Wenn ich in den Kommentarspalten unter Beiträgen der DGB‑Gewerkschaften unterwegs bin, stolpere ich immer wieder über denselben Vorwurf:
Die Gewerkschaften hätten mit ihren Forderungen nach höheren Löhnen die aktuelle Krise überhaupt erst ausgelöst. Weil sie angeblich dafür gesorgt hätten, dass Produktion in Deutschland nicht mehr wirtschaftlich sei. Weil die Lohnkosten zu hoch seien. Weil der Mindestlohn alles verteuert habe.
Und jedes Mal frage ich mich: Wie kommt man als Arbeitnehmer:in eigentlich dazu, gegen die eigene Lohnerhöhung zu argumentieren?
Ich sehe da ein Muster – und es ist nicht neu
Wenn Du solche Kommentare liest, fällt schnell auf, dass sie aus einer Perspektive geschrieben sind, die mit der Lebensrealität von Beschäftigten wenig zu tun hat. Sie klingen nach Chefetage, nach Aktionärslogik, nach betriebswirtschaftlicher Sicht von oben.
Nur: Die meisten, die das schreiben, sind keine Unternehmer:innen. Sie sind Beschäftigte. Menschen, die selbst jeden Monat auf ihren Lohn angewiesen sind.
Und genau das macht diese Argumentation so widersprüchlich.
Löhne sind nicht der Krisentreiber – sondern Teil der Lösung
Ich spreche jetzt bewusst aus meiner Perspektive:
Wenn ich mehr Lohn bekomme, dann kann ich meine Rechnungen bezahlen, meine Miete, mein Essen, meine Mobilität. Ich kann konsumieren, investieren, leben. Das ist kein Luxus, das ist die Grundlage einer funktionierenden Volkswirtschaft.
Die Vorstellung, dass höhere Löhne die Krise verursacht hätten, ignoriert komplett, was die letzten Jahre wirklich passiert ist:
- Energiepreise explodierten
- Lieferketten brachen weg
- Unternehmen erhöhten Preise stärker als ihre Kosten stiegen
- Gewinne stiegen in vielen Branchen überproportional
Das ist Gewinninflation – nicht Lohninflation.
Löhne sind Kosten – aber auch Nachfrage
Wenn Du arbeitest, bist Du nicht nur Kostenfaktor. Du bist auch Konsument:in.
Dein Lohn ist das Geld, das Du wieder in die Wirtschaft zurückträgst.
Ohne Nachfrage bricht alles zusammen.
Das ist grundlegende Volkswirtschaftslehre.
Wer also behauptet, höhere Löhne seien schlecht, argumentiert im Grunde dafür, dass Du weniger Geld haben solltest – und gleichzeitig die Wirtschaft stabil bleiben soll. Das funktioniert nicht.
Warum dieses Narrativ trotzdem so beliebt ist
Weil es einfach ist.
Weil es Schuld zuweist.
Weil es komplexe Zusammenhänge auf eine bequeme Erklärung reduziert.
Und weil es perfekt in ein politisches Muster passt, das Gewerkschaften schwächen will.
Es ist ein klassisches Anti‑Gewerkschafts‑Narrativ.
Der soziale Widerspruch
Wenn Du als Beschäftigte:r sagst:
„Wir verdienen zu viel, das schadet der Wirtschaft.“
Dann sagst Du im Grunde:
„Ich sollte weniger verdienen.“
Aber niemand verzichtet freiwillig auf Lohn.
Niemand geht zum Chef und sagt:
„Bitte kürz meinen Lohn, ich mache mir Sorgen um die Wettbewerbsfähigkeit.“
Warum?
Weil es absurd ist.
Was mich daran am meisten stört
Es ist nicht nur falsch.
Es ist nicht nur unlogisch.
Es ist nicht nur politisch aufgeladen.
Es ist selbstschädigend.
Beschäftigte übernehmen ein Narrativ, das ihnen selbst schadet.
Sie argumentieren gegen ihre eigene Lebensqualität, gegen ihre eigene Sicherheit, gegen ihre eigene Zukunft.
Und das ist der Punkt, an dem ich im Blogartikel ganz klar werde:
Gewerkschaften sind nicht das Problem. Sie sind ein Teil der Lösung.
Wenn Du das nächste Mal so einen Kommentar liest… Frag Dich:
Wer profitiert davon, wenn Beschäftigte glauben, sie seien selbst schuld an der Krise?Und wer verliert?