Einleitung
Wenn ich in Kassel unterwegs bin, stolpere ich ständig über die Brüder Grimm. Sie sind hier allgegenwärtig: in Straßennamen, Museen, Tourismusbroschüren, und natürlich auch auf dem Weihnachtsmarkt. Alles scheint irgendwie mit Grimm oder Märchen verbunden zu sein. Das wirkt auf den ersten Blick harmlos, fast romantisch. Doch wenn ich genauer hinschaue, entdecke ich Abgründe, die kaum jemand anspricht.
Gestern stand ich an der Haltestelle neben dem Weihnachtsmarkt und wartete auf meine Bahn. Neben mir wurde eine Bude aufgebaut – eine Bar in Form einer riesigen Weihnachtspyramiden-Windmühle. Auf den Schildern prangten die üblichen Getränke: Glühwein, Glüh-Gin. Und dann: Lumumba.
Vielleicht kennst Du das Getränk: heiße Schokolade mit Rum oder einem anderen „Schuss“. Aber weißt Du auch, woher der Name kommt? Patrice Lumumba war der erste Premierminister des unabhängigen Kongo. Er wurde 1961 brutal ermordet – ein Opfer kolonialer Machtinteressen. Dass man heute einen Schokoladen-Alkohol-Trunk nach ihm benennt, empfinde ich als rassistisch. Es ist eine Verharmlosung seines Schicksals und eine Fortsetzung kolonialer Denkmuster im Alltag.
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Lumumba als Getränk: Rassismus im Alltag
– Historischer Kontext: Patrice Lumumba war eine zentrale Figur der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegung. Sein Name steht für Widerstand gegen Kolonialismus und für den Traum von einem souveränen Kongo.
– Die Umbenennung zum Getränk: In Deutschland tauchte der Begriff „Lumumba“ für Kakao mit Rum in den 1960er Jahren auf – genau in der Zeit seines Todes. Der Name wurde zum „exotischen“ Etikett für ein Partygetränk.
– Das Problem: Wenn ein Freiheitskämpfer, der für seine Überzeugungen ermordet wurde, zum Synonym für ein Spaßgetränk wird, ist das respektlos. Es blendet koloniale Gewalt aus und macht sie konsumierbar.
Ich frage mich: Warum akzeptieren wir solche Namen noch immer? Warum wird das nicht kritisch diskutiert? Gerade auf einem Weihnachtsmarkt, der doch angeblich für Gemeinschaft und Wärme steht, wirkt es wie ein Schlag ins Gesicht.
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Die Brüder Grimm: Märchen und Nationalismus
Während ich über den Lumumba stolperte, kam mir ein anderer Gedanke: Was hätten die Brüder Grimm wohl zu Rassismus gesagt?
Die Antwort ist ernüchternd. Die Grimms waren keine neutralen Märchensammler. Sie waren Hardcore-Nationalisten. Ihre Arbeit war geprägt von der Idee, dass Sprache und Märchen den „Volksgeist“ einer Nation ausdrücken. Für sie war „Deutschsein“ nicht nur eine Sprache, sondern eine politische Haltung.
– Ablehnung von Fremdherrschaft: Die Grimms lehnten Napoleon und die französische Besatzung ab. Sie vertraten die Ansicht, dass man fremde Herrscher nur akzeptieren solle, wenn diese Deutsch sprächen.
– Nationalistische Wissenschaft: Ihr berühmtes „Deutsches Wörterbuch“ war nicht nur ein linguistisches Projekt, sondern auch ein politisches. Es sollte die deutsche Sprache als Fundament einer Nation festschreiben.
– Ambivalenz: Manche Historiker:innen betonen, dass die Grimms auch europäische Perspektiven hatten. Aber ihr Kernanliegen war klar: die kulturelle Einheit Deutschlands.
Das bedeutet: Wenn Kassel heute seine Identität über die Grimms inszeniert, dann feiert es nicht nur Märchen, sondern auch Nationalismus.
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Kassel und die Märchen-Industrie
In Kassel und Umgebung wird die Grimm-Marke intensiv genutzt:
– Tourismus: Märchenrouten, Museen, Festivals.
– Kultur: Theaterstücke, Ausstellungen, Stadtführungen.
– Heimat: Die Grimms gelten als Symbol für Kasseler Identität.
Doch was dabei fast nie thematisiert wird: Die politische Haltung der Grimms. Sie werden als „harmlos märchenhafte“ Figuren inszeniert, während ihre nationalistische Agenda ausgeblendet bleibt.
Ich finde das bedenklich. Denn Identität und Heimat sind keine neutralen Begriffe. Sie sind politisch. Wenn wir Kassel über die Grimms definieren, ohne ihre problematischen Seiten zu reflektieren, dann reproduzieren wir ein einseitiges Bild.
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Warum das wichtig ist
Vielleicht fragst Du Dich: Warum regt mich das so auf? Ist es nicht übertrieben, einen Weihnachtsmarkt oder ein paar Märchen so kritisch zu sehen?
Ich sage: Nein. Denn Kultur ist nie neutral.
– Sprache formt Denken: Wenn wir rassistische Begriffe wie „Lumumba“ für Getränke normalisieren, prägt das unser Bewusstsein.
– Geschichte wird erzählt: Wenn wir die Grimms feiern, ohne ihre Nationalismen zu erwähnen, schreiben wir Geschichte um.
– Identität wird konstruiert: Wenn Kassel seine „Heimat“ über die Grimms inszeniert, dann ist das eine politische Entscheidung.
Und genau deshalb müssen wir hinschauen.
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Persönliche Erfahrung
Als Mann, der seit Jahren in Kassel lebt und arbeitet, spüre ich diese Widersprüche besonders stark. Ich bin Teil der Szene, kenne die DIY-Kultur, die antifaschistische Bewegung, die kreativen Räume. Für mich ist Kassel nicht nur eine Stadt, sondern ein Ort des Widerstands und der Solidarität.
Wenn ich dann sehe, wie auf dem Weihnachtsmarkt koloniale Begriffe und nationalistische Märchen unkritisch vermarktet werden, fühle ich mich ausgeschlossen. Es ist, als ob meine Werte – Veganismus, Antifaschismus, Solidarität – unsichtbar gemacht werden.
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Was wir tun können
Ich glaube, wir müssen anfangen, diese Themen offen zu diskutieren.
– Sprache ändern: Statt „Lumumba“ einfach „Heiße Schokolade mit Rum“ sagen.
– Geschichte reflektieren: Die Grimms nicht nur als Märchensammler feiern, sondern auch ihre politischen Haltungen thematisieren.
– Kultur kritisch nutzen: Kassel kann seine Identität über Vielfalt und Solidarität definieren, nicht über Nationalismus.
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Ein Appell an Dich
Wenn Du das nächste Mal über den Weihnachtsmarkt gehst, schau genauer hin. Frag Dich: Welche Namen, welche Symbole, welche Geschichten werden hier erzählt? Und was bedeutet das für Dich, für uns, für Kassel?
Wir können Kultur nicht einfach konsumieren, als wäre sie neutral. Wir müssen sie kritisch hinterfragen. Denn nur so schaffen wir Räume, in denen alle Menschen respektiert werden – unabhängig von Herkunft, Sprache oder Lebensweise.
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Schlusswort
Für mich ist Kassel mehr als Glühwein und Märchen. Es ist ein Ort, an dem wir kämpfen müssen: gegen Rassismus, gegen Nationalismus, gegen Ausgrenzung. Der Weihnachtsmarkt ist dabei kein harmloses Spektakel, sondern ein Spiegel unserer Gesellschaft.
Wenn wir Begriffe wie „Lumumba“ akzeptieren und die Grimms unkritisch feiern, dann machen wir uns mitschuldig an der Fortsetzung kolonialer und nationalistischer Narrative.
Ich will das nicht hinnehmen. Und ich lade Dich ein, es auch nicht hinzunehmen.