Ich habe lange darüber nachgedacht, ob es so etwas wie eine „konservative Frau“ in einer demokratischen, gleichberechtigten Gesellschaft überhaupt geben kann, ohne dass ein gewisser innerer Widerspruch mitschwingt. Und je tiefer ich mich in das Thema eingrabe, desto mehr spüre ich diesen Reibungspunkt – vielleicht sogar ein Unbehagen. Vielleicht kennst Du das auch: Du hörst von einer Frau, die sich politisch konservativ positioniert, die gegen das Gendern wettert, Feminismus als „linke Ideologie“ ablehnt, aber gleichzeitig wählt, arbeitet, studiert, sich online äußert – all das, was vor nicht allzu langer Zeit für Frauen schlicht nicht vorgesehen war. Und ich frage mich: Geht das überhaupt zusammen?
Konservativ: Was bedeutet das eigentlich?
Fangen wir beim Begriff an. „Konservativ“ stammt vom Lateinischen conservare – bewahren. Aber was wird da bewahrt? Traditionen, Werte, Strukturen? Und wer definiert, welche davon schützenswert sind? In der politischen Realität erleben wir Konservatismus oft als Widerstand gegen gesellschaftlichen Wandel: gegen die Ehe für alle, gegen Genderpolitik, gegen feministische Forderungen nach mehr Gleichstellung in Vorstandsetagen oder auf dem Arbeitsmarkt.
Für viele Menschen – mich eingeschlossen – bedeutet das: Konservativ ist die Haltung, dass alles möglichst so bleiben sollte, wie es „immer schon war“. Und genau da wird es heikel. Denn für Frauen bedeutete dieses „immer schon“ lange Zeit: kein Wahlrecht, kein Zugang zu Bildung, finanzielle Abhängigkeit vom Ehemann, keine Mitbestimmung. Kurz: Unterordnung.
Feministische Errungenschaften als Grundlage der Freiheit
Ob Du Dich nun als Feminist:in bezeichnest oder nicht – wenn Du heute als Frau wählen gehst, frei entscheidest, ob Du Kinder möchtest oder Karriere, dann lebst Du in einer Realität, die ohne feministische Kämpfe nicht denkbar wäre.
Das Frauenwahlrecht, die Möglichkeit, ein eigenes Konto zu eröffnen, Gesetze gegen häusliche Gewalt, Mutterschutz, Elternzeit – all das sind keine netten Extras, sondern hart erkämpfte Meilensteine. Und es waren gerade nicht die Konservativen, die diese Rechte eingeführt haben. Meist stemmten sie sich mit Händen und Füßen dagegen.
Deshalb wirkt es auf mich so seltsam, wenn konservative Frauen sich ausgerechnet gegen den Feminismus positionieren. Du nutzt Errungenschaften, für die andere Frauen gekämpft – und oft gelitten – haben, willst aber nichts mit dieser Bewegung zu tun haben? Das fühlt sich an, als würdest Du behaupten, tierlieb zu sein, und trotzdem Pelz tragen: Du genießt den Komfort, ohne die Verantwortung anzuerkennen.
Konservative Frauen als Paradox?
Ich will gar nicht behaupten, dass jede konservative Frau per se gegen Gleichberechtigung ist. Das wäre zu einfach. Viele betonen, dass sie für „Chancengleichheit“ seien, dass Frauen durchaus Berufe ergreifen und wählen dürfen – aber eben nicht „auf Kosten“ der traditionellen Familie, nicht durch Quoten, nicht durch gesellschaftlichen Druck zur Selbstverwirklichung. Das klingt im ersten Moment vielleicht gar nicht so schlimm. Aber wenn Du genauer hinhörst, steckt da oft ein Wunsch nach Rückwärtsgewandtheit drin: nach einer Welt, in der Frauen zwar „dürfen“, aber bitte so, wie es sich gehört.
Das eigentliche Problem liegt also nicht in der Tatsache, dass konservative Frauen existieren – sondern darin, wie sehr sie von einer Welt profitieren, deren Grundlagen sie ablehnen oder aktiv bekämpfen. Eine Wahlentscheidung gegen Gleichstellung ist keine Privatmeinung mehr, wenn sie politische Konsequenzen für Millionen andere hat.
Wahlrecht als Widerspruch?
Jetzt wird’s provokant: Wenn eine Frau sich aktiv gegen feministische Prinzipien stellt – also gegen die Gleichheit der Geschlechter, gegen Selbstbestimmung, gegen Bildung oder wirtschaftliche Unabhängigkeit – warum sollte sie dann von deren Früchten profitieren dürfen? Ich frage mich: Wie konsequent kann man sein, wenn man das Wahlrecht nutzt, um Parteien zu wählen, die das Rad der Zeit zurückdrehen wollen?
Natürlich will ich niemandem das Wahlrecht absprechen – das wäre antidemokratisch. Aber ich wünsche mir, dass wir uns alle bewusst machen, woher diese Rechte kommen und was es bedeutet, sie mit Verantwortung zu nutzen. Wenn Du als Frau wählst, dann setzt Du ein politisches Zeichen. Und wenn dieses Zeichen bedeutet: „Ich will zurück zu einer Ordnung, in der ich weniger zähle“ – dann ist das, mit Verlaub, nicht konservativ. Das ist regressiv.
Die neue Verpackung alter Verhältnisse
Ein beliebtes Argument lautet: „Ich entscheide mich freiwillig für traditionelle Rollen.“ Das klingt natürlich besser als „Ich unterwerfe mich einem alten System“. Aber ehrlich: Ist es wirklich freiwillig, wenn das gesellschaftliche Narrativ genau diese Entscheidung als einzig gute, moralisch richtige Wahl feiert – und alles andere als egoistisch oder unnatürlich darstellt?
Ich bestreite nicht, dass eine Frau glücklich als Hausfrau und Mutter leben kann – im Gegenteil. Was ich bestreite, ist die Vorstellung, dass diese Lebensform neutral oder ideologiefrei ist. Sie ist das Resultat von jahrhundertelanger kultureller Prägung – und wenn sie uns heute als „neue Freiheit“ verkauft wird, dann ist das oft nichts anderes als ein Reframing alter Machtverhältnisse.
Wie viel Wandel verträgt Konservatismus?
Vielleicht besteht das eigentliche Dilemma darin, dass der Konservatismus selbst im Wandel ist. Begriffe werden weichgespült, Ideologien modernisiert, Rhetoriken angepasst. Heute klingt das dann so: „Ich bin nicht gegen Frauenrechte – ich bin gegen übertriebenen Feminismus.“ Aber wo fängt „übertrieben“ an? Bei Equal Pay? Bei reproduktiven Rechten? Beim Schutz vor sexualisierter Gewalt? Wenn all das schon „zu viel“ ist – was bleibt dann noch?
Ich bin überzeugt: Wer sich auf die Seite des Konservatismus stellt, sollte sich ehrlich fragen, was genau er oder sie bewahren will. Und ob das nicht auf dem Rücken jener Frauen passiert, die ihre Freiheit noch gar nicht voll ausleben konnten – oder denen sie an anderen Orten dieser Welt komplett verwehrt bleibt.
Fazit: Konservative Frauen sind kein Widerspruch – aber ein Dilemma
Am Ende sind konservative Frauen keine Fabelwesen. Sie existieren, sie sind politisch aktiv, sie gestalten unsere Gesellschaft mit. Aber sie stehen in einem Spannungsverhältnis, das man nicht einfach weglächeln kann: zwischen dem Wunsch nach Selbstbestimmung und der Nostalgie nach einer Ordnung, die Frauen genau diese Freiheit über Jahrhunderte vorenthalten hat.
Ich wünsche mir, dass jede Frau – egal wie sie sich politisch verortet – begreift, dass ihre Freiheiten nicht vom Himmel gefallen sind. Sie sind Produkt politischer Kämpfe, die noch lange nicht beendet sind. Und wer sich gegen diesen Kampf stellt, sollte zumindest ehrlich sein: Konservativ zu sein bedeutet in diesem Kontext nicht, neutral zu bleiben – sondern Verhältnisse zu legitimieren, die andere längst hinter sich lassen wollen.
Denn echte Wahlfreiheit beginnt nicht bei der Entscheidung für die Hausfrau – sondern bei der Möglichkeit, nein dazu sagen zu dürfen, ohne stigmatisiert zu werden.