Wenn Teenager den Einsteige-Knigge vergessen – und ich zum Schauspieler werde

Ich steige an meiner Haltestelle aus der Bahn. Eigentlich eine alltägliche Sache. Doch an diesem Tag: eine Horde Teenager, wild entschlossen, die Bahn zu entern, als wäre sie das letzte Schiff Richtung Freiheit. Noch bevor ich den Fuß heben kann, stürmen sie rein – das klassische „Erst mal rein, wer will schon Rücksicht?“.

Ich bin kein Typ, der sich über sowas groß aufregt. Im Gegenteil: Ich bin eher schmerzfrei unterwegs und laufe einfach in den ersten der Gruppe rein. Ein Stoß, ein Blick und plötzlich steht da einer vor mir und blafft: „Du Hurensohn! Willst du aufs Maul?

Jetzt musst du wissen: Ich bin absolut kein Schlägertyp – aber ich bin ein ganz oker Schauspieler. 😉 Also setz ich mein „Dark Side“-Gesicht auf und sag: 
Klar! Du bekommst den ersten Schlag sogar frei, aber wenn der mich nicht umhaut, dann töte ich dich.

Die Worte, die Körpersprache, der Blick – offenbar hat das gesessen. Die ganze Gruppe geht kommentarlos ein paar Schritte zurück. Die Bahn ist wieder mein. Ich steige aus – wie ein Gentleman aus einem Western. Nur ohne Hut.

🤝 Ein paar Tage später…

Ich treffe den gleichen Typen wieder. Allein, ohne seine Entourage. Und was passiert? 
Er grüßt mich. Freundlich.

Ich hab kurz gestutzt. Aber irgendwie fand ich’s auch schön. Vielleicht war’s ein stiller Respekt. Vielleicht war ich für ihn der erste Erwachsene, der sich nicht hat einschüchtern lassen. Vielleicht hat er mich auch einfach nur für verrückt gehalten – kann ja auch beeindrucken.

🔍 Aber mal ehrlich: Wieso ich?

Was ich mich frage: Warum kommen solche „Mutproben“ in ganz harmlosen Situationen? Warum nicht, wenn Nazis durchs Viertel ziehen oder Junkies die Nachbarschaft terrorisieren? Warum ausgerechnet beim Aussteigen aus der Bahn?

Ich verstehe das jugendliche „Ich bin King“-Gehabe ja irgendwo. Große Klappe, coole Sprüche, Respekt einfordern, bevor man ihn verdient hat – das gehört wohl zur Selbstfindung. Aber ich wünsche mir manchmal, dass die Kids ihre Prioritäten checken.

Wenn du schon Mut beweisen willst – dann da, wo’s wirklich zählt. Bei Ungerechtigkeit. Bei echter Bedrohung. Nicht beim Bahnfahrer, der einfach nur den Feierabend erreichen will.

👀 Mein Fazit

Ich mag die kleinen Gangster irgendwo. Sie sind laut, ungestüm, manchmal respektlos – aber auch verletzlich, suchend, und erstaunlich schnell bereit, zu lernen. Manchmal braucht’s keine Erziehung, sondern nur eine gute Szene. Und das Gefühl, dass ihnen jemand auf Augenhöhe begegnet – mit Haltung, aber ohne Zeigefinger.

Bis zur nächsten Fahrt, 
Tim

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