Der Sternewerfer – und was eine alte Geschichte uns heute noch sagen kann

Es gibt Geschichten, die bleiben hängen, obwohl sie klein sind. 

Nicht, weil sie spektakulär wären, sondern weil sie etwas in uns berühren, das wir im Alltag oft übersehen. 
Eine dieser Geschichten ist die vom Sternewerfer – und ich habe sie vor Jahren von einer Freundin gehört, die ich heute leider nicht mehr erreichen kann.

Die Geschichte

Der amerikanische Anthropologe Loren Eiseley beschreibt in seinem Buch The Star Thrower, wie er eines Morgens am Strand spazieren ging. Die Flut hatte in der Nacht Tausende von Seesternen an Land gespült. Als die Sonne aufging, begann der Sand heiß zu werden – zu heiß für die Tiere, die ohne Hilfe sterben würden.

Eiseley sah einen Jungen, der im Sand kniete, einen Seestern nach dem anderen aufhob und zurück ins Meer warf. 
Nach einer Weile fragte er ihn:

Was machst du da?

Der Junge antwortete: 
Ich werfe Seesterne zurück. Wenn ich es nicht tue, sterben sie.

Eiseley sah den Strand entlang. Kilometerweit lagen Seesterne. 
Er sagte: 
Aber das sind Tausende. Du kannst unmöglich alle retten. Das hat doch keinen Sinn.

Der Junge hörte zu, bückte sich, hob einen weiteren Seestern auf, warf ihn ins Wasser und sagte:

Aber für diesen hat es einen Sinn.

Warum diese Geschichte wichtig ist

Wir leben in einer Welt, die uns ständig einredet, dass nur große Taten zählen. 
Dass man erst dann etwas „Bedeutendes“ tut, wenn es messbar, sichtbar, statistisch relevant ist. 
Und gleichzeitig stehen wir vor Problemen, die so gigantisch wirken, dass man sich fragt, ob das eigene Handeln überhaupt noch irgendeinen Unterschied macht.

Die Geschichte vom Sternewerfer widerspricht diesem Denken radikal.

Sie sagt:

– Du musst nicht alles retten, um etwas zu retten. 
– Du musst nicht die Welt verändern, um eine Welt zu verändern. 
– Und du musst nicht perfekt sein, um wirksam zu sein.

Es ist eine Erinnerung daran, dass Bedeutung nicht im Großen beginnt, sondern im Konkreten. 
Im Einzelnen. 
Im Jetzt.

Mein persönlicher Bezug

Vor vielen Jahren hat mir eine Freundin diese Geschichte erzählt. 
Ich nannte sie „Flummi“. 
Nicht, weil sie albern war, sondern weil sie eine dieser seltenen Personen war, die Energie und Wärme ausstrahlen, ohne sich dafür anzustrengen.

Wir haben uns irgendwann aus den Augen verloren. 
Kein Streit, kein Drama, kein Bruch. 
Nur das Leben, das manchmal leise Türen schließt, ohne dass man es merkt.

Aber diese Geschichte ist geblieben. 
Und sie taucht immer wieder auf, wenn ich mich frage, ob kleine Handlungen überhaupt noch zählen. 
Ob es Sinn ergibt, sich einzumischen, zu helfen, zu schreiben, zu erklären, zu unterstützen – auch wenn man weiß, dass man nicht „den ganzen Strand“ retten kann.

Dann denke ich an diese Geschichte. 
Und an Flummi.

Zum Schluss

Falls du das hier irgendwann liest, Flummi:

Danke, dass du mir diese Geschichte damals gezeigt hast. 
Danke für den Gedanken, der geblieben ist. 
Und ich wünsche dir – wo auch immer du heute bist – alles Gute.

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