Ich habe lange darüber nachgedacht, was Erwachsensein eigentlich sein soll. Nicht das, was im Gesetz steht, nicht das, was in irgendwelchen Ratgeberbüchern steht, sondern das, was wir im Alltag erleben. Und je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir:
Erwachsensein ist weniger ein Reifeprozess und mehr ein Verwaltungsstatus.
Ein Status, der Dir plötzlich Pflichten aufdrückt, die Du nie gewählt hast – und der Dich für Dinge haftbar macht, die Du manchmal nicht einmal verstehst.
Der Moment, in dem Erwachsensein kippt
Als Kind glaubst Du, Erwachsensein bedeutet Freiheit.
Als Erwachsene Person merkst Du, Erwachsensein bedeutet:
Du kannst für das Nicht‑Öffnen eines Briefes im Gefängnis landen.
Das ist kein Witz.
Das ist Realität.
Und es zeigt, wie absurd der gesellschaftliche Begriff von Erwachsensein ist.
Erwachsensein wird verkauft als Selbstbestimmung.
Aber oft fühlt es sich an wie eine Drohung.
Das kulturelle Skript: Erwachsen = funktionieren
Wenn ich mir anschaue, wie Erwachsene miteinander umgehen, dann sehe ich ein unausgesprochenes Skript:
- Du musst funktionieren.
- Du musst ernst sein.
- Du musst professionell wirken.
- Du musst belastbar sein.
- Du musst alles im Griff haben.
- Du musst Verantwortung tragen – egal, ob Du sie willst oder nicht.
Dieses Skript ist alt.
Es stammt aus Zeiten, in denen Menschen vor allem als Arbeitskraft, Steuerzahler oder Soldat definiert wurden.
Und genau dieses Skript wirkt bis heute nach.
Leichtigkeit als Störsignal
Ich versuche, mein Leben mit Leichtigkeit zu leben.
Nicht verantwortungslos, sondern bewusst.
Ich will nicht in diesem grauen Erwachsenenmodus versinken, in dem alles schwer und ernst ist.
Aber Leichtigkeit provoziert Menschen.
Sie irritiert.
Sie macht nervös.
Warum?
- Viele haben ihre eigene Leichtigkeit verloren
- Normdruck zwingt alle in denselben Ernsthaftigkeitsmodus
- Professionalität wird mit Trockenheit verwechselt
Wenn ich locker bleibe, wenn ich lache, wenn ich Humor einsetze, dann stoße ich an Grenzen.
Nicht meine Grenzen – die Grenzen anderer.
Und diese Grenzen werden verteidigt.
Manchmal mit Blicken.
Manchmal mit Sprüchen.
Manchmal mit Sanktionen.
Erwachsensein als Systemstatus
Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir:
Erwachsensein ist kein innerer Zustand. Es ist ein äußerer Rahmen.
Ein Rahmen, der sagt:
- Du bist jetzt haftbar.
- Du bist jetzt verantwortlich.
- Du bist jetzt adressierbar.
- Du bist jetzt verwaltbar.
- Du bist jetzt sanktionierbar.
Das ist der Grund, warum ein ungeöffneter Brief plötzlich zu einem Risiko wird.
Nicht, weil Du unreif bist.
Sondern weil das System Dich jetzt als vollwertige Zielperson betrachtet.
Das ist kein Reifeprozess.
Das ist Bürokratie.
Was Erwachsensein eigentlich sein sollte
Wenn ich das Skript neu schreiben dürfte, dann wäre Erwachsensein:
- Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung
- Reife statt Ernsthaftigkeit
- Bewusstsein statt Bürokratie
- Freiheit statt Funktionalität
- Leichtigkeit statt Dauerstress
Erwachsensein sollte ein Zustand sein, in dem Du mehr Möglichkeiten hast – nicht mehr Drohungen.
Der Konflikt: Ich vs. das Erwachsenen-Skript
Ich will ein Leben, das sich lebendig anfühlt.
Die Gesellschaft will ein Leben, das sich verwaltbar anfühlt.
Ich will Leichtigkeit.
Die Gesellschaft will Ernsthaftigkeit.
Ich will Freiheit.
Die Gesellschaft will Haftbarkeit.
Und genau deshalb fühlt sich Erwachsensein wie eine Falle an:
Nicht, weil ich mich weigere, Verantwortung zu übernehmen.
Sondern weil das System Verantwortung als Druckmittel benutzt.
Warum ich trotzdem Leichtigkeit verteidige
Trotz all dem bleibe ich dabei:
Leichtigkeit ist kein Luxus.
Sie ist ein Stück Würde.
Sie ist ein Akt der Selbstbehauptung.
In einer Gesellschaft, die Ernsthaftigkeit glorifiziert, ist Leichtigkeit ein politischer Akt.
Ein stiller, aber kraftvoller.
Ein Akt, der zeigt:
Ich lasse mir meine Lebendigkeit nicht nehmen.
Denn Erwachsensein muss keine Falle sein.
Aber es wird eine, wenn wir das alte Skript weiterleben.