Es gibt politische Vorschläge, bei denen ich kurz innehalte, tief durchatme und mich frage: Meinen die das ernst?
Und dann merke ich: Ja. Sie meinen es ernst.
Die Idee, den 8‑Stunden‑Arbeitstag abzuschaffen, gehört genau in diese Kategorie.
Ich schreibe diesen Text nicht als Wissenschaftler, nicht als Politiker, nicht als Lobbyist. Ich schreibe ihn als jemand, der jeden Tag arbeitet, der Kolleg:innen hat, die am Limit laufen, und der weiß, wie es sich anfühlt, wenn Schichten zu lang, Pausen zu kurz und Belastungen zu hoch werden. Ich schreibe ihn als jemand, der erlebt, wie Unternehmen rechnen, wie Menschen krank werden, wie Systeme kippen. Und ich schreibe ihn als jemand, der sich fragt, wie man im Jahr 2026 ernsthaft auf die Idee kommen kann, Arbeitszeit zu verlängern, während überall auf der Welt das Gegenteil passiert.
Ich möchte Dich in diesem Artikel direkt ansprechen, weil es uns alle betrifft. Egal, ob Du im Büro sitzt, im Lager arbeitest, in der Pflege, im Einzelhandel, in der IT oder im Handwerk: Die Frage, wie lange wir arbeiten sollen, ist keine abstrakte Debatte. Sie entscheidet darüber, wie gesund wir bleiben, wie viel Zeit wir für Familie, Freund:innen, Erholung und politisches Engagement haben – und wie viel Macht Arbeitgeber über unser Leben bekommen.
Der 8‑Stunden‑Tag war ein Fortschritt – kein Luxus
Der 8‑Stunden‑Tag ist nicht vom Himmel gefallen. Er ist das Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe, Streiks, Verletzungen, Todesfälle und politischer Auseinandersetzungen. Menschen haben ihr Leben riskiert, um nicht 12, 14 oder 16 Stunden am Tag arbeiten zu müssen. Der 8‑Stunden‑Tag war ein Meilenstein der Arbeiter:innenbewegung – und er war ein Fortschritt für die gesamte Gesellschaft.
Warum?
Weil Menschen, die weniger erschöpft sind, weniger Fehler machen.
Weil Menschen, die Zeit für ihr Leben haben, gesünder sind.
Weil Menschen, die nicht völlig ausgelaugt sind, bessere Arbeit leisten.
Weil Menschen, die nicht permanent Angst haben, produktiver und kreativer sind.
Der 8‑Stunden‑Tag ist kein romantisches Relikt aus der Vergangenheit. Er ist ein Fundament moderner Arbeitsgesellschaften.
Die Idee, Arbeitszeit zu verlängern, ist ökonomisch unsinnig
Ich weiß, dass manche Politiker:innen gerne so tun, als sei Arbeitszeit einfach eine mathematische Gleichung:
Mehr Stunden = mehr Leistung.
Aber so funktioniert der Mensch nicht.
Und so funktioniert moderne Wirtschaft nicht.
Was passiert wirklich, wenn Menschen länger arbeiten?
– Die Fehlerquote steigt.
– Die Unfallgefahr steigt.
– Die Krankheitsrate steigt.
– Die Produktivität pro Stunde sinkt.
– Die Fluktuation steigt.
– Die Motivation sinkt.
– Die Qualität leidet.
Das ist nicht meine persönliche Meinung, sondern ein Befund, der in unzähligen Studien weltweit bestätigt wurde. Länder, die Arbeitszeit reduziert haben – Island, Belgien, Spanien, Neuseeland, Großbritannien – berichten von stabiler oder sogar höherer Produktivität.
Und jetzt sollen wir das Gegenteil tun?
Während andere Länder mit kürzeren Arbeitszeiten Erfolge feiern, sollen wir die Arbeitszeit verlängern und glauben, dass das gleiche Ergebnis herauskommt?
Das ist nicht nur unlogisch.
Es ist absurd.
„Flexibilisierung“ bedeutet fast immer: weniger Schutz für Beschäftigte
Wenn Politiker:innen von „Flexibilisierung“ sprechen, dann weiß ich inzwischen, was das bedeutet:
Nicht mehr Freiheit für Beschäftigte, sondern mehr Freiheit für Arbeitgeber.
Flexibilisierung heißt in der Praxis:
– längere Schichten
– weniger planbare Freizeit
– mehr kurzfristige Änderungen
– mehr Druck
– weniger Schutz
– weniger Mitbestimmung
Und wer trägt die Last?
Nicht die Vorstände.
Nicht die Lobbyverbände.
Nicht die Politiker:innen, die solche Vorschläge machen.
Die Last tragen die Menschen, die körperlich arbeiten.
Die Menschen, die im Schichtsystem arbeiten.
Die Menschen, die ohnehin schon am Limit sind.
Ich kenne diese Menschen. Ich arbeite mit ihnen.
Ich sehe, wie sie nach einer 8‑Stunden‑Schicht aussehen.
Ich sehe, wie sie nach einer 10‑Stunden‑Schicht aussehen.
Ich möchte mir nicht ausmalen, wie sie nach 12 Stunden aussehen würden.
Die versteckten Kosten: Krankheit, Ausfälle, Sozialleistungen
Wenn man Arbeitszeit verlängert, spart man kurzfristig vielleicht Personalkosten.
Aber mittelfristig explodieren die Kosten:
– mehr Krankengeld
– mehr Reha
– mehr Frühverrentung
– mehr Arbeitslosigkeit
– mehr Sozialleistungen
– mehr Fehler, die teuer werden
– mehr Unfälle, die teuer werden
Es ist ein bisschen wie bei einem Auto:
Du kannst den Motor überdrehen, um schneller zu fahren.
Aber irgendwann fliegt er Dir um die Ohren.
Und dann wird es richtig teuer.
Der politische Subtext: Druck erzeugen
Ich möchte hier bewusst vorsichtig formulieren, aber ich kann den Gedanken nicht ignorieren:
Wenn man Arbeitsbedingungen verschlechtert, erzeugt man Druck.
Druck auf Menschen, die ohnehin wenig Spielraum haben.
Und Druck hat politische Funktionen.
Druck sorgt dafür, dass Menschen:
– weniger widersprechen
– weniger fordern
– weniger streiken
– weniger Rechte einfordern
– weniger politisch aktiv sind
– eher Jobs annehmen, die sie eigentlich nicht wollen
Und ja, dazu gehört auch die Bundeswehr.
Wenn Arbeitsbedingungen schlechter werden und gleichzeitig die Bundeswehr Personal sucht, entsteht ein indirekter Druck, sich dort zu bewerben.
Das ist kein „Verschwörungsdenken“.
Das ist ein historisch belegter Mechanismus.
Prekarisierung als politisches Werkzeug
Es gibt in der politischen Theorie den Begriff der „Reservearmee der Arbeitslosen“.
Er beschreibt, dass ein gewisses Maß an Arbeitslosigkeit für manche politischen und wirtschaftlichen Akteure nützlich ist, weil es Druck auf die Beschäftigten ausübt.
Wenn Menschen Angst haben, ihren Job zu verlieren, akzeptieren sie schlechtere Bedingungen.
Wenn Menschen Angst haben, auf der Straße zu landen, akzeptieren sie niedrigere Löhne.
Wenn Menschen Angst haben, ersetzt zu werden, akzeptieren sie längere Arbeitszeiten.
Ich sage nicht, dass jemand das bewusst plant.
Aber ich sage, dass solche Effekte real sind – und dass sie politisch genutzt werden können.
Der autoritäre Drift
Ich möchte diesen Punkt sehr bewusst formulieren, weil er schwer wiegt.
Wenn man:
– soziale Sicherheiten abbaut
– Arbeitsrechte schwächt
– Menschen in prekäre Situationen bringt
– gleichzeitig autoritäre Kräfte stärker werden lässt
dann entsteht ein gefährliches Zusammenspiel.
Historisch ist das mehrfach passiert.
Und es beginnt nie mit den großen, offensichtlichen Maßnahmen.
Es beginnt mit kleinen Verschiebungen:
– weniger Schutz
– weniger Rechte
– weniger Sicherheit
– mehr Druck
– mehr Angst
Wenn Menschen Angst haben, sind sie leichter manipulierbar.
Wenn Menschen erschöpft sind, haben sie weniger Kraft, sich zu wehren.
Wenn Menschen überarbeitet sind, haben sie keine Energie für politische Beteiligung.
Ich sage nicht, dass wir morgen in einer Diktatur aufwachen.
Aber ich sage, dass solche Maßnahmen Teil eines Klimas sind, das autoritäre Entwicklungen begünstigt.
Warum wirkt das alles so irrational?
Weil es aus einer Perspektive betrachtet wird, die nicht das Wohl der Beschäftigten im Blick hat.
Sondern:
– kurzfristige Unternehmensinteressen
– ideologische Vorstellungen von „Leistung“
– politische Symbolik
– Machtlogiken
– wirtschaftliche Dogmen
Aus dieser Logik heraus ergibt es für die Akteure durchaus Sinn.
Aber nicht für die Gesellschaft.
Nicht für die Gesundheit.
Nicht für die Demokratie.
Nicht für die Zukunft.
Was wäre stattdessen sinnvoll?
Wenn wir wirklich modern sein wollen, dann sollten wir uns an Ländern orientieren, die erfolgreich sind – nicht an denen, die scheitern.
Sinnvolle Maßnahmen wären:
– Arbeitszeitverkürzung
– bessere Personalausstattung
– mehr Mitbestimmung
– bessere Löhne
– mehr Pausen
– mehr Planbarkeit
– mehr Gesundheitsschutz
– mehr Weiterbildung
– mehr Digitalisierung, die entlastet statt belastet
Das wäre modern.
Das wäre zukunftsfähig.
Das wäre menschlich.
Warum ich diesen Text schreibe
Ich schreibe diesen Text, weil ich nicht bereit bin, zuzusehen, wie Errungenschaften, für die Generationen gekämpft haben, leichtfertig geopfert werden.
Ich schreibe ihn, weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn Arbeit krank macht.
Ich schreibe ihn, weil ich Kolleg:innen habe, die schon jetzt kaum durchhalten.
Ich schreibe ihn, weil ich nicht will, dass wir in ein System zurückfallen, das Menschen auspresst, bis sie nicht mehr können.
Und ich schreibe ihn, weil ich glaube, dass wir eine Stimme brauchen, die klar sagt:
Das hier ist nicht modern.
Das ist nicht effizient.
Das ist nicht gerecht.
Das ist gefährlich.
Was Du tun kannst
Du musst nicht gleich eine Revolution starten.
Aber Du kannst:
– darüber reden
– Kolleg:innen informieren
– Gewerkschaften stärken
– politische Entscheidungen hinterfragen
– Deine Stimme erheben
– Dich organisieren
– solidarisch sein
Demokratie lebt davon, dass Menschen nicht schweigen.
Schlusswort
Ich habe lange überlegt, wie ich diesen Artikel beenden soll.
Mit Hoffnung?
Mit Wut?
Mit einem Appell?
Vielleicht mit einer Mischung aus allem.
Wir stehen an einem Punkt, an dem wir entscheiden müssen, in welche Richtung wir gehen wollen.
Wollen wir eine Gesellschaft, in der Menschen gesund, frei und selbstbestimmt leben können?
Oder wollen wir eine Gesellschaft, in der Menschen erschöpft, verängstigt und austauschbar sind?
Ich weiß, wofür ich stehe.
Und ich hoffe, Du auch.