Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als ich zum ersten Mal bewusst Zeuge von Catcalling wurde. Es war ein warmer Sommerabend, ich war mit Freunden unterwegs, und plötzlich rief einer von ihnen einer vorbeigehenden Frau hinterher: „Na, Süße, willst du mitkommen?“ Er lachte. Die anderen auch. Ich nicht.
Damals war ich noch jung, unsicher, und ich habe nichts gesagt. Heute weiß ich: Schweigen ist Zustimmung. Und Catcalling ist kein harmloser Flirt – es ist eine Form von Gewalt.
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Was ist Catcalling überhaupt?
Catcalling bezeichnet sexuell konnotierte Zwischenrufe, Pfiffe oder Kommentare, die meist Frauen im öffentlichen Raum treffen. Es reicht von „Hey Baby!“ über „Geiler Arsch!“ bis hin zu obszönen Geräuschen oder Gesten. Oft wird es als „Kompliment“ verkauft – dabei ist es das Gegenteil: Es reduziert Menschen auf ihr Äußeres, überschreitet Grenzen und erzeugt Unsicherheit.
Der Begriff stammt aus dem Englischen. Ursprünglich bezeichnete „catcall“ ein Buhrufen im Theater. Heute steht er für eine Form der Belästigung, die alltäglich ist – und doch viel zu selten benannt wird.
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Warum Catcalling nicht harmlos ist
Wenn Du selbst nie betroffen warst, mag Catcalling wie ein kleiner Ausrutscher wirken. Ein Spruch, ein Pfeifen, ein kurzer Moment. Aber für die Betroffenen ist es oft viel mehr:
– Es ist ein Eingriff in die persönliche Freiheit.
– Es ist eine Machtdemonstration.
– Es ist ein Signal: „Du bist hier nicht sicher.“
Viele Frauen berichten, dass sie ihre Kleidung ändern, Umwege gehen oder sich nicht mehr trauen, allein unterwegs zu sein. Catcalling ist kein Einzelfall – es ist Teil eines Systems, das Frauen im öffentlichen Raum kontrollieren will.
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Was alles dazugehört
Catcalling ist nicht nur das laute Rufen auf der Straße. Es umfasst:
– Pfeifen, Stöhnen, Rufen
– Sexistische Kommentare („Lächel doch mal!“)
– Nachpfeifen oder Gesten, die sexualisiert sind
– Verfolgen oder Anstarren, oft mit Sprüchen
– „Komplimente“, die nicht als solche gemeint sind
Wichtig ist: Es geht nicht darum, ob die Worte „nett“ gemeint sind. Es geht darum, ob sie gewollt sind. Und das ist fast nie der Fall.
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Warum es bestraft gehört
In Ländern wie Frankreich, Belgien oder Portugal ist Catcalling bereits strafbar. In Deutschland gibt es bisher keine klare gesetzliche Regelung – oft bleibt nur der Weg über eine Anzeige wegen Beleidigung, mit hohen Hürden.
Aber warum sollte es überhaupt bestraft werden?
– Weil es die Würde verletzt.
– Weil es Angst macht.
– Weil es ein strukturelles Problem ist.
Ein Gesetz allein wird das Problem nicht lösen. Aber es setzt ein Zeichen: Wir nehmen das ernst. Wir schützen Betroffene. Wir sagen: Das ist nicht okay.
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Warum ich als Mann Verantwortung trage
Ich bin ein Mann. Und ich weiß, dass Catcalling oft von Männern ausgeht. Nicht von allen, aber von vielen. Und ich weiß auch, dass es nicht reicht, selbst nichts zu tun – ich muss aktiv werden.
Wenn ich sehe, dass ein Freund eine Frau belästigt, dann spreche ich ihn darauf an. Nicht später, nicht heimlich – sondern direkt. Ja, das ist unangenehm. Ja, das kann die Stimmung kippen. Aber es ist notwendig.
Denn wenn ich schweige, dann bin ich Teil des Problems.
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Warum Du Deine Freunde konfrontieren solltest
Vielleicht denkst Du: „Ich bin doch kein Täter.“ Aber wenn Du danebenstehst und nichts sagst, dann schützt Du den Täter – und nicht die Betroffene.
Wenn Du Deine Freunde konfrontierst, dann:
– Zeigst Du Haltung.
– Brichst Du mit toxischer Männlichkeit.
– Schaffst Du Raum für Veränderung.
Es geht nicht darum, jemanden bloßzustellen. Es geht darum, Grenzen zu setzen. Und das geht nur, wenn wir Männer uns gegenseitig zur Verantwortung ziehen.
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Was Du konkret tun kannst
Wenn Du Catcalling beobachtest, kannst Du:
– Nachfragen: „Was soll das gerade?“
– Solidarität zeigen: Blickkontakt zur Betroffenen, ein kurzes „Alles okay?“
– Grenzen setzen: „Das war übergriffig.“
– Nach dem Vorfall sprechen: „Ich fand das nicht in Ordnung.“
Und wenn Du selbst unsicher bist: Sprich mit anderen darüber. Lerne. Hör zu. Es geht nicht um Perfektion – es geht um Haltung.
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Warum das Thema uns alle betrifft
Catcalling ist kein Randphänomen. Es betrifft Millionen Menschen täglich. Es prägt, wie wir uns im öffentlichen Raum bewegen. Es beeinflusst, wie sicher wir uns fühlen. Und es zeigt, wie tief Sexismus in unserer Gesellschaft verankert ist.
Wenn wir das ändern wollen, dann müssen wir hinschauen. Dann müssen wir sprechen. Dann müssen wir handeln.
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Ein persönlicher Appell
Ich schreibe diesen Text nicht, weil ich perfekt bin. Ich schreibe ihn, weil ich gelernt habe. Weil ich Fehler gemacht habe. Weil ich gesehen habe, was Schweigen anrichtet.
Und ich schreibe ihn, weil ich glaube, dass Du etwas bewegen kannst.
Wenn Du das nächste Mal Zeuge von Catcalling wirst – sag etwas. Wenn Du selbst unsicher bist – frag nach. Wenn Du betroffen bist – sprich darüber.
Denn Veränderung beginnt nicht mit Gesetzen. Sie beginnt mit uns.