Gedanken im Wandel: Warum ich heute lieber frage als urteile

Es gibt Meinungen, die wir wie Trophäen tragen. Weil sie uns Halt geben, Identität, Zugehörigkeit. Und es gibt jene Momente, in denen wir sie ablegen – nicht aus Schwäche, sondern aus Einsicht. Dieser Text handelt von solchen Momenten. Von meinem Weg. Und vielleicht auch ein bisschen von Deinem.

Vom Braten zur Haltung

Ich bin mit Fleisch aufgewachsen. Braten war Festtag, Alltag, Trost. Wurst war mir suspekt – zu viel Unkenntliches, zu viel Maschine. Aber Fleisch war Genuss, war Normalität.

Mit 14 kam der Riss. Ich weiß nicht mehr, ob es ein Buch war, ein Gespräch oder einfach ein stiller Gedanke. Aber plötzlich war da diese Klarheit: Ich will nicht, dass für meinen Genuss ein Tier stirbt. Nicht mehr. Ich wurde Vegetarier.

Mit 20 dann der nächste Schritt: Veganismus. Nicht aus Dogma, sondern aus Wissen. Ich hatte gelesen, gefragt, diskutiert. Ich verstand, dass Tierhaltung nicht nur ein ethisches, sondern auch ein ökologisches und gesundheitliches Thema ist. Ich wollte Verantwortung übernehmen. Für mein Handeln. Für meine Haltung.

„Das geht mich nichts an“ – und warum das nicht reicht

Lange dachte ich, dass Menstruation ein Mädchenthema sei. Und dass es fortschrittlich sei, als Junge zu sagen: „Das geht mich nichts an.“ Ich wollte nicht spotten, nicht ekeln, also schwieg ich. Ich dachte, das sei respektvoll.

War es aber nicht.

In meiner ersten ernsthaften Beziehung lernte ich, dass Schweigen keine Solidarität ist. Dass Verständnis nicht durch Distanz entsteht. Ich begann zu fragen. Zu lernen. Und ich begriff: Feminismus ist kein Frauenthema. Es ist ein Menschheitsthema.

Denn Rollenbilder betreffen uns alle. Sie machen uns kleiner, als wir sind. Der starke Mann, die fürsorgliche Frau – das sind Masken, keine Identitäten. Ich will sie nicht mehr tragen. Ich will verstehen, unterstützen, mitgestalten.

Meinung ist kein Besitz

Vielleicht kennst Du das: Du hast jahrelang etwas geglaubt, verteidigt, gelebt – und dann kommt ein Moment, in dem Du merkst, dass es nicht mehr passt. Dass Du Dich geirrt hast. Dass Du etwas übersehen hast.

Und dann fragst Du Dich: Darf ich das ändern?

Ich sage: Ja. Du darfst. Du sollst sogar.

Denn Meinung ist kein Besitz, den man verteidigt. Meinung ist ein Werkzeug, das man schärft. Und manchmal muss man es austauschen, weil es stumpf geworden ist.

Ich habe gelernt, dass es okay ist, sich zu irren. Dass es okay ist, etwas nicht gewusst zu haben. Dass es okay ist, heute anders zu denken als gestern. Solange Du bereit bist, zuzuhören, zu lernen, zu reflektieren – bist Du auf dem richtigen Weg.

Mein Kompass: Menschenwürde und Offenheit

Ich habe für mich eine Art inneren Kompass gefunden. Der zeigt nicht nach Norden, sondern nach Würde. Alles, was gegen die Menschenwürde geht, ist für mich nicht verhandelbar. Aber alles andere? Höre ich mir gerne an.

Ich liebe gute Argumente. Ich liebe kluge Gedanken, auch wenn sie meine eigenen herausfordern. Ich liebe es, wenn jemand mir eine neue Perspektive zeigt, die ich vorher nicht gesehen habe. Und ich liebe es, meine Meinung zu ändern, wenn ich merke: Das neue Argument ist besser.

Das ist kein Wankelmut. Das ist intellektuelle Redlichkeit.

Politische Begriffe und persönliche Brüche

Auch meine Haltung zu politischen Begriffen hat sich gewandelt. „Heimat“, „Leitkultur“, „Patriotismus“ – früher habe ich sie reflexhaft abgelehnt. Zu viel Missbrauch, zu viel Exklusion. Heute frage ich differenzierter: Wer sagt das? In welchem Kontext? Mit welcher Absicht?

Ich bin vorsichtiger geworden mit schnellen Urteilen. Und das hat meine politische Arbeit bereichert. Ich will nicht nur dagegen sein. Ich will verstehen, was gemeint ist – und dann entscheiden, ob ich mitgehen kann oder widersprechen muss.

Meinungswandel braucht Mut

Wenn Du Deine Meinung ändern willst, brauchst Du Mut. Denn Du wirst auf Widerstand stoßen. Von anderen, aber auch von Dir selbst. Dein innerer Kritiker wird sagen: „Du warst doch immer dagegen!“ Oder: „Was denken die anderen jetzt von Dir?“

Aber weißt Du was? Die anderen denken sowieso etwas. Und Du bist nicht auf der Welt, um Erwartungen zu erfüllen, sondern um zu wachsen.

Was mir geholfen hat, war Austausch. Gespräche mit Menschen, die anders denken. Die mir nicht nach dem Mund reden, sondern mich herausfordern. Und manchmal auch Gespräche mit mir selbst – beim Schreiben, beim Lesen, beim Nachdenken.

Ein Plädoyer für die bewegliche Haltung

Wenn ich heute einen Wunsch äußern dürfte, dann diesen: Lass uns beweglich bleiben. Nicht beliebig, nicht flatterhaft – aber offen. Offen für neue Erkenntnisse, für andere Erfahrungen, für bessere Argumente.

Lass uns aufhören, Meinungsänderung als Schwäche zu sehen. Sie ist ein Zeichen von Stärke. Von Reife. Von Menschlichkeit.

Ich bin nicht mehr der Junge, der Braten liebt und Menstruation peinlich findet. Ich bin ein Mann, der Tiere respektiert, Feminismus unterstützt und bereit ist, sich selbst zu hinterfragen.

Und ich hoffe, Du bist das auch. Oder willst es werden.

Denn wir brauchen mehr Menschen, die sagen: „Ich habe meine Meinung geändert.“ Und noch mehr, die sagen: „Ich bin bereit, es wieder zu tun.“

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