Vor ein paar Wochen habe ich darüber geschrieben, wie die üblichen Pro-AfD-Kommentare nach der Wahl plötzlich verschwanden. Nicht langsam. Nicht schrittweise. Sondern von einem Tag auf den anderen.
Damals dachte ich noch, das sei vielleicht ein einmaliger Effekt gewesen.
Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.
Denn gerade passiert etwas, das mindestens genauso auffällig ist.
Wieder verschwindet das Grundrauschen
Wenn Du in den letzten Jahren regelmäßig politische Inhalte auf Threads, Instagram, Facebook oder Twitter verfolgt hast, kennst Du das wahrscheinlich.
Unter nahezu jedem politischen Beitrag tauchten dieselben Muster auf.
Pro-AfD.
Pro-MAGA.
Anti-Impfung.
Anti-Klimaschutz.
Anti-EU.
Immer dieselben Schlagwörter. Immer dieselben Trigger-Themen. Immer dieselbe künstlich wirkende Empörung.
Natürlich gab und gibt es echte Menschen, die solche Positionen vertreten. Darum geht es nicht.
Es geht um die auffällige Masse an Accounts, die oft wirkten, als wären sie nahezu rund um die Uhr aktiv.
Und genau diese Aktivität scheint gerade massiv eingebrochen zu sein.
Dann wurden russische Rechenzentren getroffen
Zeitgleich gibt es eine bemerkenswerte Entwicklung.
Die Ukraine hat mehrere Rechenzentren des russischen Technologiekonzerns Yandex angegriffen. In der Folge kam es zu erheblichen technischen Ausfällen. Beobachter meldeten zudem einen drastischen Rückgang automatisierter Anfragen aus Teilen des Yandex-Netzwerks.
Und genau an diesem Punkt begann die Diskussion.
Denn plötzlich berichteten Menschen auf verschiedenen sozialen Netzwerken über dieselbe Beobachtung:
Es wurde auffällig ruhiger.
Weniger Spam.
Weniger politische Massenkommentare.
Weniger identische Narrative.
Weniger Accounts, die scheinbar gleichzeitig unter jedem kontroversen Beitrag auftauchten.
Die Faktenchecker haben einen Punkt
Inzwischen kursieren bereits Faktenchecks, die darauf hinweisen, dass diese Entwicklung kein Beweis dafür ist, dass politische Social-Media-Bots ausgefallen sind.
Und damit haben sie recht.
Die bekannten Messdaten zeigen zunächst nur einen Einbruch automatisierter Netzwerkaktivität bei Yandex. Das bedeutet nicht automatisch, dass politische Bot-Netzwerke abgeschaltet wurden.
Vereinfacht gesagt:
Ein technischer Bot ist nicht automatisch dasselbe wie ein politischer Bot-Account.
Diese Kritik ist berechtigt.
Nur beantwortet sie eine andere Frage nicht.
Warum ist es trotzdem plötzlich so still?
Denn die eigentliche Beobachtung verschwindet dadurch nicht.
Die Faktenchecks erklären, warum bestimmte virale Grafiken kein Beweis sind.
Sie erklären aber nicht, warum so viele Menschen gleichzeitig dieselbe Veränderung wahrnehmen.
Warum berichten Nutzer:innen auf verschiedenen Plattformen unabhängig voneinander über deutlich weniger auffällige politische Aktivität?
Warum wirken Kommentarspalten plötzlich anders?
Warum sind bestimmte Narrative deutlich seltener zu sehen?
Warum fühlt sich das Netz gerade anders an?
Das sind Fragen, die weiterhin offen sind.
Die Zahlen werden plötzlich interessant
Besonders spannend finde ich inzwischen die Interaktionszahlen.
Nehmen wir als Beispiel den offiziellen AfD-Account auf Twitter.
Normalerweise erreichen viele Beiträge dort mehrere tausend Likes. Häufig liegen die Zahlen im Bereich von etwa 2.000 bis 7.000 Reaktionen.
Gestern fiel mir ein Beitrag auf, der nicht einmal die Marke von 1.000 Likes erreichte.
Natürlich beweist auch das nichts.
Ein einzelner Beitrag ist keine Studie.
Ein einzelner Tag ist kein Langzeittrend.
Aber genau wie bei den verschwundenen Kommentaren stellt sich dieselbe Frage:
Ist das ein Ausreißer?
Oder beobachten wir gerade den Beginn eines Musters?
Wie viele Zufälle braucht ein Zufall?
Das ist der Punkt, an dem ich skeptisch werde.
Denn jede einzelne Beobachtung kann man erklären.
Weniger Kommentare?
Zufall.
Weniger Reichweite?
Zufall.
Weniger auffällige Accounts?
Zufall.
Schwächere Interaktionszahlen?
Zufall.
Geringere Bot-Aktivität in einem russischen Netzwerk?
Zufall.
Alles für sich genommen vielleicht.
Aber irgendwann stellt sich zwangsläufig die Frage, wie viele Zufälle nötig sind, bevor man zumindest über einen Zusammenhang nachdenken darf.
Der auffälligste Beweis ist die Stille
Was mich an der ganzen Geschichte fasziniert, sind nicht irgendwelche Diagramme.
Es sind nicht die Statistiken.
Es sind nicht die politischen Debatten.
Es ist die Stille.
Denn echte Menschen verschwinden nicht gleichzeitig.
Sie diskutieren weiter.
Sie streiten weiter.
Sie kommentieren weiter.
Sie wechseln ihre Meinung oder verteidigen sie.
Aber sie verstummen nicht kollektiv innerhalb kürzester Zeit.
Genau deshalb wirkt die aktuelle Situation so merkwürdig.
Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich auf manchen Plattformen das Gefühl, dass dort wieder mehr echte Diskussionen stattfinden und weniger künstliches Dauerfeuer.
Fazit
Ich kann nicht beweisen, dass die Angriffe auf russische Rechenzentren direkt für den Rückgang bestimmter politischer Aktivitäten auf sozialen Netzwerken verantwortlich sind.
Und wer etwas anderes behauptet, geht aktuell weiter, als die verfügbaren Belege tragen.
Aber ich kann beobachten.
Und was ich beobachte, ist bemerkenswert.
Russische Infrastruktur fällt aus.
Automatisierte Netzwerkaktivitäten brechen massiv ein.
Gleichzeitig berichten zahlreiche Menschen von deutlich weniger auffälligen politischen Accounts und weniger aggressivem Kommentar-Spam.
Vielleicht ist das alles ein gewaltiger Zufall.
Vielleicht hat das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun.
Aber je länger diese Stille anhält, desto schwieriger wird es für mich, an einen bloßen Zufall zu glauben.
Denn manchmal spricht das Lauteste nicht der Lärm.
Sondern plötzlich dessen Abwesenheit.