Es gibt Momente im Leben, in denen ich innehalte und mir bewusst mache, wie viel Glück ich hatte.
Nicht im Sinne von „Ich habe alles richtig gemacht“, sondern im Sinne von: Ich bin in einem Land geboren worden, in dem Freiheit, soziale Sicherheit und demokratische Rechte nicht nur auf dem Papier stehen, sondern im Alltag spürbar sind.
Und je älter ich werde, desto klarer wird mir, dass das kein Naturzustand ist. Nichts davon ist selbstverständlich. Nichts davon ist garantiert. Und nichts davon bleibt bestehen, wenn wir es nicht aktiv schützen.
Diese Erkenntnis ist der Grund, warum ich am Samstag, dem 20. Juni 2026, auf der Demo des DGB gegen den sozialen Kahlschlag dabei bin.
Nicht, weil ich Lust auf eine Demo habe.
Nicht, weil ich mich gerne empöre.
Sondern weil ich Verantwortung empfinde – für mich, für Dich, für alle Menschen, die heute leben, und für die, die nach uns kommen.
Dankbarkeit statt Stolz
Ich habe nie viel von Nationalstolz gehalten. Für mich ergibt er keinen Sinn. Stolz setzt voraus, dass ich etwas geleistet habe.
Aber ich habe nichts dazu beigetragen, in Deutschland geboren zu werden. Ich habe nicht dafür gekämpft, dass ich hier Grundrechte habe. Ich habe nicht dafür gesorgt, dass ich Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung oder sozialer Absicherung habe.
Das alles ist das Ergebnis von Kämpfen, die andere geführt haben – oft unter Einsatz ihrer Freiheit, ihrer Sicherheit, manchmal ihres Lebens.
Was ich empfinde, ist etwas anderes: Dankbarkeit. Und manchmal sogar Demut.
Demut, weil ich weiß, dass Menschen vor mir für Rechte eingetreten sind, die ich heute selbstverständlich nutze.
Demut, weil ich weiß, dass diese Rechte jederzeit wieder eingeschränkt werden können.
Und Demut, weil ich weiß, dass ich in einer Welt lebe, in der Millionen Menschen diese Freiheiten nicht haben.
Diese Dankbarkeit ist kein passives Gefühl. Sie ist ein Auftrag.
Verantwortung als Generationenvertrag
Ich sehe meine Verantwortung darin, das Gute zu schützen und weiterzuentwickeln. Nicht nur für mich selbst, sondern für alle Menschen in diesem Land – und für die, die nach uns kommen. So wie es die Generationen vor mir getan haben.
Wenn ich an die Geschichte denke, wird mir klar: Jede Generation steht an einem Punkt, an dem sie entscheiden muss, ob sie die Errungenschaften der Vergangenheit bewahrt oder ob sie zulässt, dass sie erodieren. Demokratie, soziale Sicherheit, Arbeitnehmer:innenrechte, Gleichberechtigung — all das wurde nicht geschenkt. Es wurde erkämpft. Und es kann wieder verloren gehen.
Wir sind die Generation, die entscheidet, ob die Kette reißt oder hält.
Warum sozialer Kahlschlag ein Angriff auf die Demokratie ist
Sozialer Kahlschlag klingt nach einem technischen Begriff. Nach Haushaltspolitik. Nach Zahlenkolonnen. Aber in Wahrheit geht es um etwas viel Größeres: Es geht um die Frage, wie wir als Gesellschaft miteinander umgehen.
Wenn soziale Sicherungssysteme geschwächt werden, passiert Folgendes:
Menschen verlieren Vertrauen in den Staat.
Ungleichheit wächst.
Abstiegsängste nehmen zu.
Radikale Kräfte gewinnen Zulauf.
Solidarität bricht weg.
Sozialer Kahlschlag ist kein Sparprogramm. Er ist ein Angriff auf den sozialen Frieden. Und damit ein Angriff auf die Demokratie selbst.
Ich gehe auf die Straße, weil ich nicht bereit bin, zuzusehen, wie Errungenschaften abgebaut werden, die Generationen vor uns mühsam aufgebaut haben. Ich gehe, weil ich weiß, dass Demokratie nicht nur aus Wahlen besteht, sondern aus Beteiligung. Und ich gehe, weil ich weiß, dass Schweigen immer den Kräften nützt, die abbauen wollen – nie denen, die schützen wollen.
Warum Gewerkschaften heute wichtiger sind als je zuvor
Viele Menschen sehen Gewerkschaften als Relikte aus einer anderen Zeit. Ich nicht.
Für mich sind sie eine der wichtigsten demokratischen Institutionen, die wir haben. Ohne Gewerkschaften gäbe es:
keinen Acht‑Stunden‑Tag
keinen Mindestlohn
keinen Kündigungsschutz
keine Tarifverträge
keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall
keine Mitbestimmung
All das ist nicht vom Himmel gefallen. Es wurde erkämpft – oft gegen massive Widerstände.
Und heute? Heute stehen viele dieser Errungenschaften wieder unter Druck. Nicht, weil sie nicht funktionieren würden, sondern weil sie manchen Menschen im Weg stehen, die lieber Profite maximieren als Menschen schützen.
Wenn der DGB zu einer Demo gegen sozialen Kahlschlag aufruft, dann geht es nicht um Nostalgie. Es geht um die Verteidigung der Grundlagen eines gerechten Zusammenlebens.
Warum ich hingehe: Drei persönliche Gründe
1. Weil ich nicht nur profitieren, sondern beitragen will
Ich genieße die Vorteile eines Systems, das andere aufgebaut haben. Ich will nicht der Typ sein, der nur nimmt und nie gibt. Ich will Teil der Generation sein, die Verantwortung übernimmt.
2. Weil Freiheit ohne soziale Sicherheit hohl ist
Was bringt mir formale Freiheit, wenn Menschen real keine Wahl haben? Wenn sie Angst vor Armut haben? Wenn sie nicht wissen, wie sie ihre Miete zahlen sollen? Soziale Sicherheit ist kein Luxus. Sie ist die Grundlage echter Freiheit.
3. Weil ich an eine Zukunft glaube, die besser sein kann als die Gegenwart
Ich gehe nicht auf die Straße, weil ich denke, dass alles schlecht ist. Ich gehe, weil ich weiß, dass es besser sein kann – und weil ich meinen Teil dazu beitragen will.
Demokratie lebt davon, dass wir sie leben
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass Demokratie nicht nur ein System ist, sondern eine Praxis. Sie lebt davon, dass wir uns einmischen. Dass wir widersprechen. Dass wir uns zeigen. Dass wir uns solidarisch verhalten.
Eine Demo ist kein Allheilmittel. Aber sie ist ein Zeichen. Ein Signal. Ein Moment, in dem Menschen sichtbar machen, dass sie nicht bereit sind, Errungenschaften kampflos aufzugeben.
Und manchmal reicht ein Zeichen, um etwas in Bewegung zu setzen.
Warum ich Dich anspreche
Ich schreibe das nicht, um Dich zu belehren. Ich schreibe es, weil ich glaube, dass wir alle in derselben Situation sind:
Wir haben ein Erbe bekommen, das wir nicht verdient haben – und wir müssen entscheiden, was wir damit tun.
Du musst nicht meiner Meinung sein. Du musst nicht auf dieselbe Demo gehen. Aber ich wünsche mir, dass Du Dir dieselbe Frage stellst, die ich mir gestellt habe:
Was will ich der Generation hinter mir hinterlassen?
Eine Gesellschaft, die solidarisch ist?
Oder eine, die auseinanderfällt?
Eine Demokratie, die stark ist?
Oder eine, die erodiert?
Ein Land, das Chancen bietet?
Oder eines, das sie abbaut?
Ich habe meine Antwort gefunden. Und deshalb stehe ich am 20. Juni auf der Straße.