Die AfD bestätigt einen Hackerangriff. Hunderttausende interne E-Mails sollen abgeflossen sein. Mehrere Medien berichten darüber. Journalist:innen finden ihre eigenen Presseanfragen in den veröffentlichten Datensätzen wieder. Gleichzeitig ist von mehr als 400.000 E-Mails und rund 281 Gigabyte Daten die Rede.
Und trotzdem liest du überall denselben Satz:
„Die Echtheit der Daten muss noch überprüft werden.“
Versteh mich nicht falsch.
Natürlich muss die Echtheit überprüft werden. Natürlich muss vor Gericht zweifelsfrei nachgewiesen werden, dass eine bestimmte Mail echt ist. Natürlich dürfen Journalist:innen nicht einfach alles ungeprüft veröffentlichen, nur weil es aus einem Datenleck stammt.
Das ist journalistischer Standard. Das ist rechtsstaatlicher Standard. Das ist richtig.
Aber genau deshalb irritiert mich die Art, wie darüber gesprochen wird.
Denn zwischen „juristisch abschließend bewiesen“ und „offensichtlich glaubwürdig“ liegen Welten.
Wenn mir jemand mein Fahrrad klaut und ich es am nächsten Tag mit meinem Schloss, meiner Rahmennummer und meinen Aufklebern wiederfinde, dann werde ich auch nicht ernsthaft darüber diskutieren, ob es vielleicht gar nicht mein Fahrrad ist.
Natürlich werden Beweise gesammelt. Natürlich gibt es Formalitäten.
Aber niemand tut so, als wäre völlig offen, ob das Fahrrad möglicherweise einem Einhorn gehört.
Beim AfD-Leak passiert aber genau das.
Die Partei bestätigt den Angriff. Journalist:innen erkennen eigene E-Mails wieder. Zahlreiche Dokumente lassen sich plausibilisieren. Trotzdem entsteht häufig der Eindruck, als wäre die Echtheit des Materials ungefähr so wahrscheinlich wie die Existenz von Atlantis. Die Partei selbst bestätigt den Angriff auf Mail-Postfächer, während die vollständige Authentizität und Integrität des veröffentlichten Datenbestands weiter geprüft wird.
Nein.
Was geprüft werden muss, ist vor allem, ob einzelne Inhalte verändert wurden, ob Zusammenhänge korrekt dargestellt werden und wie repräsentativ der veröffentlichte Bestand tatsächlich ist.
Das ist etwas völlig anderes als die Frage, ob überhaupt etwas dran ist.
Legal, illegal – scheißegal?!
Besonders interessant finde ich die Reaktion vieler AfD-Anhänger:innen in den Kommentarspalten.
Dort lese ich immer wieder dasselbe Argument:
„Die Daten wurden illegal beschafft. Also sind sie wertlos.“
Aber genau das stimmt so nicht.
Denn im deutschen Recht gilt keineswegs automatisch: illegal beschafft gleich unverwertbar.
Sonst hätten wir nie über die Steuer-CDs diskutieren müssen.
Vor allem lenkt dieses Argument von der eigentlichen Frage ab.
Denn selbst wenn irgendwann über einzelne Dokumente und ihre Verwertbarkeit gestritten werden sollte, verschwindet ihr Inhalt dadurch nicht.
Eine authentische Mail wird nicht unwahr, nur weil sie durch einen Hacker statt durch einen Staatsanwalt ans Licht gekommen ist.
Eine rassistische Aussage wird nicht weniger rassistisch.
Eine Gewaltfantasie wird nicht weniger verstörend.
Deshalb wirkt die Fixierung auf die Herkunft der Daten auf mich oft wie der Versuch, nicht über das sprechen zu müssen, was möglicherweise in ihnen steht.
Und genau diese Diskussion würden manche Menschen offenbar lieber vermeiden.
Was macht der Verfassungsschutz eigentlich beruflich?
Während ich über das Leak nachgedacht habe, ist mir noch eine andere Frage gekommen.
Wenn ein Hacker oder eine kleine Gruppe offenbar hunderte Gigabyte interner Daten aus dem Umfeld einer Partei beschaffen kann, die seit Jahren von Sicherheitsbehörden beobachtet wird, was sagt das eigentlich über unseren Umgang mit dieser Partei aus?
Ich fordere nicht, dass Geheimdienste politische Parteien hacken.
Darum geht es mir überhaupt nicht.
Aber ich frage mich schon, warum Journalist:innen und Öffentlichkeit möglicherweise erst durch einen Hacker Einblicke erhalten, die für die politische Bewertung dieser Partei relevant sein könnten.
Vielleicht verfügen die Behörden über andere Informationen.
Vielleicht sind manche der jetzt diskutierten Vorgänge intern längst bekannt.
Vielleicht wissen sie sogar deutlich mehr als wir.
Aber von außen betrachtet bleibt ein merkwürdiger Eindruck zurück.
Seit Jahren wird über die AfD diskutiert.
Seit Jahren wird über Rechtsextremismus, Radikalisierung und verfassungsfeindliche Tendenzen gesprochen.
Und dann reicht offenbar ein erfolgreicher Hackerangriff aus, um auf einen Schlag einen Datenbestand offenzulegen, der größer ist als alles, was bislang öffentlich geworden ist.
Allein das sollte uns zu denken geben.
Nicht wegen des Hackers.
Sondern wegen der Frage, warum die demokratische Öffentlichkeit möglicherweise erst durch ein Datenleck Einblicke in Vorgänge erhält, die von erheblichem öffentlichen Interesse sein könnten.