Warum die Debatte um Krankschreibungen zeigt, wie sehr manche Arbeitgeber:innen von sich selbst auf andere schließen

Es gibt politische Debatten, die wirken auf den ersten Blick nüchtern, fast technokratisch. Ein bisschen Arbeitsrecht hier, ein bisschen Bürokratieabbau da. Aber manchmal reicht ein einziger Vorschlag, um zu erkennen, wie tief ein bestimmtes Menschenbild sitzt. Genau das passiert gerade in der Diskussion um die telefonische Krankschreibung und die Reform der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Als ich die Aussagen von Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger gelesen habe, musste ich erst schnauben, dann lachen, dann den Kopf schütteln. Nicht, weil mich seine Forderungen überrascht hätten. Sondern weil sie so klar zeigen, wie sehr manche Menschen in Machtpositionen von sich selbst auf andere schließen. Und wie gefährlich das wird, wenn solche Projektionen zur Grundlage von Sozialpolitik werden.

Ich schreibe diesen Artikel, weil ich glaube, dass Du und ich über genau diese Mechanismen reden müssen. Nicht nur über Krankschreibungen. Sondern über das Menschenbild dahinter.


Projektion: Wenn jemand glaubt, alle würden so handeln wie er

Ich sage es direkt: 
Ich glaube, Dulger hält die telefonische Krankschreibung für ein „Schlupfloch“, weil er selbst – in seiner Welt – Schlupflöcher nutzen würde. Oder weil er Menschen kennt, die das tun. Oder weil er in einer Umgebung lebt, in der „Gestaltungsspielräume“ und „Optimierung“ nicht Ausnahme, sondern Alltag sind.

Wenn Du Dir anschaust, wie Manager:innen, Vorstände, Firmeninhaber:innen und Reiche im Allgemeinen agieren, dann siehst Du ein Muster:
– Steuerschlupflöcher werden genutzt 
– Verantwortung wird delegiert 
– Risiken werden ausgelagert 
– Gewinne werden privatisiert 
– Verluste werden sozialisiert 
– Regeln gelten als Hindernis, nicht als Rahmen 

Wenn man in so einer Welt lebt, erscheint es logisch, dass man denkt:
„Wenn ich ein Schlupfloch sehe, nutze ich es – also tun das andere auch.“

Das Problem ist nur: 
Die meisten Menschen leben nicht in dieser Welt.

Und genau da beginnt die Verzerrung.



Die Realität der Beschäftigten: Verantwortung statt Trickserei

Ich gehe gerne arbeiten. 
Ich mag meine Kolleg:innen. 
Ich mag den größten Teil meiner Tätigkeiten. 
Ich komme mit meinen Vorgesetzten klar. 

Und ich weiß, dass es vielen Menschen genauso geht wie mir.

Wenn ich krank bin, dann bin ich krank. Punkt. 
Ich missbrauche nichts. Ich simuliere nicht. Ich mache keine Spielchen.

Und ich kenne kaum jemanden, der das tut.

Die meisten schleppen sich eher krank zur Arbeit, als zu Hause zu bleiben. 
Die meisten fühlen sich verantwortlich. 
Die meisten wollen niemanden hängen lassen. 
Die meisten haben ein Gewissen.

Dass Dulger das nicht kennt oder nicht glauben kann, sagt mehr über seine Lebensrealität aus als über unsere.



Telefonische Krankschreibung: Ein Schutzmechanismus, kein „Trick“

Wenn ich eine Erkältung, Grippe oder einen anderen Infekt habe, der andere anstecken könnte, lasse ich mich telefonisch krankschreiben. Nicht, weil ich „keine Lust“ habe, zum Arzt zu gehen. Sondern weil es schlicht verantwortungsvoll ist.

Ich schütze damit:
– meine Kolleg:innen 
– die Menschen im Wartezimmer 
– die medizinischen Fachkräfte 
– mich selbst 

Bei allem anderen – Verletzungen, Schmerzen, ernsthaften Symptomen – gehe ich sowieso zum Arzt. Weil ich Hilfe brauche. Weil ich Diagnostik brauche. Weil ich Behandlung brauche.

Niemand lässt sich mit einem gebrochenen Arm telefonisch krankschreiben. 
Niemand mit starken Schmerzen bleibt einfach zu Hause und hofft, dass es schon irgendwie geht.

Dass Dulger das als „Missbrauchsgefahr“ sieht, zeigt nur, dass er sich nicht vorstellen kann, dass Menschen verantwortungsvoll handeln – weil er selbst in einer Welt lebt, in der Verantwortung oft delegiert wird.



Misstrauen gegenüber Ärzt:innen: Ein weiterer Hinweis auf Projektion

Wenn Dulger fordert, Krankschreibungen stärker zu kontrollieren, dann steckt dahinter eine klare Botschaft:
– Ärzt:innen trauen wir nicht 
– Beschäftigten trauen wir nicht 
– dem System trauen wir nicht 

Aber warum misstraut jemand so stark?

Weil er aus einer Welt kommt, in der Kontrolle normal ist. 
In der Vertrauen als Risiko gilt. 
In der man ständig damit rechnet, dass jemand „optimiert“. 
In der man selbst ständig optimiert.

Das ist Projektion. 
Und Projektion ist ein schlechter Ratgeber für Sozialpolitik.



Die geplante Reform der Lohnfortzahlung: Ein Angriff auf die Falschen

Dulger will:
– nur noch 6 Wochen Lohnfortzahlung pro Jahr, egal wie viele Krankheiten auftreten 
– Streichung von Zuschlägen bei Krankheit 
– mehr Kontrollen 

Das ist nichts anderes als ein Angriff auf die soziale Sicherheit derer, die ohnehin schon den Laden am Laufen halten.

Und wieder zeigt sich die gleiche Logik:
Er geht davon aus, dass Menschen Systeme ausnutzen – weil er selbst in einer Welt lebt, in der Systeme ausgenutzt werden.

Nur: 
Diejenigen, die wirklich tricksen, sitzen selten am Band, im Lager, im Büro oder im Krankenhaus. 
Sie sitzen in Vorstandsetagen.



Der entscheidende Unterschied: Ich arbeite gerne – und genau das blendet Dulger aus

Ich kenne das aus meinem eigenen Alltag: Ich gehe grundsätzlich gerne arbeiten. Es gibt wenig, was mich dort nervt. Ich mag meine Kolleg:innen, ich mag den größten Teil meiner Tätigkeiten und ich komme sogar mit meinen Vorgesetzten gut klar.

Und ich weiß, dass es vielen Menschen genauso geht wie mir.

Wir arbeiten nicht, weil wir „müssen“, sondern weil wir Verantwortung tragen, weil wir Teil eines Teams sind, weil wir uns aufeinander verlassen können. Wir arbeiten, weil wir etwas beitragen wollen und weil wir uns mit unserer Arbeit identifizieren.

Wenn jemand wie Dulger das nicht kennt – wenn Arbeit für ihn vielleicht nur Bühne, Machtspiel oder Kostenfaktor ist –, dann mag das bedauerlich sein. Aber es rechtfertigt nicht, dass er von seiner eigenen Haltung auf andere schließt.

Nur weil er in einer Welt lebt, in der man Schlupflöcher sucht, heißt das nicht, dass wir das tun. 
Nur weil er Arbeit als Belastung sieht, heißt das nicht, dass wir das tun. 
Nur weil er misstraut, heißt das nicht, dass uns zu misstrauen ist.

Wir sind nicht er. 
Und er sollte aufhören, uns so zu behandeln, als wären wir es.



Die Ironie: Die, die am lautesten „Missbrauch!“ rufen, sind oft die, die selbst am meisten optimieren

Das ist die bittere Wahrheit.

Diejenigen, die:
– Boni optimieren 
– Steuern minimieren 
– Risiken auslagern 
– Verantwortung delegieren 
– Gewinne privatisieren 
– Verluste sozialisieren 

…sind oft genau die, die Beschäftigten misstrauen.

Es ist eine Umkehrung der Realität. 
Eine Projektion. 
Ein Spiegel, der verzerrt.



Was wir wirklich brauchen

Wenn wir über Gesundheit am Arbeitsplatz reden wollen, dann sollten wir über ganz andere Dinge sprechen:
– bessere Arbeitsbedingungen 
– weniger Überstunden 
– mehr Personal 
– echte Prävention 
– psychische Gesundheit 
– ergonomische Arbeitsplätze 
– faire Löhne 
– Respekt und Vertrauen 

Das sind die Faktoren, die Menschen gesund halten. 
Nicht Kontrolle. 
Nicht Misstrauen. 
Nicht Kürzungen.



Mein Fazit: Dulger beschreibt nicht uns – er beschreibt sich selbst

Die Debatte um die telefonische Krankschreibung zeigt nicht, dass Beschäftigte unzuverlässig wären. 
Sie zeigt, dass manche Arbeitgeber:innen ein Menschenbild haben, das aus ihrer eigenen Welt stammt – nicht aus unserer.

Dulger schließt von sich auf andere. 
Er projiziert seine eigene Logik auf Menschen, die völlig anders leben, arbeiten und denken.

Und genau deshalb ist seine Analyse falsch. 
Und seine Forderungen sind gefährlich.

Ich will ein Land, in dem Vertrauen die Grundlage ist. 
Ich will ein Land, in dem Ärzt:innen ernst genommen werden. 
Ich will ein Land, in dem Beschäftigte nicht unter Generalverdacht stehen. 
Ich will ein Land, in dem soziale Sicherheit nicht als „Schlupfloch“ gilt, sondern als Errungenschaft.

Und ich glaube, Du willst das auch.



Ja, mein Vorwurf ist selbst eine Pauschalisierung – und genau das macht die Sache so deutlich

Ich will an dieser Stelle etwas klarstellen, weil mir Fairness wichtig ist: 
Natürlich ist mein eigener Vorwurf eine Pauschalisierung. Eine Verallgemeinerung. Natürlich sind nicht alle Vorstände, Firmeninhaber:innen, Manager:innen oder reichen Menschen durchweg Betrüger:innen, Steuervermeider:innen oder Leute, die ständig nach Schlupflöchern suchen. Es gibt unter ihnen genauso verantwortungsvolle, faire, sozial denkende Menschen wie in jeder anderen Gruppe auch.

Aber genau das ist der Punkt.

Solche verallgemeinernden Unterstellungen sind falsch und gefährlich – egal in welche Richtung sie gehen. Und genau deshalb stört mich Dulgers Haltung so sehr. Denn er macht im Grunde genau das, was ich hier bewusst reflektiere: Er verallgemeinert. Er unterstellt. Er projiziert. Nur dass seine Pauschalisierung nicht als solche benannt wird, sondern als „Sachargument“ daherkommt.

Natürlich gibt es Menschen, die Dinge wie die telefonische Krankschreibung nicht nur nutzen, sondern ausnutzen. Natürlich gibt es Leute, die versuchen, Systeme zu umgehen. Aber das sind Ausnahmen. Und Ausnahmen gehören klar sanktioniert – oder zumindest nicht belohnt.

Aber ein Generalverdacht löst keine Probleme. 
Ein Generalverdacht schafft neue.

Und es spielt keine Rolle, gegen wen er sich richtet:
– gegen Arbeitnehmer:innen 
– gegen Ärzt:innen 
– gegen Menschen mit viel Geld 
– gegen Menschen mit wenig Geld 

Ein Generalverdacht vergiftet das Klima. Er zerstört Vertrauen. Er macht aus Einzelfällen ein Systemproblem und aus Systemproblemen moralische Vorwürfe. Und er führt dazu, dass man politische Maßnahmen nicht nach Sinnhaftigkeit bewertet, sondern nach Misstrauen.

Wenn ich also sage, dass Dulger von sich auf andere schließt, dann ist das nicht als endgültiges Urteil über „die Reichen“ gemeint. Es ist eine Kritik an einer Denkweise, die sich selbst nicht reflektiert. Eine Denkweise, die aus der eigenen Lebensrealität eine allgemeine Wahrheit macht. Eine Denkweise, die Menschen in Schubladen steckt, statt sie differenziert zu betrachten.

Und genau diese Denkweise ist es, die uns in der Debatte über Krankschreibungen, Lohnfortzahlung, soziale Sicherheit und vielem mehr immer wieder im Weg steht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen