wenn Du glaubst, dass höhere Löhne schlecht sind, dann akzeptierst Du automatisch:

– niedrige Löhne 
– schlechte Arbeitsbedingungen 
– unfaire Machtverhältnisse 

Der Mythos hält Menschen klein. 
Und Systeme stabil.

4.3. Kommentarspalten sind keine Orte für Fakten

Sie sind Orte für Identität. 
Für Zugehörigkeit. 
Für Abgrenzung.

Wenn jemand schreibt:

„Der Mindestlohn macht alles teurer.“

…dann sagt er eigentlich:

„Ich gehöre zu denen, die das System durchschauen.“

Es ist ein sozialer Marker, kein Argument.



5. Was ich aus diesen Diskussionen gelernt habe

Ich bin jemand, der sich viel mit Sprache, Macht und gesellschaftlichen Narrativen beschäftigt. 
Und je länger ich diese Debatten verfolge, desto klarer wird mir:

Es geht nicht um den Mindestlohn. 
Es geht um das Gefühl, in einer Welt zu leben, die man nicht mehr versteht.

Der Mindestlohn ist nur der Blitzableiter.

Menschen haben Angst vor steigenden Preisen. 
Sie haben Angst vor Unsicherheit. 
Sie haben Angst, abgehängt zu werden.

Und statt diese Angst zu benennen, wird sie auf ein politisches Symbol projiziert.



6. Warum es wichtig ist, diesen Mythos zu entlarven

Nicht, weil ich glaube, dass man Kommentarspalten retten kann. 
Sondern weil dieser Mythos reale Folgen hat.

Wenn Menschen glauben, dass höhere Löhne schlecht sind, dann akzeptieren sie:

– stagnierende Einkommen 
– wachsende Ungleichheit 
– sinkende Kaufkraft 
– politische Spaltung 

Ein Land, in dem Menschen gegen ihre eigenen Interessen argumentieren, ist ein Land, das sich selbst blockiert.



7. Was Du tun kannst, wenn Du solche Kommentare liest

Ich sage Dir ehrlich: 
Du musst nicht jede Diskussion führen. 
Manchmal ist Schweigen Selbstfürsorge.

Aber wenn Du etwas sagen willst, dann helfen drei Strategien:

7.1. Entschärfen statt eskalieren

„Ich verstehe, dass steigende Preise Angst machen. 
Aber der Mindestlohn ist nicht der Grund dafür.“

7.2. Fakten anbieten, ohne zu belehren

„Die Daten zeigen, dass der Mindestlohn kaum Einfluss auf die Inflation hat. 
Die großen Preistreiber waren Energie und Lieferketten.“

7.3. Die emotionale Ebene anerkennen

„Viele Menschen fühlen sich gerade finanziell unsicher. 
Das ist real. 
Aber die Lösung ist nicht, Löhne niedrig zu halten.“



8. Schlussgedanke: Wir verdienen mehr als Mythen

Ich glaube fest daran, dass Menschen ein gutes Leben verdienen. 
Ein Leben ohne Existenzangst. 
Ein Leben, in dem Arbeit nicht arm macht. 
Ein Leben, in dem wir uns nicht gegeneinander ausspielen lassen.

Der Mindestlohn ist kein Angriff auf die Wirtschaft. 
Er ist ein Schritt in Richtung Würde.

Und vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum er so viele Debatten auslöst: 
Weil er uns zwingt, über Wert, Gerechtigkeit und Solidarität zu sprechen.

Und das ist ein Gespräch, das wir dringend führen müssen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen