Ich halte mich selbst für technologieoffen. Wirklich. Ich mag neue Ideen, ich mag Fortschritt, ich mag Dinge, die funktionieren, statt Dinge, die nur Tradition sind. Aber ich bin nicht technologieoffen um jeden Preis. Und ich finde, niemand sollte das sein – nicht als Gewerkschafter, nicht als Arbeitnehmer, nicht als Mensch.
Denn Technologie ist kein Naturereignis. Sie fällt nicht vom Himmel wie Regen. Sie wird entwickelt, eingeführt, bezahlt, genutzt – und sie hat Konsequenzen. Und genau diese Konsequenzen werden oft so behandelt, als wären sie Nebensache. Als wären sie Kollateralschäden, die man halt in Kauf nimmt, wenn man „modern“ sein will.
Ich sehe das anders. Und ich will Dir erklären, warum.
Automatisierung ist kein Problem – solange Menschen nicht zu Kostenfaktoren werden
Wenn ich über Automatisierung rede, dann rede ich nicht über Roboterarme, die präzise schweißen. Ich rede nicht über KI, die Daten analysiert. Ich rede nicht über Software, die Prozesse beschleunigt. Das alles ist technisch beeindruckend und kann das Leben leichter machen.
Ich rede über etwas anderes:
Was passiert mit den Menschen, die ersetzt werden?
Wir haben jetzt schon Arbeitslose. Wir haben Menschen, die trotz Vollzeit nicht über die Runden kommen. Wir haben Beschäftigte, die Angst haben, weil sie wissen, dass ihr Job nicht „zukunftsfähig“ ist – nicht, weil sie schlecht arbeiten, sondern weil die Geschäftsführung lieber Maschinen kauft als Menschen weiterbildet.
Und dann soll ich technologieoffen sein?
Natürlich bin ich das – aber nicht blind.
Der blinde Fleck der Unternehmen: Wer soll das alles kaufen?
Es gibt einen Punkt, der mich wirklich fassungslos macht. Einen Punkt, den ich in Diskussionen immer wieder anspreche, und der trotzdem erstaunlich oft ignoriert wird:
Wenn Unternehmen Menschen entlassen, weil Maschinen billiger sind – wer soll sich am Ende die Produkte kaufen, die diese Maschinen herstellen?
Das ist keine philosophische Frage. Das ist eine knallharte ökonomische Realität.
Wenn Du Menschen entlässt, sinkt die Kaufkraft.
Wenn die Kaufkraft sinkt, sinkt der Absatz.
Wenn der Absatz sinkt, sinkt der Gewinn.
Wenn der Gewinn sinkt, wird wieder gespart.
Und dann wird noch mehr automatisiert.
Das ist eine Abwärtsspirale, die sich selbst frisst.
Ich verstehe nicht, wie man das nicht sehen kann.
Oder vielleicht will man es nicht sehen, weil man nur bis zum nächsten Quartal denkt.
Kurzfristige Boni statt langfristige Verantwortung
Ich habe oft das Gefühl, dass viele Manager:innen in einer völlig anderen Realität leben. In einer Realität, in der es nur darum geht, ob die Zahlen im nächsten Quartal gut aussehen. In der es nur darum geht, ob der Bonus stimmt. In der es nur darum geht, ob man sich selbst gut positioniert, bevor man den nächsten Job annimmt.
Langfristige Verantwortung?
Nachhaltige Planung?
Stabilität für die Belegschaft?
Das sind Worte, die man in Reden benutzt, aber nicht in Entscheidungen.
Und genau deshalb brauchen wir Gewerkschaften.
Nicht als nostalgische Institution, sondern als Gegenmacht.
Was Gewerkschaften jetzt tun müssen – und warum es dringend ist
Ich will Dir jetzt zeigen, welche Strategien Gewerkschaften brauchen, um Automatisierung nicht nur zu überleben, sondern zu gestalten.
Nicht defensiv, sondern offensiv.
Nicht reaktiv, sondern visionär.
Arbeitszeitverkürzung – der wichtigste Hebel überhaupt
Wenn Maschinen mehr leisten, müssen Menschen weniger leisten.
Das ist die logische Konsequenz von Produktivitätssteigerung.
Nicht weniger Lohn.
Nicht weniger Sicherheit.
Nur weniger Arbeitszeit.
32‑Stunden-Woche.
4‑Tage-Woche.
Tarifliche Obergrenzen für Überstunden.
Das ist kein Luxus.
Das ist die Antwort auf Automatisierung.
Automatisierungsdividende – Gewinne müssen geteilt werden
Wenn Unternehmen durch Automatisierung sparen, darf dieser Gewinn nicht nur nach oben wandern.
Eine Automatisierungsdividende bedeutet:
Beschäftigte erhalten jährlich einen Anteil der Einsparungen
Bonusfonds für Belegschaften statt Boni für Vorstände
Produktivitätsgewinne werden sozial verteilt
Das ist fair.
Das ist logisch.
Das ist überfällig.
Recht auf Qualifizierung statt Recht auf Kündigung
Automatisierung darf nicht heißen: „Du bist ersetzt.“
Sie muss heißen: „Du wirst weitergebildet.“
Tariflich festgelegt:
Anspruch auf bezahlte Weiterbildung
Anspruch auf Umschulung
Anspruch auf interne Versetzung
Anspruch auf Qualifizierungszeit während der Arbeitszeit
So wird Automatisierung zu einem Zukunftsprojekt – nicht zu einem Entlassungsprojekt.
Mitbestimmung bei Technologieeinführung
Betriebsräte brauchen echte Macht über:
KI-Systeme
Robotik
digitale Überwachung
algorithmische Leistungsbewertung
Mitbestimmung heißt nicht „wir werden informiert“.
Mitbestimmung heißt „wir entscheiden mit“.
Gesellschaftliche Absicherung – weil Arbeit knapper wird
Wenn Arbeit durch Automatisierung knapper wird, muss Einkommen stabil bleiben.
Das bedeutet:
starke Tarifbindung
höhere Mindestlöhne
staatliche Grundsicherung
Besteuerung von Automatisierungsgewinnen
öffentliche Fonds für Umschulung
Das ist die Antwort auf die Frage:
Wer versorgt die Menschen, wenn Arbeit wegfällt?
Gewerkschaftsfamilie – der kulturelle Hebel
Ich glaube fest daran, dass Gewerkschaften mehr sind als Tarifverträge.
Sie sind Gemeinschaft.
Sie sind Identität.
Sie sind Solidarität.
Wenn Beschäftigte sich als Gewerkschaftsfamilie verstehen, dann können sie:
Widerstand organisieren
politische Macht entfalten
Unternehmen zu langfristigem Denken zwingen
sich gegenseitig stärken
Automatisierung ist nicht nur ein technisches Thema.
Es ist ein soziales Thema.
Warum ich dieses Denken nicht checke – und warum ich trotzdem kämpfe
Ich checke nicht, wie man Entscheidungen treffen kann, die die eigene Firma langfristig zerstören.
Ich checke nicht, wie man Menschen entlassen kann, ohne darüber nachzudenken, was das gesellschaftlich bedeutet.
Ich checke nicht, wie man Technologie einführt, ohne die sozialen Folgen mitzudenken.
Aber ich checke eines:
Dass wir als Beschäftigte, als Gewerkschafter:innen, als Menschen die Macht haben, das zu ändern.
Technologie ist nicht das Problem.
Das Problem ist, wie sie eingesetzt wird.
Und genau da kommen wir ins Spiel.