Warum der Löwenvergleich im Veganismus keine Argumentation ist – sondern ein psychologischer Reflex

Es gibt Sätze, die mir im Laufe der Jahre so oft begegnet sind, dass sie fast schon wie ein Meme wirken. Einer davon lautet: 

„Dann verbiete doch auch Löwen das Fleisch!“ 

Wenn Du vegan lebst oder Dich überhaupt kritisch mit Tierethik beschäftigst, hast Du diesen Satz vermutlich auch schon gehört. Und wenn Du wie ich männlich bist und seit Jahren mit solchen Diskussionen konfrontiert wirst, dann weißt Du: Dieser Satz ist kein Argument. Er ist ein Ausweichmanöver. Ein Reflex. Ein Versuch, Verantwortung zu verschieben.

Ich möchte in diesem Artikel nicht nur erklären, warum der Vergleich zwischen Mensch und Löwe sachlich falsch ist. Ich möchte auch zeigen, warum Menschen überhaupt zu solchen Vergleichen greifen – und was das über unsere Gesellschaft, unsere Moral und unsere eigenen Abwehrmechanismen verrät.


Der Löwe als rhetorischer Schutzschild

Wenn jemand sagt: „Dann verbiete doch auch Löwen das Fleisch!“, dann geht es selten um Löwen. Es geht um die Person selbst. 

Veganismus konfrontiert Menschen mit einer unbequemen Wahrheit: 
Wir könnten anders handeln – tun es aber nicht.

Das erzeugt kognitive Dissonanz. Und diese Spannung will niemand spüren. Also wird ein rhetorischer Trick genutzt: Man vergleicht sich mit einem Tier, das keine moralische Verantwortung trägt, keine Alternativen hat und nicht in menschlichen Strukturen lebt.

Der Löwe ist in diesem Moment ein Schutzschild. 
Ein Weg, die eigene Verantwortung abzuwehren.


Warum der Vergleich biologisch unsinnig ist

Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft ich erklären musste, dass Löwen obligate Carnivore sind. Sie müssen Fleisch essen. Ihr Körper ist darauf ausgelegt. Ihr Verdauungssystem, ihre Zähne, ihre Magensäure, ihr gesamtes Verhalten – alles ist darauf optimiert, Beutetiere zu jagen und zu fressen.

Der Mensch hingegen ist ein fakultativer Omnivore. 
Wir können tierische Produkte essen, aber wir müssen es nicht.

Und wenn ich mir anschaue, wie abhängig wir von Feuer, Werkzeugen, Kühlung, Gewürzen und Verarbeitung sind, um Fleisch überhaupt genießbar zu machen, dann frage ich mich manchmal, ob wir nicht eher Pflanzenesser sind, die gelernt haben, Fleisch irgendwie „brauchbar“ zu machen.

Wenn jemand also sagt: „Löwen essen Fleisch, also darf ich das auch“, dann ist das so, als würde jemand sagen: 
„Löwen schlafen 20 Stunden am Tag, also ist das für mich auch okay.“ 

Es ist schlicht nicht vergleichbar.


Der naturalistische Fehlschluss: Nur weil etwas natürlich ist, ist es nicht moralisch

Viele Menschen verwechseln „natürlich“ mit „gut“ oder „richtig“. 
Das ist ein Denkfehler, der in der Philosophie einen Namen hat: 
der naturalistische Fehlschluss.

Nur weil etwas in der Natur vorkommt, heißt das nicht, dass wir es moralisch übernehmen sollten.

Löwen:

– töten Rivalenbabys 
– vergewaltigen 
– fressen ihre Beute bei lebendigem Leib 
– markieren ihr Revier mit Urin 
– würden uns ohne Zögern zerreißen 

Niemand würde sagen: „Das ist natürlich, also sollten wir das auch tun.“ 
Warum also ausgerechnet beim Fleischessen?


Der Löwe jagt – der Mensch kauft

Ein weiterer Punkt, der in solchen Diskussionen gerne ignoriert wird: 
Löwen jagen. Sie töten selbst. Sie tragen die Konsequenzen ihres Handelns.

Menschen hingegen kaufen abgepackte Tierkörperteile im Supermarkt. 
Wir outsourcen das Töten an eine Industrie, die wir nicht sehen wollen.

Ein Löwe würde niemals:

– ein Tier in Massentierhaltung einsperren 
– es künstlich befruchten 
– ihm die Kinder wegnehmen 
– es mit Medikamenten vollpumpen 
– es in einem Schlachthof töten lassen 

Löwen essen, was sie selbst erbeuten – oder Aas. 
Und ja, sie werden vom Geruch angezogen. 

Wenn wir uns also mit Löwen vergleichen wollen, dann müssten wir konsequenterweise:

– selbst jagen 
– ohne Waffen 
– ohne Feuer 
– ohne Kühlung 
– ohne Messer 
– ohne Supermarkt 

Ich kenne keinen Menschen, der das ernsthaft möchte.


Warum Menschen trotzdem solche Vergleiche ziehen

Das ist der spannendste Teil. 
Denn die Frage ist nicht: „Warum ist der Vergleich falsch?“ 
Sondern: „Warum wird er überhaupt gemacht?“

Ich habe im Laufe der Jahre ein paar Muster erkannt.

a) Identitätsschutz
Essen ist Identität. 
Wenn ich sage: „Du könntest anders essen“, hören viele: „Du bist ein schlechter Mensch.“

Der Löwenvergleich schützt das Selbstbild.

b) Humor als Abwehr
„Haha, soll ich jetzt auch Löwen erziehen?“ 
Humor ist ein Schutzmechanismus, um nicht ernsthaft diskutieren zu müssen.

c) Mangel an Argumenten
Viele Menschen haben nie über Tierethik nachgedacht. 
Wenn ihnen die Argumente ausgehen, greifen sie zu absurden Analogien.

d) Verantwortung externalisieren
Wenn ich mich mit einem Tier vergleiche, das keine Wahl hat, muss ich mich nicht mit meiner eigenen Wahl auseinandersetzen.


Was der Löwenvergleich über unsere Gesellschaft verrät

Der Löwenvergleich ist ein Symptom. 
Er zeigt, wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, Tierleid zu normalisieren.

Wir leben in einer Kultur, in der:

– Tierprodukte überall sind 
– Tierleid unsichtbar gemacht wird 
– Fleischessen als „normal“ gilt 
– Kritik daran als Angriff empfunden wird 

Wenn jemand vegan lebt, wird das oft als moralische Provokation wahrgenommen – selbst wenn man gar nichts sagt. Allein die Existenz eines veganen Menschen erinnert andere daran, dass es Alternativen gibt.

Der Löwenvergleich ist also nicht nur ein rhetorischer Fehler. 
Er ist ein Spiegel. 
Er zeigt, wie tief die Abwehr sitzt.


Was ich aus all dem gelernt habe

Ich habe irgendwann aufgehört, mich über den Löwenvergleich aufzuregen. 
Heute sehe ich ihn als Einladung. 
Als Zeichen dafür, dass jemand innerlich ringt.

Denn niemand, der wirklich überzeugt ist, dass sein Verhalten moralisch unproblematisch ist, würde sich mit einem Löwen vergleichen.

Der Löwenvergleich ist ein Eingeständnis – wenn auch ein unbewusstes: 
„Ich weiß, dass ich eine Wahl habe. Und ich weiß, dass diese Wahl Konsequenzen hat.“


Wie ich heute darauf reagiere

Wenn mir jemand sagt: „Dann verbiete doch auch Löwen das Fleisch!“, dann antworte ich meistens ruhig und mit einem kleinen Lächeln:

„Wenn Du mir zeigen kannst, dass Du ein Löwe bist – vier Beine, Fell, keine moralische Entscheidungsfähigkeit – dann reden wir weiter.“

Oder etwas ernster:

„Löwen müssen Fleisch essen. Du nicht. Lass uns über Deine Entscheidungen sprechen, nicht über Tiere, die keine Wahl haben.“

Und manchmal, wenn ich merke, dass die Person eigentlich offen ist, sage ich:

„Ich glaube, Du weißt selbst, dass der Vergleich hinkt. Was macht das Thema für Dich schwierig?“

Denn oft steckt hinter dem Löwenvergleich keine Bosheit, sondern Unsicherheit.


Fazit: Der Löwe ist nicht das Problem – wir sind es

Der Löwenvergleich ist kein Argument. 
Er ist ein Reflex. 
Ein Versuch, Verantwortung abzuwehren.

Aber er zeigt auch, dass Menschen tief in sich wissen, dass unser Umgang mit Tieren nicht mit unseren moralischen Werten vereinbar ist.

Und genau deshalb lohnt es sich, darüber zu sprechen. 
Nicht mit Arroganz. 
Nicht mit Belehrung. 
Sondern mit Klarheit, Empathie und der Bereitschaft, zuzuhören.

Denn am Ende geht es nicht um Löwen. 
Es geht um uns. 
Um unsere Entscheidungen. 
Und darum, welche Art von Menschen wir sein wollen.

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