Warum der „Linksruck“ ein Mythos ist – und warum die Realität genau andersherum aussieht

Es gibt politische Erzählungen, die sind so oft wiederholt worden, dass sie irgendwann wie Wahrheit klingen. Eine davon ist die Behauptung, die CDU/CSU — also die Union — sei „nicht mehr konservativ“, habe einen „Linksruck“ hingelegt und damit den Aufstieg der AfD erst möglich gemacht. 

Ich lese das ständig: in Kommentarspalten, in Talkshows, in rechten Medienblasen. 
Und jedes Mal denke ich: Das stimmt nicht. Und es war nie richtig.

Je länger ich mich damit beschäftige, desto klarer wird mir: 
Der angebliche Linksruck ist ein politisches Framing — und ein Paradebeispiel für Projektion.


Was die Union früher war: konservativ, aber nicht menschenfeindlich

Wenn ich an die Union der 1990er und frühen 2000er denke, dann denke ich an:

– christlich‑soziale Werte 
– konservative Familienpolitik 
– ordnungspolitische Wirtschaftspolitik 
– eine eher strenge, aber nicht entmenschlichende Migrationspolitik 
– Betonung von Tradition, Stabilität und gesellschaftlichem Zusammenhalt 

Das war konservativ — aber nicht radikal. 
Nicht abwertend. 
Nicht spalterisch. 
Nicht autoritär.

Und genau deshalb konnte ich persönlich mit konservativen Menschen immer diskutieren, Kompromisse finden, Positionen respektieren. 
Konservativ war eine Haltung, kein Angriff.


Merkel und der angebliche „Linksruck“

Der Mythos vom Linksruck wird fast immer an Angela Merkel festgemacht. 
Aber was hat Merkel eigentlich getan?

– Sie hat migrationspolitisch pragmatisch gehandelt, nicht ideologisch. 
– Sie hat eine humanitäre Krise gemanagt, nicht eine linke Vision umgesetzt. 
– Sie hat europäisch gedacht, nicht nationalistisch. 

Das war kein Linksruck. 
Das war Regierungsverantwortung.

Und: 
Unter Merkel hat die CDU keine einzige klassische linke Kernforderung übernommen. 
Keine Vermögenssteuer. 
Keine linke Sozialpolitik. 
Keine linke Wirtschaftspolitik. 
Keine linke Außenpolitik.

Der „Linksruck“ ist ein Mythos, der durch Wiederholung zur gefühlten Wahrheit wurde.


Was die Union heute macht – und warum das kein Linksruck ist

Wenn ich mir die Union heute anschaue, sehe ich etwas ganz anderes:

– Friedrich Merz spricht von „kleinen Paschas“. 
– Die Union fordert härtere Abschiebungen. 
– Bayern baut ein Abschiebezentrum. 
– Die Union verschärft migrationspolitische Rhetorik. 
– Es wird über „Stadtbilder“ gesprochen, wenn Migration gemeint ist. 

Das ist kein Linksruck. 
Das ist ein Rechtsruck — und zwar ein deutlicher.

Die Union bewegt sich rhetorisch und inhaltlich in Richtung AfD, nicht in Richtung SPD oder Grüne.


Und die SPD? Die ist heute konservativer als früher.

Das ist der Teil, den viele komplett übersehen.

Die SPD — die klassische Arbeiterpartei — diskutiert heute:

– Arbeitszeiterhöhungen 
– Flexibilisierung von Arbeitszeiten 
– wirtschaftsfreundliche Reformen 
– Positionen, die früher als „neoliberal“ gegolten hätten 
– eine deutlich härtere Linie in Sicherheits- und Ordnungspolitik 

Das ist kein Linksruck. 
Das ist ein Rechtsruck der Mitte.

Wenn die SPD konservativer wird und die Union nach rechts driftet, dann kann man nicht ernsthaft behaupten, die politische Landschaft sei „nach links gerutscht“.

Das Gegenteil ist der Fall.


Warum trotzdem ständig vom „Linksruck“ gesprochen wird

Weil es politisch nützlich ist.

Der „Linksruck“-Vorwurf erfüllt mehrere Funktionen:

– Er entlastet die Union von Verantwortung. 
– Er legitimiert die Existenz der AfD („Wir mussten ja!“). 
– Er verschiebt das politische Koordinatensystem nach rechts. 
– Er relativiert eigene radikale Positionen („Wir sind doch nur die Mitte!“). 
– Er erzeugt ein Feindbild („Die da links haben uns verraten!“). 

Kurz: 
Der Linksruck ist ein Narrativ, kein Befund.


Und von wem kommt dieses Narrativ?

Von rechts. 
Und zwar fast ausschließlich.

– AfD 
– rechtskonservative Influencer 
– rechtspopulistische Medien 
– Teile der WerteUnion 
– rechte Kommentarspalten 

Es ist ein strategisches Framing: 
Wenn man behauptet, die CDU sei „links“, dann wirkt die eigene rechte Position automatisch „normal“.

Das ist politisches Marketing, kein analytischer Befund.


Projektion: Warum der Vorwurf so gut funktioniert

Hier kommt der psychologische Teil, der das Ganze erst richtig verständlich macht.

Projektion bedeutet: 
Man wirft anderen das vor, was man selbst tut oder fürchtet.

Und genau das passiert hier.

Diejenigen, die am lautesten „Linksruck!“ rufen, sind oft:

– selbst nach rechts gerückt 
– selbst radikaler geworden 
– selbst menschenfeindlicher in der Sprache 
– selbst autoritärer in ihren Forderungen 

Wenn man sich selbst nach rechts bewegt, wirkt die Mitte plötzlich „links“. 
Das ist kein politischer Befund — das ist ein Wahrnehmungseffekt.

Und wenn man diesen Effekt politisch nutzt, wird daraus ein Narrativ.


Was wirklich passiert ist

Wenn ich es auf einen Satz herunterbrechen müsste:

Die Union ist nicht nach links gerutscht. Die politische Rechte ist nach rechts gerutscht — und nennt alles links, was nicht mitzieht.

Das erklärt:

– warum die AfD so stark wurde 
– warum die Union rhetorisch nach rechts driftet 
– warum die SPD heute konservativer klingt als früher 
– warum der „Linksruck“-Vorwurf so laut ist 
– warum die politische Mitte verzerrt wahrgenommen wird 

Es ist nicht die Union, die sich verändert hat. 
Es ist das politische Koordinatensystem, das verschoben wurde — durch die AfD, durch rechte Diskurse, durch Polarisierung.


Schlussgedanke

Wenn Du das nächste Mal hörst, jemand behaupte, die Union sei „links geworden“, dann erinnere Dich daran:

– Es stimmt nicht. 
– Es ist politisch motiviert. 
– Es ist ein rhetorisches Werkzeug. 
– Es ist ein Fall von Projektion. 
– Und es kommt — wie so oft — aus der Ecke, die selbst am weitesten gerückt ist.

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