Ich bin Sexist. Nicht, weil ich Frauen hasse oder ihnen absichtlich Schaden zufügen will. Sondern weil ich in einer sexistischen Welt großgeworden bin. Weil ich in einem System sozialisiert wurde, das mir bestimmte Rollenbilder, Erwartungen und Verhaltensweisen beigebracht hat – oft ganz subtil, manchmal auch sehr direkt. Und obwohl meine Mutter und sogar meine Großmutter sehr emanzipiert waren, haben auch sie mir Dinge vorgelebt, die ich heute als fragwürdig oder sogar problematisch erkenne.
Das ist kein Vorwurf an sie. Und auch kein Vorwurf an mich. Es ist eine Feststellung. Eine ehrliche Bestandsaufnahme. Und vielleicht erkennst Du Dich darin wieder.
Die Prägung beginnt früh – und sie wirkt lange
Ich bin als Junge in einer Welt aufgewachsen, in der Männer stark, rational und durchsetzungsfähig sein sollten. Gefühle zeigen? Schwäche. Rücksicht nehmen? Nett, aber nicht männlich. Frauen? Die waren entweder zu bewundern oder zu beschützen – aber selten gleichberechtigt zu behandeln. Und selbst wenn ich das nie bewusst so gedacht habe, war es doch das, was mir durch Werbung, Filme, Schule, Freundeskreise und manchmal auch Familie vermittelt wurde.
Ich habe gelernt, dass Männer reden und Frauen zuhören. Dass Männer führen und Frauen folgen. Dass Männer arbeiten und Frauen sich kümmern. Und selbst wenn ich heute weiß, dass das Unsinn ist, merke ich: Diese Muster sitzen tief. Sie beeinflussen, wie ich denke, wie ich spreche, wie ich handle.
Sexismus ist nicht nur das Offensichtliche
Wenn wir über Sexismus sprechen, denken viele sofort an extreme Fälle: Belästigung, Diskriminierung, Gewalt. Aber Sexismus beginnt viel früher. Er zeigt sich in kleinen Gesten, in beiläufigen Kommentaren, in unausgesprochenen Erwartungen. Wenn ich einer Frau automatisch das Wort erkläre, obwohl sie Expertin ist. Wenn ich davon ausgehe, dass sie sich um die Organisation kümmert, weil „Frauen das besser können“. Wenn ich ihr Komplimente mache, die mehr über mein Bedürfnis als über ihre Leistung aussagen.
Das sind keine bösen Absichten. Aber sie sind Teil eines Systems, das Frauen klein hält – und Männer in Rollen zwingt, die ihnen oft genauso wenig guttun.
Verantwortung statt Schuld
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass es nicht um Schuld geht. Ich bin nicht schuld daran, dass ich so geprägt wurde. Aber ich bin verantwortlich dafür, was ich daraus mache. Ich kann mein Verhalten reflektieren. Ich kann zuhören. Ich kann lernen. Ich kann mich verändern.
Und das ist kein riesiger Kraftakt. Es braucht keine Perfektion. Es braucht keine Selbstgeißelung. Es braucht nur Offenheit. Und ein bisschen Mühe.
Zuhören verändert alles
Was für mich ein kleiner Schritt ist, kann für andere ein großer Unterschied sein. Wenn eine Frau mir sagt, dass sie sich unwohl fühlt, weil ich sie unterbrochen habe – und ich höre ihr zu, ohne mich zu rechtfertigen. Wenn sie mir erklärt, warum ein bestimmter Spruch verletzend war – und ich nicht abwinke, sondern nachfrage. Wenn ich ihr Raum gebe, statt sie zu belehren.
Das verändert etwas. Nicht nur in ihr, sondern auch in mir. Ich lerne, anders zu sehen. Ich lerne, anders zu sprechen. Ich lerne, anders zu handeln.
Und ich merke: Das tut mir gut. Es macht mich nicht weniger Mann. Es macht mich menschlicher.
Der Weg ist kein Sprint
Ich bin nicht perfekt. Ich mache Fehler. Ich falle zurück in alte Muster. Manchmal merke ich es sofort, manchmal erst später. Aber ich versuche, wach zu bleiben. Ich versuche, mich zu hinterfragen. Ich versuche, besser zu werden.
Und das ist genug. Es geht nicht darum, alles richtig zu machen. Es geht darum, bereit zu sein, etwas zu verändern.
Was Du tun kannst – ganz konkret
Vielleicht fragst Du Dich jetzt: Und was soll ich tun? Hier sind ein paar Dinge, die mir geholfen haben – und vielleicht auch Dir helfen können:
1. Hör zu, ohne zu verteidigen
Wenn Dir jemand sagt, dass etwas sexistisch war, versuch nicht, Dich zu rechtfertigen. Hör einfach zu. Frag nach. Versuch zu verstehen.
2. Reflektiere Deine Sprache
Sprache formt Denken. Achte darauf, wie Du über Frauen sprichst. Vermeide Klischees. Gender bewusst – auch wenn es ungewohnt ist.
3. Gib Raum
In Gesprächen, in Meetings, in Gruppen: Achte darauf, wer spricht und wer nicht. Gib anderen Raum. Frag nach Meinungen. Lass ausreden.
4. Lerne von anderen
Lies Bücher, hör Podcasts, folge feministischen Stimmen. Nicht, um alles zu übernehmen – sondern um Perspektiven zu erweitern.
5. Sprich mit anderen Männern
Sexismus ist kein Frauenthema. Es ist ein gesellschaftliches Thema. Sprich mit Deinen Freunden, Kollegen, Brüdern darüber. Ehrlich. Offen. Kritisch.
Warum das alles wichtig ist
Weil Gleichberechtigung nicht von allein kommt. Weil wir alle Teil dieses Systems sind – und es nur verändern können, wenn wir bei uns selbst anfangen. Weil Frauen es verdient haben, ernst genommen zu werden. Gehört zu werden. Gleich behandelt zu werden.
Und weil wir Männer auch gewinnen, wenn wir uns aus den engen Rollen befreien, die uns auferlegt wurden.
Mein Fazit
Ich bin Sexist. Nicht, weil ich das will. Sondern weil ich es gelernt habe. Aber ich kann umlernen. Ich kann zuhören. Ich kann mich verändern.
Und das ist kein Makel. Das ist ein Anfang.
Wenn Du Dich darin wiedererkennst – willkommen. Du bist nicht allein. Und Du bist nicht machtlos.
Fang einfach an. Mit einem Gespräch. Mit einer Frage. Mit einem Gedanken.
Denn jede:r, die:der sich bewegt, bewegt etwas.