Es gibt Diskussionen, die immer wieder auftauchen, egal wie oft man sie sachlich einordnet. Eine davon ist die über Migration und Kriminalität. Spätestens wenn irgendwo eine Talkshow läuft oder ein Wahlkampf beginnt, wird die Polizeiliche Kriminalstatistik – kurz PKS – hervorgeholt wie ein Joker, der angeblich alles beweist: „Ausländer“ seien überproportional kriminell. Punkt. Ende der Debatte.
Nur ist das kein Punkt, sondern ein riesiges Fragezeichen. Und je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, desto klarer wird mir: Die PKS sagt darüber so gut wie nichts aus. Im Gegenteil – sie zeigt vor allem, wie Polizei arbeitet, wen sie kontrolliert, welche Vorannahmen sie hat und welche gesellschaftlichen Strukturen im Hintergrund wirken.
Ich möchte Dich in diesem Artikel mitnehmen in meine Gedanken, meine Erfahrungen und die Erkenntnisse, die ich über die Jahre gesammelt habe. Nicht, um Dir vorzuschreiben, was Du denken sollst, sondern um Dir zu zeigen, warum ein zweiter Blick auf diese Zahlen dringend nötig ist.
Die PKS misst nicht Kriminalität – sie misst polizeiliche Wahrnehmung
Das ist der wichtigste Punkt, und trotzdem wird er in Debatten fast immer ignoriert:
Die PKS erfasst Tatverdächtige, nicht Täter:innen.
Das klingt nach einem kleinen Unterschied, ist aber ein gewaltiger. Denn „tatverdächtig“ heißt:
– Die Polizei hält jemanden für verdächtig.
– Es gibt eine Anzeige oder einen Hinweis.
– Es gab eine Kontrolle.
– Oder jemand wurde schlicht verwechselt.
Es heißt nicht, dass diese Person die Tat begangen hat.
Es heißt nicht, dass ein Gericht sie verurteilt hat.
Es heißt nicht, dass die Person überhaupt etwas getan hat.
Die PKS ist also kein Spiegel der tatsächlichen Kriminalität, sondern ein Spiegel polizeilicher Arbeit. Und diese Arbeit ist – wie jede menschliche Institution – nicht frei von Fehlern, Vorannahmen oder gesellschaftlichen Verzerrungen.
Wenn man das verstanden hat, wird die Debatte plötzlich viel komplizierter. Und ehrlicher.
Warum „Ausländer“ in der PKS überrepräsentiert erscheinen
Es gibt mehrere Gründe, die nichts mit einer angeblich höheren Kriminalitätsneigung zu tun haben. Ich gehe sie der Reihe nach durch, weil sie zusammen ein Bild ergeben, das man nicht ignorieren kann.
A. Polizeiliche Kontrollpraxis
Wenn bestimmte Gruppen häufiger kontrolliert werden, tauchen sie häufiger in der Statistik auf.
Das ist reine Mathematik.
Wenn Du zehnmal so oft kontrolliert wirst wie andere, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man Dir etwas anhängt – egal ob berechtigt oder nicht.
Und genau das passiert:
– Menschen mit dunklerer Hautfarbe
– Menschen, die „nicht deutsch“ aussehen
– Menschen, die in bestimmten Vierteln wohnen
– Menschen, die jung und männlich sind
werden häufiger kontrolliert. Das ist kein Geheimnis, sondern seit Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.
B. Spezielle Straftatbestände für Nicht-Deutsche
Viele Delikte existieren nur für Menschen ohne deutschen Pass:
– Verstöße gegen Aufenthaltsauflagen
– Nicht eingehaltene Meldepflichten
– Probleme mit Papieren
– Arbeitsverbote, die verletzt werden
Diese Delikte tauchen in der PKS auf – und erhöhen die Zahl der „ausländischen Tatverdächtigen“, obwohl sie nichts über Gewalt, Diebstahl oder sonstige Kriminalität aussagen.
C. Sozioökonomische Faktoren
Kriminalität korreliert nicht mit Herkunft, sondern mit Lebensumständen:
– Armut
– Perspektivlosigkeit
– Diskriminierung
– Traumata
– Schlechter Zugang zu Bildung
– Enge Wohnverhältnisse
Wenn Menschen unter Druck stehen, steigt das Risiko für Konflikte, Überlebenstaktiken und Fehlentscheidungen. Das gilt für alle – egal ob deutsch oder nicht.
D. Anzeigeverhalten
Menschen zeigen „Fremde“ schneller an als „Einheimische“.
Das ist gut belegt und hat viel mit Vorurteilen zu tun.
Wenn zwei Jugendliche sich prügeln, und einer sieht „nicht deutsch“ aus, wird er häufiger als Täter wahrgenommen – selbst wenn er sich nur gewehrt hat.
E. Polizeiliche Vorannahmen
Polizist:innen sind Menschen.
Menschen haben Vorurteile.
Vorurteile beeinflussen Entscheidungen.
Wenn eine Gruppe als „kriminell“ gilt, wird sie häufiger verdächtigt.
Wenn sie häufiger verdächtigt wird, taucht sie häufiger in der PKS auf.
Wenn sie häufiger in der PKS auftaucht, gilt sie als „kriminell“.
Ein klassischer Zirkelschluss.
Racial Profiling ist kein Mythos – es ist dokumentierte Realität
Ich weiß, dass manche sofort abwinken, wenn man über racial profiling spricht.
„Das gibt’s doch bei uns nicht.“
„Einzelfälle.“
„Übertrieben.“
Aber die Fakten sprechen eine andere Sprache:
– Gerichtsurteile haben polizeiliche Kontrollen als diskriminierend eingestuft.
– Studien zeigen systematische Muster.
– Betroffene berichten seit Jahrzehnten davon.
– Internationale Organisationen kritisieren Deutschland regelmäßig.
Und dann gibt es die Fälle, die so offensichtlich sind, dass man sie nicht wegdiskutieren kann.
Der Mord an Halit Yozgat – und was ich damals erlebt habe
Ich erinnere mich noch sehr genau an die Zeit, als Halit Yozgat hier in Kassel ermordet wurde. Heute wissen wir, dass der NSU dahintersteckte. Damals wusste das niemand – oder besser gesagt: Es wurde nicht ernsthaft in diese Richtung ermittelt.
Stattdessen passierte etwas anderes.
Mein Nachbar und seine Familie wurden nachts von der Polizei überfallen.
Tür aufgesprengt.
Schwerbewaffnete Beamt:innen stürmen die Wohnung.
Kinder schreien.
Chaos.
Der Grund?
Einer der Söhne soll vorher einen Streit mit Halit gehabt haben.
Die Polizei ging von einem „Türkeninternen Racheding“ aus.
Ich sage ganz ehrlich: Ich bin froh, wenn die Polizei jedem Hinweis nachgeht.
Aber tut sie das wirklich?
Denn gleichzeitig gab es in der türkischen Community längst den Verdacht, dass die Morde aus Ausländerfeindlichkeit motiviert sein könnten. Dieser Verdacht wurde geäußert – aber kaum verfolgt.
Und später, als der NSU aufflog, passierten Dinge, die bis heute fassungslos machen:
– Akten verschwanden.
– Verbindungen zum Verfassungsschutz wurden nicht aufgeklärt.
– Verantwortliche wurden geschützt.
– Fehler wurden kleingeredet.
Es wirkte, als wäre jemand auf dem rechten Auge blind – oder als wolle jemand verhindern, dass man genauer hinschaut.
Diese Erfahrung prägt meinen Blick auf die PKS.
Denn sie zeigt, wie schnell Menschen zu Verdächtigen werden können – nicht wegen ihrer Taten, sondern wegen ihrer Herkunft.
Kann es sein, dass „Ausländer“ schneller als tatverdächtig gelten?
Kurz gesagt: Ja.
Und zwar nicht nur „kann sein“, sondern es ist empirisch wahrscheinlich.
Wenn Du all die Faktoren zusammennimmst:
– mehr Kontrollen
– mehr Anzeigen
– mehr Vorannahmen
– mehr Delikte, die nur für Nicht-Deutsche gelten
– mehr soziale Belastungen
dann ist die Überrepräsentation in der PKS kein Beweis für höhere Kriminalität, sondern ein Beweis für strukturelle Verzerrungen.
Was wirklich aussagekräftig ist: Lebensumstände statt Herkunft
Wenn wir verstehen wollen, warum Menschen kriminell werden, müssen wir uns andere Fragen stellen:
– Wie lebt jemand?
– Welche Chancen hat jemand?
– Welche Traumata bringt jemand mit?
– Welche Perspektiven fehlen?
– Welche Diskriminierungserfahrungen prägen den Alltag?
– Welche Unterstützung gibt es – oder eben nicht?
Kriminologie ist sich seit Jahrzehnten einig:
Kriminalität entsteht aus sozialen Bedingungen, nicht aus Nationalität.
Und trotzdem wird die PKS immer wieder als politisches Werkzeug benutzt, um Stimmung zu machen.
Warum die PKS trotzdem so beliebt ist
Die Antwort ist simpel:
Sie liefert Zahlen.
Zahlen wirken objektiv.
Zahlen wirken neutral.
Zahlen wirken endgültig.
Aber Zahlen ohne Kontext sind gefährlich.
Sie können alles bedeuten – oder gar nichts.
Die PKS ist ein Werkzeug.
Aber sie ist kein Beweis.
Und schon gar nicht für „Ausländerkriminalität“.
Was wir stattdessen brauchen
Wenn wir wirklich verstehen wollen, was in unserer Gesellschaft passiert, brauchen wir:
– unabhängige Studien
– kriminologische Forschung
– Analysen zu Lebensumständen
– Untersuchungen zu institutionellen Vorurteilen
– ehrliche Debatten ohne Sündenböcke
– eine Polizei, die sich selbst kritisch reflektiert
– eine Politik, die nicht mit Angst arbeitet
Und wir brauchen Menschen, die bereit sind, genauer hinzuschauen – auch wenn es unbequem ist.
Mein Fazit
Die PKS ist kein Beweis für „Ausländerkriminalität“.
Sie ist ein Spiegel unserer Gesellschaft, unserer Vorurteile, unserer Strukturen und unserer blinden Flecken.
Wenn wir sie unkritisch benutzen, machen wir uns selbst etwas vor.
Wenn wir sie politisch missbrauchen, schaden wir Menschen, die ohnehin schon unter Druck stehen.
Und wenn wir sie als Wahrheit verkaufen, verhindern wir echte Lösungen.
Ich glaube, wir können es besser.
Und ich glaube, Du kannst es auch.
Denn wer bereit ist, einen zweiten Blick zu wagen, sieht plötzlich viel klarer.