2026 passiert etwas, das mich sofort gepackt hat: Die christliche Fastenzeit und der muslimische Ramadan beginnen praktisch gleichzeitig. Am 18. Februar starten Christ:innen in die Fastenzeit, am 19. Februar beginnt für Muslim:innen der erste Fastentag des Ramadan.
Für mich ist das ein faszinierender Moment. Nicht, weil ich religiöse Spektakel suche, sondern weil ich spüre, dass hier zwei große spirituelle Traditionen gleichzeitig innehalten. Zwei Wege, die sich sonst selten zeitlich berühren, laufen plötzlich parallel. Und ich frage mich: Was können wir daraus lernen – über uns selbst, über unsere Gesellschaft und über das Fasten an sich?
Ich möchte Dich in diesem Artikel mitnehmen:
in die christliche Fastenzeit, in den Ramadan, in ihre Gemeinsamkeiten – und dann in die weltliche, wissenschaftliche Sicht auf das Fasten.
Christliche Fastenzeit: 40 Tage Fokus, Reduktion und innere Klärung
Wenn ich an die christliche Fastenzeit denke, denke ich an Aschermittwoch. Ein Tag, der mich immer ein bisschen erdet. Ein Tag, der sagt: „Schau hin. Werde ehrlich. Werde still.“
Die christliche Fastenzeit dauert 40 Tage – eine symbolische Zahl, die an Jesu Zeit in der Wüste erinnert. Aber anders als viele meinen, bedeutet das nicht 40 Tage totale Nahrungsabstinenz. Christliches Fasten ist viel flexibler, viel persönlicher, viel alltagsnäher.
Typische Formen sind:
– Verzicht auf Fleisch, Alkohol oder Süßigkeiten
– Reduktion von Medien, Social Media oder Konsum
– bewusste Zeiten der Stille, des Gebets oder der Reflexion
– Engagement für andere, Spenden, Solidarität
Was mich daran beeindruckt:
Fasten ist im Christentum kein Selbstzweck. Es geht nicht darum, sich zu quälen oder zu beweisen, wie diszipliniert man ist. Jesus selbst sagt: „Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht.“
Fasten soll nicht zur Show werden.
Fasten soll nicht zum Ego‑Projekt werden.
Fasten soll nicht zum moralischen Wettbewerb werden.
Der Prophet Jesaja bringt es auf den Punkt:
Fasten ohne Gerechtigkeit ist wertlos.
Fasten ohne Mitgefühl ist leer.
Fasten ohne Solidarität ist nur Diät.
Christliches Fasten ist also eine Einladung:
weniger Ablenkung, mehr Bewusstsein.
weniger Konsum, mehr Menschlichkeit.
Ramadan: Fasten als Schule der Geduld, Dankbarkeit und Gemeinschaft
Der Ramadan ist eine der fünf Säulen des Islam – und eine der bekanntesten Fastentraditionen der Welt. Aber auch hier gilt: Es geht nicht darum, sich zu zerstören. Der Koran beschreibt das Fasten als Übung in Selbstbeherrschung, Achtsamkeit und Dankbarkeit.
Im Ramadan gilt:
– Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang: kein Essen, kein Trinken, kein Rauchen, kein Sex
– Nach Sonnenuntergang: gemeinsames Essen (Iftar), oft mit Familie, Freund:innen, Nachbar:innen
– Zusätzlich: Spenden (Zakat), freiwillige Wohltätigkeit (Sadaqa), Versöhnung, gute Worte
Was mich besonders berührt:
Wer aus gesundheitlichen Gründen nicht fasten kann, soll stattdessen Bedürftige speisen.
Fasten ist also nicht nur Verzicht – es ist ein sozialer Akt.
Fasten ist Gemeinschaft.
Fasten ist Verantwortung.
Auch im Islam gilt:
Fasten ohne gutes Verhalten ist wertlos.
Fasten ohne Mitgefühl ist nur Durst.
Fasten ohne Haltung ist nur Ritual.
Der Ramadan ist eine Schule der Geduld – und der Verbundenheit.
Wenn zwei Fastenzeiten gleichzeitig beginnen: Was verbindet Christ:innen und Muslim:innen?
Je mehr ich mich mit beiden Traditionen beschäftige, desto klarer wird mir: Die äußeren Regeln unterscheiden sich, aber die innere Logik ist fast identisch.
1. Verzicht als Werkzeug, nicht als Selbstzweck
Christlich: individuell, flexibel, alltagsnah.
Muslimisch: strukturiert, rhythmisch, gemeinschaftlich.
Aber in beiden Fällen gilt:
Verzicht soll bewusst machen, nicht zerstören.
2. Gutes tun als Kern des Fastens
Christlich: Solidarität, Teilen, Jesaja 58.
Muslimisch: Zakat, Speisung, Gastfreundschaft.
Fasten ohne Mitgefühl ist in beiden Traditionen wertlos.
3. Die richtige Haltung
Christlich: nicht finster dreinschauen.
Muslimisch: Geduld, gute Worte, kein Streit.
Fasten ist kein Anlass, ein angeberisches Arschloch zu werden.
4. Ziel: innere Veränderung
Christlich: Erneuerung, Klarheit, Nähe zu Gott.
Muslimisch: Dankbarkeit, Selbstbeherrschung, Achtsamkeit.
Beide Traditionen wollen das Gleiche:
dass Menschen bewusster leben.
Der weltliche Blick: Was sagt die Wissenschaft über das Fasten?
Ich wollte aber nicht nur die religiöse Seite verstehen. Ich wollte wissen: Was sagt die Forschung? Ist Fasten gesund? Oder gefährlich?
Die Antwort ist: Es kommt darauf an.
Mögliche Vorteile (bei maßvollem Fasten)
1. Stoffwechselregulation
Fasten kann die Insulinsensitivität verbessern und den Blutzucker stabilisieren.
2. Autophagie
Der Körper beginnt, beschädigte Zellbestandteile zu recyceln – ein faszinierender Reparaturmechanismus.
3. Entzündungshemmung
Viele Studien zeigen, dass Fasten Entzündungsmarker senken kann.
4. Herz-Kreislauf-Effekte
Blutdruck und Cholesterin können sich verbessern.
5. Psychologische Klarheit
Viele Menschen berichten von Fokus, Ruhe und emotionaler Stabilität.
Mögliche Risiken (bei Übertreibung)
1. Langes Totalfasten
Mehrere Tage oder Wochen ohne Nahrung können gefährlich sein:
– Kreislaufprobleme
– Elektrolytstörungen
– Muskelabbau
2. Vorerkrankungen
Bei Diabetes, Herzproblemen, Essstörungen oder in der Schwangerschaft ist Fasten riskant.
3. Stress
Fasten kann Schlaf und Stimmung belasten, wenn man ohnehin erschöpft ist.
4. Jojo-Effekt
Nach radikalem Fasten kommt oft radikales Essen.
Was bedeutet das für mich – und vielleicht auch für Dich?
Ich habe für mich gelernt:
– Fasten ist sinnvoll, wenn es maßvoll ist.
– Fasten ist gesund, wenn es achtsam ist.
– Fasten ist spirituell, wenn es ehrlich ist.
– Fasten ist sozial, wenn es solidarisch ist.
Und:
Fasten ist kein Wettbewerb.
Fasten ist kein Ego-Trip.
Fasten ist kein Anlass, anderen zu zeigen, wie „diszipliniert“ man ist.
Fasten ist eine Einladung, mich selbst besser kennenzulernen – und gleichzeitig ein bisschen besser für andere da zu sein.
Wenn Fasten Brücken baut
Dass 2026 die christliche Fastenzeit und der Ramadan gleichzeitig beginnen, ist für mich mehr als ein Kalenderzufall. Es ist ein Moment, der zeigt, wie nah sich Menschen sein können, selbst wenn ihre Wege unterschiedlich aussehen.
Christ:innen fasten.
Muslim:innen fasten.
Und immer geht es um das Gleiche:
– weniger Ablenkung
– mehr Bewusstsein
– weniger Ego
– mehr Solidarität
– weniger Konsum
– mehr Menschlichkeit
Fasten ist kein Hunger.
Fasten ist kein Leiden.
Fasten ist kein Showeffekt.
Fasten ist ein Werkzeug.
Fasten ist eine Haltung.
Fasten ist ein Weg.
Und vielleicht ist genau das die Brücke, die wir 2026 brauchen:
Dass wir erkennen, wie viel uns verbindet – gerade in einer Zeit, in der so viel trennt.
Wenn Christ:innen und Muslim:innen gleichzeitig innehalten, gleichzeitig verzichten, gleichzeitig Gutes tun, dann entsteht ein stiller Raum, in dem wir uns als Menschen begegnen können. Nicht als religiöse Gruppen. Nicht als Identitäten. Sondern als Menschen, die versuchen, bewusster zu leben.
Und vielleicht ist das die schönste Form des Fastens:
eine, die uns nicht trennt, sondern verbindet.