Wenn Anerkennung schwerfällt

Neulich ist etwas passiert, das mich mehr berührt hat, als ich erwartet hätte.

Zu Schichtbeginn hat sich ein Kollege zu Wort gemeldet und ein paar anderen Kolleg:innen die Meinung gesagt. Hintergrund war eine Information von mir in der Nachtschicht am Vortag. Die dauerte etwas länger als sonst, weil es vieles zu berichten gab und einige Fragen beantwortet werden mussten. Offenbar hatten währenddessen manche genervt auf die Uhr geschaut.
Mein Kollege stellte daraufhin klar, dass sie froh sein könnten, überhaupt einen Vertrauensmann zu haben, der sich die Mühe macht, die Belegschaft ordentlich zu informieren, Fragen beantwortet und sich mit den Themen beschäftigt.

Und während er das sagte, saß ich da und merkte plötzlich, wie emotional mich das machte.
Nicht, weil ich denke, dass ich meinen Job besonders gut mache. Auch nicht, weil ich ständig auf Lob aus bin. Eher im Gegenteil.

„Das ist doch selbstverständlich“

Ich kann Anerkennung und Lob schlecht annehmen.
Das liegt nicht daran, dass ich meine Arbeit gering schätze. Ich weiß, wie viel Zeit ich investiere. Ich weiß, wie viele Informationen ich lese, wie viele Gespräche ich führe und wie viele Gedanken ich mir über Themen mache, die uns als Beschäftigte betreffen.
Aber für mich gehört das einfach dazu.

Wenn ich nicht bereit wäre, mich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, hätte ich mich nie zur Wahl gestellt. Wenn mich Arbeitsbedingungen, Gewerkschaftspolitik, soziale Fragen oder gesellschaftliche Entwicklungen nicht interessieren würden, wäre ich vermutlich der falsche Mensch für dieses Amt.
Die Beschäftigung mit solchen Themen ist für mich kein lästiger Zusatz. Sie ist ohnehin Teil meines Lebens.
Ich schreibe darüber auf meinem Blog. Ich verarbeite solche Gedanken in Songtexten. Ich diskutiere darüber mit anderen Menschen. Und als Arbeiter bin ich von vielen Entwicklungen selbst unmittelbar betroffen.
Deshalb fühlt sich vieles, wofür andere mich loben, für mich eher selbstverständlich an.

Der Unterschied zwischen Selbstverständlichkeit und Engagement

Vielleicht liegt genau darin das Problem.
Wir bewerten unser eigenes Handeln oft danach, wie selbstverständlich es sich für uns anfühlt.
Andere bewerten es danach, wie viel Aufwand sie selbst dafür betreiben müssten.
Wer sich ohnehin politisch interessiert, liest einen Artikel mehr oder verfolgt eine Debatte genauer. Das kostet keine besondere Überwindung.
Wer sich für gewerkschaftliche Themen interessiert, informiert sich automatisch über Entwicklungen im Betrieb oder in Tarifrunden.
Wer gerne schreibt, formuliert auch mal längere Informationen oder Erklärungen.
Für mich greifen diese Dinge ineinander.
Für viele andere sind sie aber zusätzliche Arbeit.
Und deshalb nehmen sie etwas wahr, das ich selbst oft gar nicht sehe.

Gewählt wird man nicht allein

Ein weiterer Gedanke beschäftigt mich dabei.
Ich habe mich nicht selbst zum Vertrauensmann gemacht.
Ich habe mich zur Wahl gestellt.
Gewählt haben mich die Kolleg:innen.
Sie haben sich bewusst dafür entschieden, dass ich ihre Interessen vertreten soll. Dass ich Informationen weitergebe. Dass ich Fragen beantworte. Dass ich Ansprechpartner bin.
Manchmal vergesse ich das.
Gerade wenn Kritik kommt, wenn jemand genervt reagiert oder wenn Diskussionen anstrengend werden, konzentriert man sich schnell auf die negativen Reaktionen.
Die Menschen, die zufrieden sind, sagen oft nichts.
Die Menschen, die Wertschätzung empfinden, tragen sie oft nicht ständig vor sich her.
Umso stärker wirken die Momente, in denen jemand diese Wertschätzung plötzlich ausspricht.

Warum wir Lob oft wegdiskutieren

Ich glaube, viele Menschen kennen das.
Jemand lobt uns und wir reagieren sofort mit Relativierungen.

  • „War doch nicht der Rede wert.“
  • „Das hätte jede:r gemacht.“
  • „War doch selbstverständlich.“
  • „Ich habe doch nur meinen Job gemacht.“

Dabei übersehen wir etwas Wichtiges.
Dass etwas selbstverständlich sein sollte, bedeutet nicht, dass es selbstverständlich gemacht wird.
Eigentlich sollte jede Führungskraft ihre Beschäftigten respektvoll behandeln.
Eigentlich sollte jede:r Betriebsrat oder Vertrauensmann die Belegschaft ordentlich informieren.
Eigentlich sollte jede:r Verantwortung übernehmen, wenn er oder sie ein Amt übernimmt.
Und trotzdem erleben wir jeden Tag, dass Theorie und Praxis nicht immer dasselbe sind.

Anerkennung annehmen lernen

Vielleicht besteht die Herausforderung gar nicht darin, mehr Anerkennung zu bekommen.
Vielleicht besteht sie darin, Anerkennung anzunehmen.
Nicht im Sinne von Selbstbeweihräucherung. Nicht im Sinne von Eitelkeit.
Sondern einfach als ehrliche Rückmeldung von Menschen, die wahrnehmen, was man tut.
Als mein Kollege neulich für mich Partei ergriffen hat, ging es vermutlich gar nicht darum, mich auf ein Podest zu stellen.
Er hat lediglich ausgesprochen, dass Engagement nicht selbstverständlich ist.
Und vielleicht darf ich das einfach stehen lassen.
Ohne es kleinzureden.
Ohne sofort zu erklären, warum das alles gar nichts Besonderes sei.

Denn manchmal ist Wertschätzung nichts anderes als die Feststellung, dass sich jemand Mühe gibt.
Und vielleicht ist es in Ordnung, wenn man sich darüber gelegentlich sogar ein bisschen freut.

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