Es gibt Debatten, die wirken auf den ersten Blick banal. Eine davon ist die über den „zu hohen Krankenstand“. Politiker:innen werfen Zahlen in den Raum, Arbeitgeberverbände nicken zustimmend, Medien greifen die Schlagzeilen auf – und plötzlich entsteht der Eindruck, als sei etwas Grundlegendes aus dem Ruder gelaufen. Als würden wir alle kollektiv weniger arbeiten wollen. Als sei Krankheit ein Zeichen von Schwäche oder mangelnder Moral.
Ich sitze dann oft da, lese diese Kommentare und frage mich: Wie konnte ein so alltägliches, menschliches Phänomen wie Krankheit zu einem politischen Kampfbegriff werden? Und warum wird ausgerechnet jetzt so heftig darüber gestritten?
In diesem Artikel möchte ich Dich mitnehmen in meine Gedankenwelt. Nicht als neutraler Beobachter, sondern als jemand, der sich seit Jahren mit gesellschaftlichen Narrativen, wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit und der Psychologie öffentlicher Debatten beschäftigt. Und als jemand, der selbst erlebt, wie schnell Menschen, die sich für faire Arbeitsbedingungen einsetzen, in die Ecke gestellt werden.
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Der Krankenstand als politisches Symbol
Wenn Friedrich Merz den Krankenstand kritisiert, dann geht es nicht um Zahlen. Es geht um ein Narrativ. Ein Gefühl. Eine Botschaft, die zwischen den Zeilen mitschwingt:
„Die Leute wollen nicht mehr arbeiten.“
Das ist kein Zufall. Es ist ein kulturelles Muster. Ein uraltes.
Immer wenn gesellschaftliche Systeme unter Druck geraten – wirtschaftlich, sozial, politisch – wird die Verantwortung nach unten delegiert. Auf die Einzelnen. Auf die Beschäftigten. Auf diejenigen, die ohnehin wenig Macht haben.
Und plötzlich wird Krankheit nicht mehr als biologisches oder psychologisches Ereignis verstanden, sondern als moralische Frage. Als Charaktertest. Als Indikator für Fleiß oder Faulheit.
Dabei ist der Krankenstand in Deutschland nicht deshalb gestiegen, weil Menschen plötzlich weniger Lust auf Arbeit hätten. Die Datenlage ist eindeutig:
– Ein Großteil des Anstiegs ist ein statistischer Effekt durch die elektronische AU.
– Infektionswellen haben die Fehltage erhöht.
– Arbeitsbedingungen in vielen Branchen sind seit Jahren am Limit.
– Psychische Erkrankungen nehmen zu – und das nicht ohne Grund.
Aber diese Fakten passen nicht in das gewünschte Narrativ. Denn sie würden bedeuten, dass wir über Strukturen reden müssten. Über Verantwortung von Arbeitgeber:innen. Über politische Versäumnisse. Über Arbeitsverdichtung, Personalmangel, schlechte Führungskultur.
Und das ist unbequem.
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Die stille Diskreditierung wissenschaftlicher Arbeit
Was mich an der Debatte besonders irritiert:
Medizin ist wissenschaftliche Arbeit.
Und trotzdem wird sie in dieser Diskussion so behandelt, als sei sie eine Art Gefälligkeitsdienst.
Wenn man behauptet, der Krankenstand sei „zu hoch“, dann impliziert man automatisch:
– Ärzt:innen würden zu leichtfertig krankschreiben.
– Diagnosen seien nicht zuverlässig.
– Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen seien verdächtig.
Das ist eine subtile, aber massive Abwertung medizinischer Expertise.
Und sie passt in ein größeres gesellschaftliches Muster:
Wissenschaft wird zunehmend diskreditiert, wenn sie politisch nicht passt.
Wir haben das in der Pandemie gesehen.
Wir sehen es in der Klimadebatte.
Wir sehen es in Diskussionen über Ernährung, Migration, Energie, Bildung.
Und jetzt eben auch beim Krankenstand.
Dabei ist die Logik eigentlich glasklar:
Wenn der Krankenstand „zu hoch“ wäre, dann wären Ärzt:innen entweder inkompetent oder korrupt.
Aber niemand traut sich, das offen zu sagen.
Also wird die Kritik verschoben – weg von der Wissenschaft, hin zu den Beschäftigten.
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Warum die Kritik nicht die Medizin trifft – sondern die Menschen
Ich glaube, der entscheidende Punkt ist ein anderer:
Die Debatte richtet sich nicht gegen Ärzt:innen.
Sie richtet sich gegen uns. Gegen Dich und mich. Gegen alle, die arbeiten.
Denn die Botschaft lautet:
„Du bist zu oft krank.“
„Du bist nicht belastbar genug.“
„Du musst Dich mehr zusammenreißen.“
Das ist ein Angriff auf die Würde.
Auf die Realität menschlicher Körper.
Auf die Tatsache, dass wir keine Maschinen sind.
Und es ist ein Versuch, die Normen zu verschieben:
– Krankheit soll wieder verdächtig wirken.
– Arbeitsunfähigkeit soll wieder rechtfertigungspflichtig werden.
– Die Verantwortung für Gesundheit soll individualisiert werden.
Das ist gefährlich.
Denn es öffnet die Tür für eine Kultur, in der Menschen krank zur Arbeit gehen – aus Angst, aus Druck, aus Scham.
Und das macht nicht nur die Betroffenen kaputt, sondern auch Betriebe und Gesellschaft.
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Die wahren Gründe für den hohen Krankenstand
Ich möchte Dir die wichtigsten Faktoren einmal klar und ohne politische Verzerrung auflisten.
a) Der eAU-Effekt: Mehr Meldungen, nicht mehr Krankheit
Seit 2022 werden Krankschreibungen digital übermittelt.
Früher gingen viele schlicht verloren oder wurden nicht eingereicht.
Jetzt werden sie automatisch erfasst.
Das führt zu einem statistischen Anstieg, der nichts mit realer Krankheit zu tun hat.
b) Infektionswellen
Corona ist nicht weg.
RSV ist nicht weg.
Grippe ist nicht weg.
Erkältungswellen sind stärker als vor der Pandemie.
Das ist normal.
Das ist Biologie.
Das ist keine Frage der Arbeitsmoral.
c) Arbeitsverdichtung und Personalmangel
Viele Branchen arbeiten seit Jahren am Limit:
– Pflege
– Logistik
– Produktion
– Einzelhandel
– Bildung
– Gesundheitssystem selbst
Wenn Du ständig am Anschlag bist, wirst Du häufiger krank.
Das ist kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Problem.
d) Psychische Belastungen
Depressionen, Angststörungen, Erschöpfung – all das nimmt zu.
Nicht, weil Menschen „weicher“ geworden wären.
Sondern weil die Anforderungen steigen, während die Ressourcen sinken.
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Warum diese Debatte mich persönlich wütend macht
Ich bin ein Mann, der sich seit Jahren mit gesellschaftlichen Machtstrukturen auseinandersetzt.
Ich bin jemand, der sich für faire Arbeitsbedingungen einsetzt.
Ich bin jemand, der erlebt hat, wie schnell Menschen, die sich für ihre Rechte einsetzen, als „faul“, „überempfindlich“ oder „arbeitsunwillig“ abgestempelt werden.
Und ich sehe in dieser Debatte genau diese Mechanismen wieder.
Wenn Politiker:innen den Krankenstand kritisieren, dann meinen sie nicht die Statistik.
Sie meinen Menschen wie Dich und mich.
Sie meinen Beschäftigte, die morgens mit Halsschmerzen aufwachen und sich fragen, ob sie heute wirklich zu Hause bleiben dürfen.
Sie meinen Kolleg:innen, die seit Monaten Überstunden schieben und irgendwann zusammenklappen.
Sie meinen Menschen, die psychisch am Limit sind, aber trotzdem funktionieren sollen.
Diese Debatte ist ein Angriff auf die Realität unserer Körper.
Auf die Grenzen unserer Belastbarkeit.
Auf die Würde unserer Arbeit.
Und deshalb macht sie mich wütend.
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Was wir stattdessen diskutieren sollten
Wenn wir ehrlich wären, müssten wir über ganz andere Dinge reden:
a) Wie schaffen wir Arbeitsbedingungen, die Menschen gesund halten?
– Weniger Arbeitsverdichtung
– Mehr Personal
– Bessere Führung
– Realistische Zielvorgaben
– Prävention statt Reaktion
b) Wie stärken wir die medizinische Versorgung?
– Mehr Zeit für Diagnostik
– Weniger Bürokratie
– Bessere Finanzierung
– Wertschätzung für medizinische Expertise
c) Wie entstigmatisieren wir Krankheit?
– Krankheit ist kein moralisches Versagen
– Arbeitsunfähigkeit ist kein Verdacht
– Gesundheit ist ein Menschenrecht
d) Wie schützen wir Beschäftigte vor politischer Stimmungsmache?
Indem wir uns nicht gegeneinander ausspielen lassen.
Indem wir solidarisch bleiben.
Indem wir Fakten gegen Narrative stellen.
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Ein persönliches Schlusswort
Ich schreibe diesen Artikel nicht, weil ich Lust auf eine politische Debatte habe.
Ich schreibe ihn, weil ich es satt habe, wie Menschen behandelt werden, die einfach nur versuchen, gesund zu bleiben.
Ich schreibe ihn, weil ich sehe, wie gefährlich diese Rhetorik ist.
Ich schreibe ihn, weil ich glaube, dass wir eine andere Kultur brauchen – eine Kultur der Fürsorge, nicht des Misstrauens.
Und ich schreibe ihn, weil ich möchte, dass Du weißt:
Du bist nicht das Problem.
Deine Krankheit ist nicht das Problem.
Das Problem ist ein System, das Menschen krank macht – und ihnen dann die Schuld dafür gibt.