Immer wieder stolpere ich in den Kommentarspalten von Social Media über dieselben Phrasen: „Chemiebaukasten“, „Laborfraß“, „Tapetenkleister“. Gemeint sind vegane Produkte, die angeblich künstlich, unnatürlich oder gar gefährlich sein sollen. Und jedes Mal denke ich mir: „Meine Fresse, wie kann man so dumm argumentieren?“
Ich sage es gleich zu Beginn: Alles ist Chemie. Dein Apfel, dein Steak, dein Veggieschnitzel – alles besteht aus Molekülen, aus chemischen Bausteinen. Chemie ist nicht das Gegenteil von Natur, sondern die Sprache, mit der wir Natur beschreiben. Wenn Du das verstanden hast, fällt das ganze Anti-Vegan-Chemie-Gerede wie ein Kartenhaus zusammen.
In diesem Artikel will ich Dir zeigen, warum diese Argumente nicht nur falsch, sondern auch durchsichtig sind. Es geht nicht um Chemie, nicht um Labore, nicht um Inhaltsstoffe. Es geht um das schlechte Gewissen derjenigen, die weiter Fleisch essen wollen, obwohl sie wissen, dass dahinter Leid und Massenmord stehen.
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Alles ist Chemie
Wenn Leute „Chemie“ sagen, meinen sie meistens etwas Negatives: künstlich, ungesund, gefährlich. Aber das ist Unsinn. Chemie ist die Grundlage von allem.
– Wasser ist Chemie: H₂O.
– Zucker ist Chemie: C₆H₁₂O₆.
– Eiweiß ist Chemie: lange Ketten von Aminosäuren.
– Dein Körper ist Chemie: Hormone, Enzyme, DNA.
Wenn jemand also behauptet, vegane Produkte seien „voller Chemie“, dann sage ich: Ja, stimmt. Genau wie alles andere auch. Das Steak, das sie essen, ist genauso Chemie. Der Unterschied liegt nicht in der Existenz von Molekülen, sondern darin, welche Moleküle wir konsumieren und welche Folgen das hat – für unsere Gesundheit, für Tiere, für die Umwelt.
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Essen kommt längst aus dem Labor
Das nächste Argument lautet oft: „Vegane Produkte sind Laborfraß.“ Aber wenn wir ehrlich sind, kommt fast jedes Essen heute aus dem Labor.
– Obst und Gemüse werden gezüchtet, genetisch optimiert, resistent gemacht. Das passiert nicht auf dem Feld, sondern im Labor.
– Backmischungen, Tütensuppen, Dosenessen – alles wird industriell entwickelt, getestet und produziert.
– Selbst Fleisch ist längst ein Produkt von Laborarbeit: Mastfutter, Antibiotika, Wachstumshormone, Züchtung.
Wenn Du also gegen vegane Produkte wetterst, weil sie angeblich „aus dem Labor“ kommen, dann müsstest Du konsequenterweise auch Dein eigenes Essen ablehnen. Aber das passiert nicht. Warum? Weil es nicht um das Labor geht, sondern darum, Veganismus schlechtzureden.
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Der Tapetenkleister-Mythos
Besonders beliebt ist der Hinweis auf „Tapetenkleister“. Ja, manche vegane Produkte enthalten Cellulose. Und ja, Cellulose steckt auch in Tapetenkleister. Aber weißt Du was? Cellulose steckt auch in vielen nicht-veganen Produkten.
Cellulose ist ein Ballaststoff. Dein Körper kann ihn nicht verdauen, aber er ist wichtig für die Verdauung. Er steckt in Obst, Gemüse, Getreide – also in ganz normalen Lebensmitteln.
Wenn jemand also sagt: „In veganen Produkten ist Tapetenkleister“, dann ist das ungefähr so sinnvoll wie zu sagen: „In deinem Brot ist Wasser, und Wasser ist auch in Tapetenkleister.“ Nach dieser Logik dürftest Du gar nichts mehr essen oder trinken.
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Das eigentliche Problem: Schuld und Abwehr
Die Wahrheit ist: Diese Argumente sind nur vorgeschoben. Es geht nicht um Chemie, nicht um Labore, nicht um Inhaltsstoffe. Es geht um Schuld.
Wer Fleisch isst, weiß im Grunde, dass Tiere dafür leiden und sterben. Dass Massentierhaltung grausam ist. Dass es Alternativen gibt. Aber statt sich damit auseinanderzusetzen, greifen viele Menschen lieber diejenigen an, die anders leben.
Veganismus hält ihnen den Spiegel vor. Er zeigt: Es geht auch ohne Tierleid. Und das erzeugt ein schlechtes Gewissen. Die Reaktion darauf ist Abwehr: Aggression, Spott, dumme Sprüche.
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Warum diese Abwehr so stark ist
Ich habe mich oft gefragt, warum die Abwehr gegen Veganismus so heftig ist. Schließlich könnte man ja einfach sagen: „Okay, ich esse Fleisch, Du nicht. Jeder macht sein Ding.“ Aber so läuft es nicht.
Die Gründe sind vielfältig:
– Bequemlichkeit: Fleisch essen ist einfacher, weil es die Norm ist.
– Tradition: Viele verbinden Fleisch mit Kultur, Familie, Heimat.
– Männlichkeit: Fleisch gilt als „stark“, „kräftig“, „männlich“.
– Angst vor Veränderung: Veganismus bedeutet, Gewohnheiten zu hinterfragen.
Wenn Du also einen veganen Beitrag postest, triggerst Du all das. Du zwingst Menschen, über ihr Verhalten nachzudenken. Und das wollen sie nicht. Also greifen sie Dich an.
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Mein persönlicher Blick
Ich bin männlich, ich lebe vegan, und ich kenne diese Diskussionen aus erster Hand. Ich habe gelernt, dass es nichts bringt, sich über die Dummheit der Argumente aufzuregen. Stattdessen versuche ich, sie zu entlarven.
Wenn jemand sagt: „Veganes Essen ist Chemie“, dann antworte ich: „Ja, genau wie Dein Steak.“
Wenn jemand sagt: „Das ist Laborfraß“, dann sage ich: „Ja, genau wie Deine Backmischung.“
Wenn jemand sagt: „Da ist Tapetenkleister drin“, dann sage ich: „Ja, genau wie in Deinem Brot.“
So wird klar: Die Argumente sind nicht ernst gemeint. Sie sind Schutzmechanismen.
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Was Du daraus mitnehmen kannst
Wenn Du selbst vegan lebst oder darüber nachdenkst, wirst Du diese Sprüche auch hören. Mein Rat: Nimm sie nicht persönlich. Sie sind nicht gegen Dich gerichtet, sondern gegen das schlechte Gewissen der anderen.
– Bleib ruhig.
– Entlarve die Widersprüche.
– Mach klar: Alles ist Chemie.
– Zeig: Labore sind überall.
– Sag: Cellulose ist normal.
Und vor allem: Mach deutlich, dass es nicht um Inhaltsstoffe geht, sondern um Ethik.
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Veganismus als Spiegel
Veganismus ist unbequem, weil er zeigt, dass es auch anders geht. Er ist ein Spiegel, der die Gewalt sichtbar macht, die sonst unsichtbar bleibt.
Wenn Menschen aggressiv reagieren, dann nicht, weil sie wirklich Angst vor Chemie haben. Sondern weil sie Angst vor der Wahrheit haben. Die Wahrheit, dass ihr Verhalten Leid verursacht.
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Schlusswort
Ich schreibe diesen Artikel nicht, um jemanden zu beleidigen. Ich schreibe ihn, weil ich will, dass wir ehrlich miteinander umgehen. Wenn Du Fleisch isst, dann tu es. Aber bitte hör auf, dumme Argumente gegen Veganismus zu bringen.
Alles ist Chemie. Alles kommt aus dem Labor. Alles enthält Cellulose. Das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass Tiere für Dein Essen sterben.
Und das ist eine Wahrheit, die kein Tapetenkleister der Welt überdecken kann.