Wenn Grenzen sichtbar werden: Warum ich mich von Kolleg:innen distanziere

Vor kurzem habe ich etwas gesehen, das mich innerlich komplett ausgebremst hat: Ein Kollege aus einer Nachbarabteilung hat auf Facebook einen offen LGBTQ+:feindlichen Kommentar gepostet. Kein Missverständnis, kein „unglücklich formuliert“, sondern klarer, verletzender Müll.

Ich habe den Screenshot zwei Kolleg:innen aus meiner Schicht gezeigt, weil ich dachte: Das muss man gesehen haben. Das geht nicht.
Ich war sicher, dass sie ähnlich reagieren würden wie ich — irritiert, klar ablehnend, vielleicht sogar mit dem Bedürfnis, Abstand zu halten.

Doch dann stand derselbe Typ wieder mit uns in der Raucherecke. Und die beiden haben sich ganz normal, locker, freundlich mit ihm unterhalten. Als wäre nichts passiert. Als hätte er nicht öffentlich gegen Menschen gehetzt, die einfach nur existieren.

Ich bin aufgestanden und gegangen.

Nicht aus Trotz.
Nicht aus Drama.
Sondern aus Haltung.

Die stille Enttäuschung

Was mich daran am meisten trifft, ist nicht der Typ selbst. Der ist für mich abgehakt.
Was mich trifft, sind die beiden Kolleg:innen, die ich eigentlich als tolerant, offen und reflektiert erlebt habe. Besonders bei einer Kollegin tut es weh. Wir haben nur zwei Frauen in der Schicht, und sie ist sonst wirklich cool. Aber hier wurde eine Grenze überschritten, die für mich nicht verhandelbar ist.

Ich erwarte nicht, dass alle dieselben Werte haben wie ich.
Aber ich erwarte, dass Menschen, die sich tolerant nennen, nicht mit jemandem abhängen, der öffentlich gegen marginalisierte Gruppen schießt.

Das ist kein „kleiner Fehltritt“.
Das ist ein Charaktertest.

Warum ich Abstand halte

Ich werde weiterhin professionell bleiben. Dienstgespräche? Klar.
Aber alles darüber hinaus: Nein.

Ich werde nicht aufstehen und gehen, wenn die beiden kommen – das ist für den Typ reserviert, der den Kommentar geschrieben hat.
Aber ich werde Distanz halten. Spürbar, ruhig, konsequent.

Nicht um sie zu bestrafen.
Sondern um meine Werte zu schützen.

Ich bin nicht bereit, mich in eine Runde zu setzen, in der jemand toleriert wird, der aktiv gegen LGBTQ+:Menschen hetzt. Und ich bin nicht bereit, so zu tun, als wäre das egal.

Wenn sie es merken

Falls die Kollegin oder der Kollege irgendwann merkt, dass ich mich zurückziehe und mit mir darüber sprechen will, werde ich klar sagen, was Sache ist:

„Der Kommentar war LGBTQ+:feindlich. Für mich ist das eine Grenze. Ich war überrascht, dass ihr trotzdem locker mit ihm redet.“

Was sie daraus machen, ist dann ihr Ding.
Ich zwinge niemanden zu meiner Haltung.
Aber ich lasse niemanden über meine Grenzen trampeln.

Fazit: Haltung ist kein Hobby

Ich habe gelernt, dass Integrität nicht nur bedeutet, wie ich mich verhalte – sondern auch, wen ich in meiner Nähe dulde.
Manchmal zeigt ein einziger Moment, wer wirklich auf deiner Wellenlänge ist.
Und manchmal zeigt er, wer nur tolerant ist, solange es bequem bleibt.

Ich bleibe bei meiner Linie.
Nicht laut.
Nicht aggressiv.
Aber klar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen