Ich bin ein Mann. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann könnte ich wahrscheinlich ziemlich gut davon leben, konservativ zu sein. Die alten Strukturen? Die spielen mir in die Karten: Karriereleiter ohne Quotenstress, gesellschaftlicher Respekt für „klassische Männlichkeit“, niemand erwartet, dass ich Care-Arbeit übernehme oder viel über meine Gefühle rede. Klingt verlockend, oder?
Aber genau da fängt es an zu knirschen. Denn ich frage mich: Wie ehrlich ist so ein Lebensentwurf, wenn er nur funktioniert, solange ich nicht frage, was um mich herum passiert? Wenn meine persönliche Bequemlichkeit darauf basiert, dass andere weniger Platz, weniger Stimme und weniger Spielraum haben? Wenn „bewahren“ eigentlich heißt: „Ich bleibe oben – egal, wer darunter leidet.“
Konservatismus als Komfortzone?
Konservativ sein heißt: bewahren, was ist – oder war. Für viele Männer bedeutet das: Ich bewahre meinen Status, meine Deutungshoheit, meine strukturellen Vorteile. Ich muss mich nicht verändern, kein Unbehagen aushalten, keine Privilegien hinterfragen. Ich kann in Führungspositionen bleiben, ohne mich mit Diversität oder Gleichstellung auseinandersetzen zu müssen. Ich darf einfach weiter funktionieren wie bisher – und wer etwas anderes will, muss sich erstmal beweisen.
Klingt stabil? Vielleicht. Aber nur für mich.
Denn was ist mit allen anderen? Mit Frauen, queeren Menschen, sensiblen Männern, denen das klassische Rollenbild nicht gerecht wird? Für sie bedeutet dieses „Bewahren“ oft: Stillstand. Oder Rückschritt. Zurück in eine Welt, in der Männlichkeit gleich Macht, Weiblichkeit gleich Fürsorge, Queerness gleich Tabu bedeutete.
Wenn ich als Mann konservativ bin, ist das nur dann ein stimmiger Lebensentwurf, wenn ich bereit bin, meinen Platz an der Sonne zu verteidigen – selbst dann, wenn ich weiß, dass andere im Schatten stehen.
Die alte Ordnung: Für manche gemacht, für viele gegen sie
Unsere Gesellschaft war über Jahrhunderte so organisiert: Männer führten, Frauen unterstützten. Männer trafen die Entscheidungen, Frauen nickten sie ab – wenn überhaupt. Diese Ordnung wurde nicht gewählt, sie wurde tradiert, religiös verankert, gesetzlich abgesichert. Und sie hat Männern lange sehr gut gedient.
Bis der Feminismus kam. Und nein: Feminismus bedeutet nicht, dass Frauen über Männer herrschen. Er bedeutet, dass alle Menschen gleiche Rechte, Chancen und Freiheiten verdienen – unabhängig von Geschlecht oder Identität. Dass das für viele Männer bedrohlich wirkt, liegt nicht an echter Benachteiligung, sondern am Verlust von Privilegien, die man zuvor nie benennen musste.
Wenn ich mich also konservativ nenne und gleichzeitig betone, dass ich nur „Stabilität“ will, dann muss ich fragen: Stabilität für wen? Und auf wessen Kosten?
Warum Feminismus auch Männer befreit
Was viele Männer nicht sehen wollen (oder absichtlich überhören): Der Feminismus kämpft nicht nur für Frauen. Er kämpft auch für unsere Freiheit – für mich, für Dich, für uns als Männer.
Dank feministischer Kämpfe und Debatten darf ich heute:
– über meine Gefühle sprechen, ohne als schwach zu gelten
– Elternzeit nehmen, ohne gesellschaftlich entwertet zu werden
– Care-Arbeit leisten, ohne meine Männlichkeit zu verlieren
– queere Freund:innen haben, ohne meine Identität infrage zu stellen
– eine gleichberechtigte Beziehung führen, ohne Autoritätsverlust fürchten zu müssen
Feminismus sagt: Du darfst Mann sein – ohne dich über andere zu definieren. Ohne Dominanz, Härte oder Konkurrenzdruck. Du darfst Du sein. Und das ist die wahre Freiheit.
Die Angst vorm Verlust
Warum also hängen so viele Männer – auch jüngere – an konservativen Rollenbildern? Weil sie Angst haben. Die neue Welt verlangt Reflexion, Unsicherheit, Zuhören, Verlernen. Sie stellt Fragen statt einfacher Antworten. Und genau deshalb lockt der Konservatismus: Er bietet Klarheit, Hierarchien, „Natürlichkeit“. Du musst nicht diskutieren, wenn Du einfach sagen kannst: „Das war schon immer so.“
Aber ich sage: Nur weil es lange so war, war es nicht richtig. Die männliche Dominanz war nie ein Naturgesetz – sie war Macht in Reinform. Und ja, es kostet Mut, das zu hinterfragen. Aber es ist ehrlicher, als sich hinter Nostalgie zu verstecken.
Alte Modelle, neue Verpackung
Viele konservative Männer geben sich heute modern. Sie sagen Dinge wie: „Ich bin nicht gegen Gleichberechtigung, nur gegen Quoten.“ Oder: „Gendern geht mir zu weit.“ Oder: „Ich liebe meine Frau, aber Männer dürfen ruhig wieder mehr Mann sein.“
Klingt harmlos – ist es aber nicht. Denn oft wird damit versucht, alte Machtansprüche im zeitgemäßen Vokabular zu verteidigen. Konservatismus im 21. Jahrhundert ist oft ein Tarnanzug: höflich, gesellschaftsfähig, anschlussbereit. Aber im Kern geht es oft immer noch darum, nicht loslassen zu müssen.
Für wen funktioniert das?
Ganz pragmatisch: Konservativ zu sein kann für Männer profitabel sein – solange sie oben stehen wollen und bereit sind, diesen Platz zu verteidigen. Für alle anderen ist es eher ein goldener Käfig.
– Männer, die nicht „stark“ oder „führungsstark“ sein wollen, passen nicht ins Raster
– Männer, die queere oder feministische Positionen einnehmen, gelten als „weich“
– Männer, die ihre Privilegien hinterfragen, müssen mit Ausschluss rechnen
Das konservative Modell funktioniert nur, wenn man mitspielt – und wenn man bereit ist, den Preis der anderen zu ignorieren.
Fazit: Männlich, konservativ – und bequem. Aber zu welchem Preis?
Ich glaube: Ja, konservativ zu sein kann für Männer bequem sein. Wenn Du oben stehst. Und dort bleiben willst. Und kein Problem damit hast, dass andere nicht mitkommen.
Aber ich will nicht auf Kosten anderer leben. Und ich will nicht in einem Weltbild gefangen sein, das mich auf „Funktionieren“ reduziert. Der Feminismus – der oft so dämonisiert wird – bietet mir mehr: mehr Freiheit, mehr Menschlichkeit, mehr Möglichkeiten.
Denn echte Stärke entsteht nicht durch Macht, sondern durch Mitgefühl. Und echte Männlichkeit zeigt sich nicht im Bewahren alter Ordnungen, sondern im Mut, neue Wege zu gehen.