Kampf um die Realität: Wie wir Begriffe verlieren, Wahrheit verhandeln und Eilmeldungen über Fußball bekommen

Es gibt Diskussionen, die mich nicht einfach nur nerven, sondern mir ein Gefühl von echtem Unbehagen geben. Nicht, weil Menschen anderer Meinung sind als ich – damit komme ich klar –, sondern weil sie anfangen, die Realität selbst infrage zu stellen. Und damit meine ich nicht philosophische Fragen über Wahrnehmung oder Wahrheit, sondern die ganz banale, alltägliche Realität, die wir brauchen, um überhaupt miteinander kommunizieren zu können.

Vorletztes Wochenende habe ich wieder so eine Diskussion erlebt. Natürlich auf Facebook. Wo sonst? Es ging eigentlich um einen Artikel über Alice Weidel, die Jens Spahn Doppelmoral vorwirft, weil er politisch gegen Leihmutterschaft war, privat aber eine Leihmutter in den USA genutzt hat. Ein legitimer Vorwurf, könnte man sagen. Aber ausgerechnet von ihr? Von einer Politikerin, die sich als deutsche Patriotin inszeniert, in einer Partei aktiv ist, die gegen Ausländer:innen und die LGBTQ+-Community hetzt, selbst aber mit einer dunkelhäutigen Frau in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebt – und das nicht einmal in Deutschland, sondern in der Schweiz.

Die Ironie ist so offensichtlich, dass man sie kaum übersehen kann. Und genau das tat auch ein Kommentar unter dem Beitrag: Er wies auf diese Doppelmoral hin. Eigentlich ein Punkt, über den man hätte diskutieren können. Aber die Diskussion ging nicht weiter. Sie kippte. Und zwar abrupt.

„Das könnt ihr Linksfaschisten nicht verstehen.“

Dieser Satz war der Wendepunkt. Ein rhetorischer Totalschaden. Nicht nur, weil „Linksfaschismus“ ein Begriff ist, der historisch, politikwissenschaftlich und ideologisch keinen Sinn ergibt, sondern weil er ein Symptom ist. Ein Symptom dafür, dass Menschen nicht mehr argumentieren, sondern nur noch etikettieren.

Ich habe darauf hingewiesen, dass es Linksfaschismus nicht gibt. Nicht geben kann. Faschismus ist per Definition rechts. Das ist kein politisches Statement, sondern ein wissenschaftlicher Fakt. Faschismus ist autoritär, ultranationalistisch, antidemokratisch, antipluralistisch, militaristisch – und historisch wie ideologisch klar rechts verortet.

Die Antwort darauf war der Moment, in dem ich merkte, dass wir nicht mehr über Politik reden, sondern über die Realität selbst.

„Daran kann man gut erkennen, dass die Realität und die Definition nicht immer passen.“

Ich musste den Satz zweimal lesen. Dann lachen. Dann schlucken.

Wenn Definitionen nicht mehr gelten, ist alles beliebig

Definitionen sind nicht einfach Wörter. Sie sind die Grundlage dafür, dass wir uns überhaupt verständigen können. Wenn ich „Faschismus“ sage, dann meine ich etwas Konkretes. Etwas historisch Gewachsenes, wissenschaftlich Beschriebenes, klar Abgegrenztes. Wenn jemand sagt: „Definitionen passen nicht zur Realität“, dann sagt er im Grunde:

„Ich bestimme selbst, was Wörter bedeuten.“

Und das ist der Punkt, an dem Diskussionen nicht nur sinnlos werden, sondern gefährlich.

Denn wenn Begriffe beliebig werden, wird auch die Wahrheit beliebig.
Wenn Wahrheit beliebig wird, wird Politik beliebig.
Und wenn Politik beliebig wird, wird Macht beliebig.

Das ist der Moment, in dem autoritäre Bewegungen gedeihen.

Die Pippi-Langstrumpf-Politik: „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“

Genau das passiert gerade. Menschen biegen sich Begriffe zurecht, damit sie ins eigene Weltbild passen. Beispiele gibt es genug:

Als lesbische Frau gegen LGBTQ+ hetzen, obwohl das L in LGBTQ+ genau für lesbisch steht.

Die Nationalsozialisten als „links“ bezeichnen, weil „sozialistisch“ im Namen steckt – obwohl die Nazis Sozialist:innen und Kommunist:innen verfolgt, gefoltert und ermordet haben.

„Meinungsfreiheit“ als Freifahrtschein für unbelegte Behauptungen interpretieren.

Das ist keine Dummheit. Es ist ein Muster. Ein gefährliches Muster.

Warum Menschen das tun

Ich habe lange darüber nachgedacht, warum Menschen Begriffe so verdrehen. Warum sie Definitionen ablehnen. Warum sie Fakten relativieren. Und ich glaube, es gibt mehrere Gründe:

Komplexitätsvermeidung – Politik ist kompliziert, einfache Erzählungen sind bequemer.

Kognitive Dissonanz – Wenn Fakten dem eigenen Weltbild widersprechen, werden die Fakten angepasst.

Emotionale Überforderung – Wut, Angst und Ohnmacht überlagern Logik.

Echokammern – Wer nur bestimmte Medien konsumiert, lebt in einer Parallelrealität.

Sprachliche Manipulation – Wer Begriffe kontrolliert, kontrolliert die Debatte.

Das Problem: Wenn alles relativ wird, wird auch Demokratie relativ

Demokratie braucht gemeinsame Begriffe.
Demokratie braucht gemeinsame Realität.
Demokratie braucht gemeinsame Faktenbasis.

Wenn Menschen anfangen zu sagen:
„Definitionen passen nicht zur Realität“,
dann ist das nicht einfach nur falsch – es ist ein Angriff auf die Grundlage demokratischer Kommunikation.

Denn wenn Begriffe beliebig werden, kann man alles behaupten:

Faschismus ist links.

Wissenschaft ist Meinung.

Fakten sind Gefühle.

Realität ist Verhandlungssache.

Das ist der Moment, in dem Verschwörungen Hochkonjunktur haben.
In dem Populismus gedeiht.
In dem autoritäre Bewegungen erstarken.

Und dann vibriert mein Handy: „Spanien ist Weltmeister.“

Mitten in diesem ganzen Irrsinn, mitten in der Diskussion über Begriffe, Wahrheit und Realität, vibriert plötzlich mein Handy. Tagesschau-Eilmeldung. Push-Benachrichtigung.

Spanien ist Weltmeister.

Und ich denke mir:
Das ist eine Eilmeldung?
Was passiert mir Schlimmes, wenn ich das nicht weiß?
Wozu muss ich das überhaupt wissen?

Es ist fast schon grotesk.
Während die Realität selbst unter Beschuss steht, während Begriffe neu definiert werden, während Menschen sich in Parallelwelten radikalisieren, während Wahrheit zur Verhandlungssache wird – kommt eine Push-Nachricht, die mir mitteilt, wer ein Fußballspiel gewonnen hat.

Warum fühlt sich das so absurd an?

Weil es zeigt, wie verschoben unsere Prioritäten sind.
Nicht individuell – gesellschaftlich.

Eine Eilmeldung bedeutet eigentlich:
„Das musst du JETZT wissen.“
„Das hat unmittelbare Relevanz.“
„Das betrifft dich.“
„Das verändert etwas.“

Aber was verändert sich für mich, wenn Spanien Weltmeister ist?
Nichts.
Gar nichts.

Es ist ein Fakt, ja.
Ein Ereignis, ja.
Aber es ist kein Ereignis, das mein Leben beeinflusst.
Es ist kein Ereignis, das gesellschaftliche Strukturen verändert.
Es ist kein Ereignis, das demokratische Prozesse bedroht oder stärkt.
Es ist kein Ereignis, das die Welt in irgendeiner Weise gefährlicher oder sicherer macht.

Es ist Unterhaltung.
Und Unterhaltung wird als „Eilmeldung“ verkauft.

Und gleichzeitig passiert etwas, das wirklich eine Eilmeldung wäre

Während ich diese Push-Nachricht lese, denke ich an die Diskussion, die ich gerade geführt habe.
Menschen, die Definitionen ablehnen.
Menschen, die Begriffe verdrehen.
Menschen, die Realität relativieren.
Menschen, die sich ihre eigene Welt bauen, weil die echte zu komplex ist.

Das ist eine Eilmeldung.
Das ist ein Alarm.
Das ist ein gesellschaftlicher Notfall.

Aber dazu kommt keine Push-Nachricht.
Kein roter Balken.
Keine Eilmeldung.
Keine Warnung.

Warum nicht?

Weil es nicht klickt.
Weil es nicht unterhält.
Weil es nicht einfach ist.
Weil es nicht in ein 3-Wort-Format passt.
Weil es nicht in die Logik der Aufmerksamkeit passt.

„Kampf um die Realität ist in vollem Gang“ – das wäre die eigentliche Eilmeldung

Stell dir vor, die Tagesschau würde eine Push-Nachricht schicken:

Eilmeldung:
Kampf um die Realität eskaliert.
Begriffe werden systematisch verdreht.
Wahrheit verliert gesellschaftliche Bindungskraft.

Das wäre eine Meldung, die mich betrifft.
Die dich betrifft.
Die uns alle betrifft.

Denn wenn die Realität selbst zur Verhandlungssache wird, verlieren wir die Grundlage jeder demokratischen Kommunikation.

Fazit: Die falschen Dinge werden zu Eilmeldungen, die richtigen nicht

Ich habe diese Push-Nachricht nicht gebraucht.
Sie hat mein Leben nicht verändert.
Sie hat mir nichts gegeben, außer einem Moment der Irritation.

Aber sie hat mir etwas gezeigt:

Wir leben in einer Zeit, in der die trivialen Dinge laut sind
und die wichtigen leise.

In der Unterhaltung gepusht wird
und Wahrheit ignoriert.

In der Fußball eine Eilmeldung ist
und der Kampf um die Realität nicht.

Und genau das ist das Problem.

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