„Veganer nerven!“ – Warum dieser Satz mehr über die Sprecher:innen verrät als über mich

Es passiert immer wieder: Ich scrolle durch soziale Medien, und plötzlich springt mir ein Beitrag entgegen, der aus genau zwei hingeworfenen Wörtern besteht – „Veganer nerven!“. Keine Begründung, keine Argumente, keine Daten, keine Fakten. Nur ein pauschaler Rundumschlag, der so leer ist wie ein Luftballon nach der Party.


Und jedes Mal frage ich mich: Was soll das eigentlich? Was wollen Menschen damit erreichen? Und warum triggert sie ausgerechnet eine Lebensweise, die darauf basiert, Leid zu vermeiden?

In diesem Artikel möchte ich darüber sprechen, was hinter solchen Aussagen steckt, warum Veganismus so oft als Provokation empfunden wird – selbst wenn ich einfach nur mein Ding mache – und wie ich persönlich damit umgehe.


Veganismus ist keine Stilfrage – es ist moralische Verantwortung

Ich sage es direkt: Veganismus ist für mich kein Lifestyle. Kein Trend. Keine ästhetische Entscheidung.

Veganismus ist eine moralische Haltung. 
Eine Entscheidung, die auf einem einfachen Prinzip basiert: Wenn ich vermeiden kann, fühlenden Wesen Schaden zuzufügen, dann tue ich das.

Das ist kein „Ich mag halt Sojamilch lieber“-Moment. Das ist eine ethische Konsequenz aus dem Wissen, dass Tiere Schmerz empfinden, soziale Beziehungen haben und nicht sterben wollen.

Und genau deshalb wird Veganismus so oft als Angriff empfunden – nicht, weil ich jemanden belehren würde, sondern weil meine Existenz als vegan lebender Mensch eine moralische Frage aufwirft, die viele lieber nicht stellen möchten.


Warum Menschen „Veganer nerven“ sagen – ohne je mit einem gesprochen zu haben

Wenn jemand „Veganer nerven“ ruft, dann ist das selten eine Reaktion auf tatsächliches Verhalten. Die meisten Veganer:innen, mich eingeschlossen, laufen nicht durch die Welt und halten Vorträge. Ich esse einfach mein Essen, treffe meine Entscheidungen und lebe mein Leben.

Was Menschen nervt, ist nicht mein Verhalten, sondern das, was sie in mir sehen:

1. Ein Spiegel, den sie nicht wollen
Veganismus erinnert daran, dass Konsum moralische Konsequenzen hat. 
Das erzeugt kognitive Dissonanz – ein unangenehmes Spannungsgefühl zwischen dem eigenen Handeln und dem eigenen moralischen Anspruch.

Statt sich damit auseinanderzusetzen, wird der Spiegel beschimpft.

2. Die Angst, etwas ändern zu müssen
Wenn ich zeige, dass ein Leben ohne Tierprodukte möglich ist, dann fällt das Argument „Geht halt nicht anders“ weg. 
Das ist unbequem.

3. Das Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit
„Veganer nerven“ ist ein sozialer Marker. 
Ein Signal an die eigene Gruppe: 
„Ich bin einer von euch. Ich gehöre zu den Normalen.“

Es ist ein Stammtischsatz, der Zusammenhalt erzeugen soll – auf Kosten anderer.

4. Projektionen und Klischees
Viele Menschen haben nie bewusst mit Veganer:innen gesprochen, aber sie kennen die Klischees: 
missionarisch, extrem, dogmatisch. 
Diese Bilder stammen aus Medien, Memes und Anekdoten – nicht aus der Realität.


Warum die bloße Existenz von Veganismus als Provokation gilt

Ich habe oft erlebt, dass Menschen sich angegriffen fühlen, obwohl ich gar nichts gesagt habe. Ich bestelle einfach ein veganes Gericht, und plötzlich rechtfertigen sie ihren Fleischkonsum – ungefragt.

Das zeigt: 
Es geht nicht um mich. 
Es geht um das, was meine Entscheidung in ihnen auslöst.

Veganismus ist eine moralische Position. 
Und moralische Positionen haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie andere dazu bringen, über ihre eigenen Werte nachzudenken.

Viele wollen das nicht. 
Also wird die moralische Frage in eine Geschmacksfrage umgedeutet: 
„Veganismus ist nur ein Lifestyle.“

Damit wird die ethische Dimension entwertet – und man muss sich nicht mehr damit auseinandersetzen.


Warum solche Aussagen nichts mit echter Kritik zu tun haben

„Veganer nerven“ ist kein Argument. 
Es ist ein Gefühl, das als Fakt verkauft wird.

Es ist ein Versuch, eine Gruppe zu delegitimieren, ohne sich mit deren Position auseinanderzusetzen. 
Es ist eine Abwehrreaktion, kein Diskursbeitrag.

Und es ist ein bequemes Ventil: 
Man kann Frust ablassen, ohne Verantwortung zu übernehmen.


Wie ich persönlich damit umgehe

Ich habe verschiedene Phasen durchlaufen. 
Früher habe ich versucht, zu erklären, zu argumentieren, zu vermitteln. 
Ich dachte, wenn ich nur ruhig und sachlich bleibe, dann verstehen Menschen irgendwann, worum es geht.

Aber irgendwann habe ich gemerkt: 
Manche wollen gar nichts verstehen. 
Sie wollen nur Dampf ablassen oder sich selbst bestätigen.

Heute gehe ich anders damit um.

1. Blockieren ist Selbstfürsorge
Ich blockiere solche Leute konsequent. 
Nicht aus Trotz, sondern aus Selbstschutz. 
Ich muss meine Energie nicht an Menschen verschwenden, die nicht diskutieren wollen.

2. Ich nehme es nicht persönlich
Diese Aussagen richten sich gegen ein Feindbild, nicht gegen mich als Person. 
Das macht es leichter, Abstand zu halten.

3. Ich erkenne die Mechanismen dahinter
Wenn ich verstehe, warum jemand so reagiert, verliert die Aussage ihre Macht. 
Sie wird durchschaubar – und damit harmloser.

4. Ich bleibe bei meinen Werten
Ich lebe vegan, weil ich Verantwortung übernehmen will. 
Nicht, weil es bequem ist. 
Nicht, weil es trendy ist. 
Sondern weil es richtig ist.

Und das lasse ich mir nicht von einem Zwei-Wort-Kommentar kaputtmachen.


Warum ich trotzdem darüber schreibe

Weil solche Aussagen nicht nur mich betreffen. 
Sie betreffen alle, die versuchen, ethisch zu handeln – egal in welchem Bereich.

„Veganer nerven“ ist nur ein Beispiel für ein größeres Muster: 
Menschen, die Verantwortung übernehmen, werden oft lächerlich gemacht, um die eigene Verantwortungslosigkeit zu kaschieren.

Das gilt für Klimaaktivismus, Feminismus, Antirassismus – überall dort, wo moralische Fragen unbequem werden.


Mein Fazit

Wenn jemand „Veganer nerven“ sagt, dann sagt er eigentlich: 
„Ich möchte mich nicht mit moralischer Verantwortung beschäftigen.“

Das ist sein gutes Recht. 
Aber es ist nicht mein Problem.

Ich lebe vegan, weil ich Leid vermeiden will. 
Weil ich Verantwortung übernehmen will. 
Weil ich nicht wegschauen will.

Und wenn das jemanden nervt, dann ist das ein Hinweis darauf, dass ich etwas richtig mache – nicht falsch.

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