Es gibt Themen, die wie ein Pulverfass funktionieren. Du sagst einen Satz, der für dich logisch, ethisch und gut gemeint ist – und plötzlich explodiert die Kommentarspalte. Genau so fühlt es sich an, wenn ich darüber spreche, dass Rassismus und Speziesismus miteinander verwoben sind. Nicht identisch, nicht austauschbar, nicht vergleichbar im Leid – aber strukturell miteinander verbunden.
Und jedes Mal, wenn ich das anspreche, kommt der Vorwurf: „Das ist rassistisch.“
Doch ist es das wirklich? Oder zeigt dieser Reflex etwas anderes – nämlich, wie tief die Wunden sitzen und wie schwer es uns fällt, über Hierarchien zu sprechen, die wir selbst noch nicht vollständig entlernt haben?
Ich möchte dich in diesem Artikel mitnehmen in meine Gedankenwelt. Nicht, um irgendjemandem etwas wegzunehmen, sondern um zu zeigen, warum ich überzeugt bin:
Wir können Rassismus nicht vollständig verstehen, solange wir Speziesismus ausklammern.
Nicht, weil das eine „wichtiger“ wäre als das andere, sondern weil Unterdrückungssysteme nicht isoliert funktionieren. Sie verstärken sich gegenseitig. Sie legitimieren sich gegenseitig. Und genau deshalb können wir sie auch gemeinsam hinterfragen.
Der Satz, der alles auslöst: „Menschen wie Tiere behandeln“
Wir alle kennen diese Formulierung. Sie taucht in Nachrichten, in politischen Debatten, in Alltagsgesprächen auf. Und sie funktioniert nur, weil wir als Gesellschaft akzeptiert haben, dass Tiere schlecht behandelt werden dürfen. Dass sie die „unterste Stufe“ sind. Dass Gewalt gegen sie normalisiert ist.
Wenn wir sagen: „Menschen werden wie Tiere behandelt“, meinen wir:
Sie werden entwürdigt, entrechtet, misshandelt.
Doch warum ist „Tiersein“ überhaupt ein Synonym für „Würdeverlust“?
Weil wir Tiere seit Jahrhunderten wie Dreck behandeln.
Weil wir sie töten, ausbeuten, einsperren, verstümmeln – und das alles als selbstverständlich betrachten.
Wenn die unterste Stufe der gesellschaftlichen Hierarchie „Tier“ ist, dann ist es logisch, dass rassistische Systeme genau diese Stufe nutzen, um Menschen herabzusetzen.
Nicht, weil Tiere wertlos wären – sondern weil wir sie so behandeln.
Hier zeigt sich bereits: Unterdrückung ist kein Nebeneinander, sondern ein Geflecht.
Warum der Vergleich so oft falsch verstanden wird
Ich habe gelernt, dass es nicht reicht, eine gute Intention zu haben. Worte tragen Geschichte. Und die Geschichte ist brutal.
Menschen wurden über Jahrhunderte als Tiere bezeichnet, um Gewalt zu legitimieren.
PoC wurden entmenschlicht, animalisiert, versklavt, gejagt, verkauft.
Diese Wunden sind nicht abstrakt. Sie sind real, körperlich, familiär, transgenerational.
Wenn ich also sage:
„Wir müssen Speziesismus und Rassismus zusammen denken“,
dann hören manche:
„Du vergleichst mich mit einem Tier.“
Das ist nicht das, was ich meine. Aber es ist das, was ankommt – und das muss ich ernst nehmen.
Ich kann den Schmerz nicht nachvollziehen, weil ich ihn nie erlebt habe.
Ich kann nur zuhören, lernen, verlernen und meine Worte präziser wählen.
Warum ich trotzdem überzeugt bin, dass beide Kämpfe zusammengehören
Ich spreche nicht über Leidensvergleiche.
Ich spreche über Strukturen.
Rassismus und Speziesismus funktionieren über ähnliche Mechanismen:
– Hierarchisierung von Leben
– Legitimierung von Gewalt durch Abwertung
– Nützlichkeitslogik („Wer dient wem?“)
– Entmenschlichung bzw. Entsubjektivierung
– Normalisierung von Ungleichheit
Ein weiterer Punkt, der oft übersehen wird:
Alle Menschen sind biologisch Tiere.
Wir sind Säugetiere, Primaten, Teil derselben evolutionären Linie wie alle anderen Lebewesen auf diesem Planeten.
Das bedeutet nicht, dass Menschen und andere Tiere „gleich“ wären – aber es bedeutet, dass die scharfe Grenze, die wir kulturell ziehen, keine biologische ist, sondern eine soziale Konstruktion.
Und genau diese Konstruktion – die Idee, dass „Tiersein“ automatisch „Wenigerwertsein“ bedeutet – ist der Kern des Problems.
Sie ermöglicht Speziesismus.
Sie ermöglicht aber auch, dass Menschen abgewertet werden, indem man sie „veranimalisiert“.
Wenn wir akzeptieren, dass es legitim ist, Lebewesen nach Spezies zu sortieren und ihnen je nach Kategorie Rechte zu- oder abzusprechen, dann schaffen wir ein kulturelles Fundament, auf dem auch andere Formen der Abwertung gedeihen können.
Das heißt nicht, dass Rassismus aus Speziesismus entsteht.
Aber beide speisen sich aus derselben Quelle:
dem Glauben, dass manche Leben weniger wert sind als andere.
Und genau deshalb ist es ein Irrtum zu glauben, man müsse erst „unsere“ Unterdrückung lösen, bevor man sich um andere kümmert.
Unterdrückung ist nicht sequenziell. Sie ist simultan.
Und sie ist gemeinsam angreifbar.
Warum die Debatte so schnell eskaliert
Ich habe oft beobachtet, wie Veganer:innen versuchen, die Verbindung zwischen Rassismus und Speziesismus zu erklären – und wie sofort ein Shitstorm losbricht.
Warum?
a) Historische Traumata werden getriggert
Wenn du über Jahrhunderte als „Tier“ bezeichnet wurdest, ist jeder Bezug zu Tieren ein rotes Tuch.
b) Die Betroffenheit ist asymmetrisch
Rassismus betrifft Menschen unmittelbar, körperlich, politisch.
Speziesismus betrifft Tiere – und Menschen, die sich ethisch verantwortlich fühlen.
Das erzeugt das Gefühl:
„Du relativierst mein Leid.“
c) Angst vor Vereinnahmung
Viele marginalisierte Gruppen haben erlebt, dass ihre Kämpfe instrumentalisiert wurden.
d) Sprachliche Unschärfe
Viele Debatten scheitern nicht an der Idee, sondern an der Formulierung.
Wie ich gelernt habe, darüber zu sprechen, ohne Menschen zu verletzen
Ich habe verstanden, dass ich drei Dinge gleichzeitig tun muss:
1. Betroffenheit anerkennen
„Ich kann euren Schmerz nicht verstehen, aber ich nehme ihn ernst.“
2. Strukturen statt Leid vergleichen
Nicht: „Das ist gleich schlimm.“
Sondern: „Das funktioniert nach ähnlichen Mustern.“
3. Verantwortung bei mir lassen
Nicht: „Ihr müsst das so sehen.“
Sondern: „Ich kann Rassismus nicht denken, ohne auch Speziesismus zu hinterfragen.“
Warum es kein Angriff auf PoC ist, Tiere als gleichwertig zu sehen
Viele Menschen glauben, dass die Gleichwertigkeit von Tieren automatisch bedeutet, dass man Menschen „herunterstuft“.
Aber das Gegenteil ist der Fall.
Wenn ich sage:
„Alle Lebewesen verdienen Respekt“,
dann hebe ich Tiere an, ich senke Menschen nicht ab.
Ich will keine Gleichmacherei.
Ich will keine Verwischung von Unterschieden.
Ich will eine Ethik, die nicht auf Abwertung basiert.
Wenn die unterste Stufe – das bare minimum – Respekt ist,
dann gibt es keine Stufe mehr, auf die man Menschen herabsetzen kann.
Warum wir als Gesellschaft nur wachsen können, wenn wir diese Verbindung anerkennen
Wir leben in einer Welt, die auf Ausbeutung basiert.
Auf der Ausbeutung von Menschen.
Auf der Ausbeutung von Tieren.
Auf der Ausbeutung von Natur.
Diese Systeme sind nicht getrennt.
Sie sind miteinander verwoben, verstärken sich gegenseitig, legitimieren sich gegenseitig.
Und deshalb ist es ein Trugschluss zu glauben, man müsse erst „das eine“ lösen, bevor man „das andere“ angeht.
Unterdrückung ist ein Netzwerk.
Wenn wir an einem Knoten ziehen, bewegt sich das ganze Geflecht.
Das bedeutet nicht, dass alle dieselben Kämpfe führen müssen.
Aber es bedeutet, dass wir verstehen sollten, wie diese Kämpfe zusammenhängen.
Mein persönliches Fazit
Ich werde nie vollständig verstehen, wie sich rassistische Gewalt anfühlt.
Ich werde nie die Erfahrung von PoC besitzen.
Ich werde nie behaupten, dass Speziesismus und Rassismus „gleich“ sind.
Aber ich werde weiterhin sagen:
Wir können Rassismus nicht vollständig überwinden, solange wir akzeptieren, dass es legitim ist, Lebewesen zu hierarchisieren.
Nicht, weil Tiere „wie Menschen“ wären.
Nicht, weil Menschen „wie Tiere“ wären.
Sondern weil jede Form von Abwertung auf derselben Logik basiert.
Und wenn wir diese Logik nicht aufbrechen, bleibt jede Befreiung unvollständig.
Ich schreibe das nicht, um zu provozieren.
Ich schreibe es, weil ich glaube, dass wir eine Welt schaffen können, in der niemand – wirklich niemand – auf die unterste Stufe gestellt wird.
Eine Welt, in der Respekt das Minimum ist.
Eine Welt, in der Befreiung nicht gegeneinander ausgespielt wird.
Eine Welt, in der wir verstehen, dass Gerechtigkeit nicht in Hierarchien existiert,
sondern in Verbindungen.