Hört endlich auf, jungen Menschen ihre Zukunft erklären zu wollen

Wenn junge Menschen auf die Straße gehen, dauert es oft nicht lange, bis die ersten Kommentare auftauchen. Sie seien zu jung, zu unerfahren, zu emotional, zu idealistisch. Sie hätten keine Ahnung davon, wie die Welt wirklich funktioniert. Man müsse erst einmal arbeiten gehen, Steuern zahlen oder ein paar Jahrzehnte Lebenserfahrung sammeln, bevor man sich zu politischen Fragen äußern könne.

Jedes Mal, wenn ich solche Aussagen höre, frage ich mich, ob die Menschen, die das sagen, eigentlich kurz darüber nachgedacht haben, was sie da behaupten.

Denn erstens sind viele der angeblich „ahnungslosen Jugendlichen“ längst erwachsene Menschen. Die Generation Z reicht heute bis Anfang dreißig. Das sind Beschäftigte, Studierende, Auszubildende, Eltern, Gewerkschaftsmitglieder, Betriebsrät:innen, Wissenschaftler:innen und Menschen, die mitten im Leben stehen.

Und zweitens führt dieses Argument in eine logische Sackgasse.

Wenn die Jugend so schlecht informiert ist, wer trägt die Verantwortung?

Wer junge Menschen für ihre angeblich schlechte Bildung kritisiert, sollte sich eine unangenehme Frage stellen:

Wer hat diese Menschen eigentlich großgezogen?

Wer war für Schulen verantwortlich?

Wer hat über Bildungsetats entschieden?

Wer hat politische Mehrheiten geschaffen und Regierungen gewählt?

Wer hat die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gestaltet, in denen junge Menschen aufgewachsen sind?

Natürlich sind Kinder und Jugendliche nicht einfach das Produkt ihrer Eltern. Menschen entwickeln eigene Ansichten. Sie werden von Freund:innen, Lehrkräften, Kolleg:innen und vielen anderen Einflüssen geprägt.

Trotzdem bleibt ein Widerspruch bestehen.

Wenn eine ältere Generation pauschal behauptet, die jüngere Generation sei schlecht informiert, dann ist das zumindest teilweise auch eine Kritik an den Bildungs- und Erziehungssystemen, die von eben jener älteren Generation geschaffen oder mitgetragen wurden.

Besonders absurd wird es, wenn die jungen Menschen ausgerechnet für bessere Bildung auf die Straße gehen.

Dann lautet die Botschaft der Protestierenden:

„Das Bildungssystem hat Probleme. Es braucht mehr Investitionen.“

Und die Antwort der Kritiker:innen lautet:

„Das merkt man daran, wie schlecht ihr gebildet seid.“

Damit bestätigen sie unfreiwillig genau die Kritik, gegen die sie eigentlich argumentieren wollen.

Die Zukunft gehört nicht den Lautesten, sondern denjenigen, die in ihr leben müssen

Noch fragwürdiger finde ich einen anderen Punkt.

Bei vielen politischen Themen geht es um Entscheidungen, deren Folgen Jahrzehnte spürbar sein werden.

Klimapolitik.

Wohnungsbau.

Bildung.

Infrastruktur.

Digitalisierung.

Soziale Sicherungssysteme.

Arbeitsmarkt.

Staatsverschuldung.

Natürlich dürfen Menschen jeden Alters dazu eine Meinung haben. Das ist schließlich Sinn einer Demokratie.

Aber warum werden ausgerechnet die Stimmen derjenigen oft herabgewürdigt, die am längsten mit den Konsequenzen leben müssen?

Ein Zwanzigjähriger wird die Auswirkungen vieler heutiger Entscheidungen wahrscheinlich noch fünfzig oder sechzig Jahre erleben.

Ein Siebzigjähriger möglicherweise deutlich kürzer.

Das macht die Meinung älterer Menschen nicht weniger wertvoll. Erfahrung kann ein großer Gewinn sein. Aber es macht die Perspektive junger Menschen keineswegs weniger wichtig. Eher das Gegenteil.

Wer die größten Teile seines Lebens noch vor sich hat, hat jedes Recht der Welt, über die Gestaltung dieser Zukunft mitzureden.

Lebenserfahrung ersetzt keine Argumente

Ein weiteres Problem dieser Diskussion ist die Vorstellung, Alter und Erfahrung würden automatisch Recht bedeuten.

Das tun sie nicht.

Erfahrung kann helfen, Zusammenhänge besser zu verstehen. Sie schützt aber nicht vor Irrtümern, Vorurteilen oder Fehleinschätzungen.

Sonst hätten sich Gesellschaften nie verändert.

Dann gäbe es keine Arbeiter:innenbewegung.

Keine Frauenrechtsbewegung.

Keine Bürgerrechtsbewegung.

Keine Umweltbewegung.

Keine Demokratiebewegungen.

Nahezu jede gesellschaftliche Veränderung wurde zunächst von Menschen vorangetrieben, denen vorgeworfen wurde, sie seien naiv, unrealistisch oder würden die Welt nicht verstehen.

Im Nachhinein stellt sich oft heraus, dass ihre Kritik berechtigt war.

Die seltsame Erwartung an die Jugend

Was mich an der Debatte besonders stört, ist die Widersprüchlichkeit.

Junge Menschen werden regelmäßig kritisiert, weil sie angeblich politikverdrossen seien.

Wenn sie nicht wählen gehen, wird ihr Desinteresse beklagt.

Wenn sie sich nicht engagieren, heißt es, sie würden keine Verantwortung übernehmen.

Wenn sie jedoch demonstrieren, organisieren, diskutieren oder politische Forderungen stellen, heißt es plötzlich wieder, sie hätten keine Ahnung.

Was sollen junge Menschen denn nun tun?

Still sein?

Warten, bis sie alt genug sind?

Und wann ist dieses „alt genug“ eigentlich erreicht?

Mit dreißig?

Mit vierzig?

Mit fünfzig?

Politische Erfahrung entsteht nicht durch Abwarten.

Sie entsteht durch Beteiligung.

Ich möchte der Jugend ihre Zukunft nicht vorschreiben

Vielleicht sehe ich das auch deshalb so, weil ich mir wünsche, später selbst anders zu handeln.

Natürlich werde ich auch im Alter politische Ansichten haben. Natürlich werde ich meine Meinung äußern. Wahrscheinlich werde ich mich weiterhin einmischen, diskutieren und Dinge kritisieren.

Aber ich hoffe, dass ich nie auf die Idee komme, jungen Menschen zu erklären, wie sie ihre eigene Zukunft gestalten sollen.

Denn die Zukunft gehört nicht mir.

Sie gehört den Menschen, die nach mir kommen.

Meine Aufgabe wäre dann nicht, sie zu bevormunden, sondern ihnen zuzuhören.

Nicht jede Forderung wird richtig sein. Nicht jeder Protest wird mich überzeugen. Das muss er auch nicht.

Aber die Vorstellung, Menschen seien zu jung, um für ihre eigene Zukunft einzutreten, halte ich für grundlegend falsch.

Wenn junge Menschen friedlich protestieren, engagieren und organisieren, dann ist das kein Problem für die Demokratie.

Es ist ein Zeichen dafür, dass Demokratie funktioniert.

Und ehrlich gesagt macht mir nicht die Jugend Sorgen, die auf die Straße geht.

Sorgen macht mir eine Gesellschaft, die ihr dafür erklärt, warum sie das besser lassen sollte.

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